BEZIEHUNGSFILM„Drei“ : Berlin, Stadt der Liebe

Foto: X Verleih
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Nach seinen Großproduktionen „Das Parfum“ und „The International“ ist Tom Tykwer nach Berlin zurückgekehrt. Mit einem Heimatfilm, der von seinesgleichen erzählt und an vertrauten Schauplätzen spielt, am Schlesischen Tor, im Mauerpark, Gropiusbau, Berliner Ensemble, Palais am Funkturm. Berlin als Tagtraum: Die Orte leuchten von innen, wie das Badeschiff bei Nacht, ein Ufo auf der Spree.

Eine Dreierkiste. Die TV-Moderatorin Hanna (Sophie Rois) und der Architekt Simon (Sebastian Schipper) sind seit 20 Jahren ein ganz normales Paar, mit Altbauwohnung, Teilzeitkrisen und immer noch Spaß beim Sex. Bis der Stammzellenforscher Adam (Devid Striesow) erst Hanna über den Weg läuft und bald darauf Simon. Beide verlieben sich, beide haben Sex mit ihm, ohne das voneinander zu wissen. Reiner Zufall? Möglicherweise.

So perplex war Sophie Rois noch nie. Striesows Lächeln ist unwiderstehlich. Auch Schipper, der längst als Regisseur einen Namen hat, schaut man gerne zu, wenn Simon über sich und sein Begehren ins Staunen gerät. „Drei“ ist schönes Schauspielerkino, erschöpft sich aber nicht im Chaos der Gefühle und der Situationskomik einer Ménage à trois. Älterwerden, Kinderkriegen, Gentechnik, Kopftuchdebatte, Hesse, Bachmann, Judith Butler, Krankheit, Tod (Simon bekommt, ausgerechnet, Hodenkrebs, seine Mutter, Angela Winkler, stirbt an Bauchspeicheldrüsenkrebs), dazu die Kulturszene mit Robert-Wilson-Inszenierung, Sasha Waltz, Vernissagen, Wissenschaftskongress und Gunter von Hagens „Körperwelten“ – all das ist mit von der Partie. Außer Atem im Großstadtdschungel, man theoretisiert und ästhetisiert, und das Leben läuft davon.

Das Schöne an „Drei“ ist die Verspieltheit, mit der all das angetippt wird, das latente Zuviel, die Unruhe der Bilder. Nahaufnahmen, Traumszenen, Split-Screen, Kitsch, Sexfantasien, Filmzitate. Angela Winkler schwebt als Engel in den Himmel über Berlin. Tom Tykwer nimmt sich die Freiheit.

Aber er versagt sie sich auch. Sein Berlin ist nie schmuddelig, das vermeintlich vitale Durcheinander sortiert sich zur erlesenen Komposition, zum coolen Design. „Drei“ behauptet Authentizität – so leben die Fortysomethings – und stilisiert die Stadt doch zur Wirklichkeitsinstallation, zum Laborversuchsfeld über die Chancen und Grenzen der Liebe. Vätermutterkind: Irgendwann wird heiliger Ernst aus dem Spiel, und die Leichtigkeit ist dahin. Liebesfilm für Großstadtbewohner. Christiane Peitz

D 2010, 119 Min., R: Tom Tykwer, D: Sophie Rois, Devid Striesow, Sebastian Schipper

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