Zeitung Heute : Bezahlte Heimarbeit

André Anwar[Stockholm]

Deutschland will die Krippenplätze ausbauen, Schweden hingegen – das als mustergültig in Sachen Kinderbetreuung gilt – will Eltern Geld zahlen, wenn sie daheim bleiben. Warum führen die Schweden ein Betreuungsgeld ein?


Jahrzehntelang galt Schweden als Vorzeigeland für den Erfolg sozialdemokratischer Familienpolitik. Die im September neu gewählte bürgerliche VierparteienRegierung unter Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt versucht nun eigene Akzente zu setzen: Ab 2008 sollen schwedische Eltern Geld vom Staat erhalten, wenn sie zu Hause bleiben möchten, um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Mütter – oder auch Väter – die sich nach der Geburt eines Kindes erst einmal gegen den Wiedereinstieg in den Beruf entscheiden, erhalten bis zum dritten Lebensjahr des Kindes 320 Euro monatlich.

Damit solle den Eltern eine echte Wahlfreiheit geboten werden, sagt der christdemokratischeSozialminister Göran Hägglund, der das Konzept für ein solches Betreuungsgeld erarbeitet hat. In kaum einem anderen Land auf der Welt sind so viele Frauen berufstätig wie in Schweden, und in kaum einem anderen Land ist der Bedarf an Krippen- und Kitaplätzen so groß.

Doch inzwischen gibt es in Schweden, ähnlich wie in Großbritannien, eine Volksbewegung für das Hausfrauenmodell. Der Stockholmer Stadtteil Solna ist eine Hochburg dieser Bewegung. Hier betreibt Madeleine Lidman seit fünf Jahren das „Netzwerk für Hauseltern“, dessen Mitglieder das Hausfrauendasein als ein Privileg sehen. Dieses Lebensmodell bedeute keinesfalls eine Rückkehr in alte patriarchalische Strukturen, sondern ermögliche mehr Freiheit, argumentieren sie. 40 000 Unterschriften hatte Madeleine Lidmann gesammelt, damit Hausfrauen und Hausmänner, die ihre Kinder selbst betreuen wollen, vom Staat finanziell unterstützt werden. Befürworter hat Lidmann nicht nur im bürgerlich-konservativen Lager, sondern auch bei den Linken. Allerdings gibt es in Schweden auch eine ganze Reihe kritischer Stimmen. Befürchtet wird, dass mit der Einführung eines Hausfrauengehalts der Gleichstellungsgedanke unterlaufen werde. Zumal ein Krippenplatz deutlich teurer sei, als die 320 Euro, die Eltern erhalten sollen, wenn sie ihr Kind zu Hause betreuen. Der Staat wolle auf Kosten der Kinder letztlich nur Geld einsparen, kritisiert die Opposition im schwedischen Reichstag. Und Frauenrechtler warnen vor einer „Betreuungsfalle“. Schließlich wären es am Ende vor allem die Frauen, die daheim am Herd und beim Kind bleiben würden, lautet die Kritik. Denn auch in Schweden verdienen Frauen im Durchschnitt weniger als Männer. Dieser Zustand würde mit der Einführung eines Betreuungsgelds auch noch staatlich unterstützt werden, heißt es. Zudem wäre das Angebot nur für Ehefrauen gut situierter Männer und für arbeitslose Mütter attraktiv. Denn 320 Euro monatlich können nunmal kein volles Jahresgehalt ersetzen.

Selbst die rechtsliberale Volkspartei, die an der Regierung beteiligt ist, hat an dem Vorstoß des Sozialministers etwas auszusetzen. Es sei schließlich vereinbart gewesen, dass mit der Einführung eines Betreuungsgeldes gleichzeitig auch zusätzliche Krippen- und Kitaplätze geschaffen würden. „Die Christdemokraten suchen lediglich ein Thema, mit dem sie sich vor den nächsten Wahlen gegenüber den anderen bürgerlichen Regierungsparteien profilieren können“, heißt es bei den Rechtsliberalen. Und das könnte sogar funktionieren.

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