Zeitung Heute : Bi Li, das Regal

Die Pekinger haben ein neues Ausflugsziel – den zweitgrößten Ikea-Markt der Welt

Harald Maass[Peking]

Der Sturm auf die neue Welt des Wohnens beginnt an einem grauen Pekinger Frühlingsmorgen. Eingezäunt mit Plastikbändern, warten einige hundert Rentner, Hausfrauen und junge Pekinger vor dem blau-gelb gestrichenen Neubau an der vierten Ringstraße. Der schwedische Botschafter auf dem Podium spricht von Völkerverständigung. Luftballons fliegen in den Himmel. Dann geht es los. Mit gelben Einkaufstüten in den Händen stürmen die Menschen das dreistöckige Gebäude. Regale werden ausgemessen. Betten Probe gelegen. Teelichter eingepackt. Nach einer Stunde ist es so voll, dass die Köche im Restaurant kaum noch mit den Fleischbällchen nachkommen. Am Eingang steht eine Ambulanz bereit.

Ikea eröffnete vergangene Woche in Peking ein neues Einrichtungshaus – das zweitgrößte der Welt (das größte steht in Stockholm). Und obwohl in Peking jeden Tag irgendwo ein neuer Wolkenkratzer oder ein neues Kaufhaus eingeweiht wird, war dieser Tag etwas Besonderes. Seit „Yi Jia“ – so der chinesische Name für Ikea – vor sieben Jahren in einem kleineren Laden die ersten Billy-Regale in Peking verkaufte, war das Möbelhaus ein Ausflugsziel der eigenen Art. Familien trafen sich am Wochenende in dem alten Geschäft, das nun geschlossen wurde, nur um die Kinder dort spielen zu lassen. Manche brachten Torten mit und feierten im Restaurant des Einrichtungshauses ihren Geburtstag. Im neuen Ikea, der rund 100 Millionen Euro gekostet haben soll, ist für all das nun dreimal so viel Platz.

„In China gibt es nur wenige Orte, die so schön und gemütlich sind“, sagt Frau Zhang, während sie das Bücherregal der Serie „Tunhem“ inspiziert. Zwei Stunden sei sie am Morgen mit dem Bus unterwegs gewesen, nur um das neue Möbelhaus zu bewundern, berichtet die Rentnerin. „Zu Hause haben wir noch Möbel im Ming-Stil. Grässlich dunkel.“ Ihr Sohn werde jedoch bald heiraten und ausziehen und dann werde er sich die Wohnung mit Ikea-Möbeln einrichten. „Die Sachen hier sind umweltgerecht, sie stinken nicht“, sagt sie und hält die Nase zum Schnuppern in das Regal. Bei den chinesischen Herstellern würden die Möbel immer nach Chemikalien riechen. Kritisch blickt Frau Zhang auf das Preisschild. 2249 Yuan – umgerechnet 230 Euro. „Das ist etwas teuer.“

43 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. 1200 unterirdische Parkplätze. 500 Angestellte. 36 Kassen. Pekings schöne neue Wohnwelt hat gigantische Ausmaße. „Wir wissen, dass wir hier in China auch eine Art Touristenattraktion sind“, sagt die kanadische Leiterin des Einrichtungshauses, Gillian Drakeford. Deshalb sah das Management dem Ansturm der Kunden mit einiger Sorge entgegen. Um kein Risiko einzugehen, verzichteten die IkeaLeute am Eröffnungstag auf Lockangebote.

Xu Hai ließ sich davon nicht abhalten. „Ich war um neun Uhr da, bevor aufgemacht wurde“, erzählt der 36-Jährige. Ein paar hundert Pekinger standen da bereits Schlange. Doch alles verläuft geordnet. Die Pekinger Polizisten in den sorgfältig gebügelten, dunkelblauen Uniformen, die zur Sicherheit am Eröffnungstag angerückt sind, schlendern wenig später selbst zum Einkaufen durch die Gänge. Liebevoll streicht einer der Beamten mit der Hand über das Ledersofa „Klippan“.

Herr Xu trägt eine altmodische, braune Kaderjacke. Mit seinen Eltern, Frau und Kind lebe er in einer 80-QuadratmeterWohnung im Westen der Stadt, sagt der Büroangestellte. Da die meisten Pekinger in ähnlich beengten Verhältnissen leben, werden bei Ikea alle paar Meter Plastiktruhen und Hängesysteme angeboten. Die „Musterwohnung“ für die Einkind-Familie, die man komplett besichtigen kann, ist 55 Quadratmeter klein. Wichtig sei auch, dass es für alles einen Deckel gebe, erklärt die Mitarbeiterin Chen Yue. „Peking ist so staubig, dass sonst alles dreckig wird.“ Auf Chens Namensschild steht Joy. Alle hier bei Ikea haben englische Namen.

Wie kaum eine andere Marke spiegelt Ikea für die Chinesen den Traum vom Wohlstand und vom westlichen Leben wider. Dafür werden in Peking genau die gleichen „Ekeskog“-Sofas und „Effektiv“Schränke und „Hejsan“-Weingläser verkauft wie im Einrichtungshaus an der Autobahnausfahrt in Deutschland. Das Erfolgsregal „Billy“ heißt auf Chinesisch „Bi Li“. Ikea verkaufe in allen Länder das gleiche Design, erklärt Mitarbeiterin Chen. Allerdings achte man bei der Präsentation der Ware auf regionale Eigenheiten. Weil die chinesischen Frauen eher klein sind, hat man die Regalhöhe um zehn Zentimeter gesenkt.

„Wir glauben, dass wir auch weiterhin einen Beitrag zur Verbesserung des Lebens der einfachen Leute in Peking leisten werden“, sagt Managerin Drakeford. Für einen Großkonzern, der mit weltweit 231 Einrichtungshäusern einen Umsatz von knapp 15 Milliarden Euro macht, klingt das verdächtig uneigennützig. Auf seine Art leistet Ikea jedoch tatsächlich Entwicklungshilfe. Jahrzehntelang standen in Chinas Wohnungen nur die traurigen Billigmöbel des Sozialismus oder nachgemachte schwere Möbel aus der Kaiserzeit – das Pendant zur deutschen Schrankwand in Eiche. Von der Decke leuchtete kaltes Neonlicht. 1998 eröffnete in Schanghai der erste Ikea, und die Chinesen konnten zum ersten Mal moderne Möbel kaufen. Heute gibt es in den Provinzen bereits Nachahmer von Ikea, die vom gelb-blauen Logo bis hin zum Möbeldesign alles kopieren. „Unser Mittel dagegen ist der Preis“, sagen sie bei Ikea. Seit dem Markteintritt habe man die Preise in den drei Filialen in Peking, Schanghai und Guangzhou um rund die Hälfte gesenkt.

Für die meisten Chinesen ist Ikea trotzdem noch eine Luxusmarke. Obwohl das Einrichtungshaus mittlerweile voll mit Menschen ist, die Schubladen aufmachen und Matratzen drücken, kaufen die meisten nur Kleinigkeiten ein. Ein junger Mann trägt die Obstschale „Bulle“ unter dem Arm. Kinder fangen an zu quengeln. Vor der Kaffeemaschine im Restaurant liegen aufgerissene Zuckerpäckchen. Am Nachbartisch streitet ein Pärchen über die Farbe der Küche. Irgendwann an diesem Tag sieht man in der Bettenabteilung die ersten Kunden, die in den Ausstellungsstücken eingeschlafen sind. Spätestens jetzt ist Pekings neuer Ikea eingeweiht.

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