Zeitung Heute : Biederland und die Brandstifter

Seit auch in ihrem Ort eine Moschee brannte, fühlt sich Familie Yahia gefangen im eigenen Haus – Holland nach 16 Anschlägen

Caroline Fetscher

Hier leben Brandstifter. Irgendwo in diesen roten, geduckten  Backsteinhäuschen, die Heldens Straßen säumen, leben die Leute, die eine Moschee angezündet haben. Leute, von deren Tat die ganze Welt erfahren hat. Auch der Imam wohnt in so einem Reihenhaus aus Backstein. Als das zehnjährige Söhnchen des Imams Mohammed al Amriti die Haustür öffnet, barfuß, in Jeans und Hemd, sagt es sofort: „Father and mother are not here.“ Zwar schweben aus der Küche  Schwaden von Essensgeruch heran, und aus dem Wohnzimmer klingt der Fernsehapparat. Aber der Junge beharrt: „There is only me in the house.“ Er spricht ein schönes Kinderenglisch. „We learn it at school“, sagt er noch stolz. Dann zieht er die Tür zu.

Mohammed al Amriti, Vorsitzender der muslimischen Gemeinde in Helden, will wohl im Augenblick mit niemandem sprechen. Schon gar nicht über den Brand, der am Samstag, dem 13. November, die Moschee in diesem niederländischen Städtchen in der Provinz Limburg nahe der deutschen Grenze zerstört hat. Ein weiterer Brand jener Serie von Verbrechen, die das Land über Nacht traurig berühmt machte. Dem Imam sei das Herz schwer geworden von dem Schock, hört man. Er brauche seine Ruhe.

Fast allen hier ist das Herz schwer geworden. Weder die „Autochthonen“, wie man in den Niederlanden die Einheimischen nennt, noch die „Allochthonen“, Bürger ausländischer Herkunft, rühren gern an das Thema. 16 Anschläge auf muslimische Einrichtungen gab es seit dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh durch einen marokkanischen Extremisten am 2.November. In Rotterdam brannte das Tor der Mevlana-Moschee, an eine andere Moschee der Stadt nagelten Unbekannte einen Schweinekopf. In Amsterdam wurde ein marokkanisches Gebetshaus beschmiert. Huizen, Venray, Breda – Brandstifter als Anstifter verführen Nachahmer im Land.

Der Unfriede ist da. Fast scheint es, als habe van Goghs fanatischer Attentäter sein Messer in Hollands Herz gerammt. Sogar eine friedliche Gemeinde wie Helden hat es getroffen. „In den 60 Jahren, die ich hier lebe, gab es nie Probleme mit Ausländern“, sagt Henk van Heugten, Direktor der schmucken Sonderschule De Fontein. Nur vier der über 70 Problemkinder hier kommen aus allochthonen Familien. In einem Ort, wo gerade mal 791 von 20 000 Einwohnern Allochthonen sind, ist das absoluter Durchschnitt. Gewiss, Spannungen gebe es überall, besonders bei pubertären Jugendlichen. Prügeleien, Randalierer …

„Streit um Mädchen, vielleicht“, hofft Piet Gommans, Archivar im Heimatmuseum De Monniek, wo Helden die Spuren seiner Geschichte sammelt, von den Römern bis zur Besetzung durch Napoleons Truppen und den Razzien der Wehrmacht im Herbst 1944. Verlassen steht im Hinterhof des Museums jener bescheidene Barackenbau, der den Muslimen am Ort seit 1981 als Moschee diente. Ein Schild mit arabischer Schrift ist zu sehen, Platten aus Sperrholz sind in die Fensterlaibungen eingelassen, und kohlschwarze Schlieren zeugen von den Rauchzungen, die aus dem Gebäude schlugen. Am Sperrgitter, das die Kriminalpolizei aufgestellt hat, schaukeln vier Blumensträuße im Wind, sie glänzen, es regnet.

Es regnet viel in diesen Tagen. Graue Wolkenschwärme ziehen übers Land, das Wasser prasselt auf Dächer und Asphalt, auf die gläsernen Gewächshäuser mit den Tomatenstauden und Gartenpflanzen. In Strömen, in  Schauern und Schüben schüttet es, als wollte der Himmel allen Feuern vorbeugen.

Heldens alteingesessene Bürger fürchten um den Ruf ihres Gemeinwesens. Die Allochthonen fürchten um noch mehr. Um ihre Sicherheit, um die Selbstverständlichkeit ihres Lebens in den Niederlanden. „Sehen Sie, ich respektiere es, dass der Imam jetzt nicht sprechen kann“, seufzt Halima Yahia. „Aber wer sprechen kann, der soll.“ Halima Yahia ist eine Nachbarin des Imams. Sie schüttelt das Haar und beugt sich auf dem Sofa nach vorn. Sie trägt einen  Rollkragenpullover mit Zopfstrick und modische Hosen, sie sieht elegant aus und selbstbewusst, die Kindergärtnerin am Feierabend. „Menschen müssen miteinander sprechen.“ Halima Yahia sagt diesen Satz so oft an diesem Abend, auf Niederländisch, auf Französisch, auf Arabisch, als sei er eine Beschwörungsformel. Es war auch ihre Moschee, die hier gebrannt hat, die von  Halima und ihrem Mann Ben Harbi Yahia, Vizevorsitzender der muslimischen Gemeinde.

In Helden, aus sechs Kirchdörfern zusammengefügt, leben Halima und Ben Harbi Yahia seit über 30 Jahren. Sie zählen zu den 306000 Marokkanern in den Niederlanden, die seit der Mordtat des Marokkaners „Mohammed B.“ an Theo van Gogh in einen Strudel kollektiver Schuldzuweisungen, Ängste und Projektion geraten sind. Und sie können es noch nicht begreifen. „Ik klap dat niet“, sagt Halima, ich kapiere das nicht. „In unserer Moschee fiel nie ein politisches Wort. Islam, das bedeutet doch Frieden, es ist dasselbe Wort wie Salam und Schalom.“ Nichts haben die Yahias mit dem einen Prozent der Muslime Hollands zu tun, die als Extremisten gelten, nichts mit Fundamentalisten oder Radikalen jeder Art. Der behäbige und nachdenkliche Ben Harbi Yahia saß hier vier Jahre lang im Stadtrat, als Mitglied der konservativen CDA-Partei, einem Äquivalent zur deutschen CDU. Als Ben Harbi 1997 von der Hadsch zurückkam, der Pilgerreise der Muslime, fand er in Helden eine Überraschung vor, die ihn noch heute glücklich macht. „Sehen Sie?“ Diskret weist er auf ein  gerahmtes Foto, das wie die kalligrafischen Koransuren, die marokkanischen Schmuckdolche und die Fotos der drei lachenden Kinder einen Platz an der Wohnzimmerwand gefunden hat. „Unser damaliger Bürgermeister Ben Silkens verleiht mir die Ehrenmedaille der Königin für Bürgerengagement.“ Jahrzehntelang war Ben Harbi Yahia freiwilliger Helfer und Ratgeber für die Einwanderer von Helden.

Die Yahias scheinen wie eingeschlossen in ihrem Haus, alle Jalousien sind heruntergelassen – das ist ungewöhnlich in Holland, wo sich das Leben in den Wohnzimmern meist wie im Schaufenster abspielt. „Wir lassen jeden Abend die Rolllä den runter“, sagen sie, schon immer täten sie das. Es geschehe nicht aus Angst. Ihre niederländischen Nachbarn, beteuern sie, haben Solidarität bewiesen. „Sie kamen nach dem Brand“, sagt Ben Harbi Yahia, „und sie haben gesagt: Ben, du sollst dich nicht fürchten.“ Sogar der Pastor war zu Besuch. Die Nachbarn haben sich geschämt.

Draußen im Supermarkt hat eine Gruppe Jugendlicher Kartoffelchips für den Abend besorgt. Alle tragen sie schwarze Jacken und Hosen. Im Regen, lässig an die Fahrräder gelehnt, reden sie über die lokale Szene. Nein, von den „ Lonsdales“ halten sie wenig, jener Clique, die nach ihrer bevorzugten Kleidermarke benannt ist und die man als Brandstifter in Verdacht hat. „Die sind nicht cool“, erläutert Jantje. „Wir sind cool“, ergänzt die blonde Nina, wie die anderen Schülerin des Bouwens-van-de-Boije- Colleg. Poepe stellt klar: „Den Lonsdales fehlt das Hirn, die hören Heavy Metal, das klingt wie eine kaputte Waschmaschine.“ Beifallsgelächter. „Wir hören Niederlande-Pop, das ist gute Musik“, sagt Joop. Sie sprechen nicht mit den Lonsdales, sagen sie, und die nicht mit ihnen. „Aber mit Türken und Marokkanern wollen wir auch nichts zu tun haben. Und die nicht mit uns.“

Halima Yahia scheint zu verzweifeln daran, dass im Gewebe der Gesellschaft solche Risse entstehen, dass es ganze Gruppen gibt, die nicht miteinander sprechen. Begleitet von ihrer weichen, sicheren Gestik, erzählt sie vom Zusammenhang zwischen Sprechen und Vertrauen. „Ich wurde immer ermutigt, über alles zu reden. Zwischen Eltern und Kindern gab es bei uns keine Mauer.“ Ihre Augen leuchten auf. „Meine Kindheit war glücklich“, sagt sie. Und so sei das auch frü her in Helden gewesen, wo sie wegen Ben Harbi landete, „aus Liebe“. Sie lacht. „Sonst wäre ich nie fortgegangen, niemals.“

Halima Yahias Vater war Schuldirektor in Marokko. In Rabat und Meknes studierte die Tochter arabische Literatur, bis sie Ben Harbi Yahia traf, den Mann mit dem ruhigen Charme und der beeindruckenden Integrität. In Helden betrieb er damals eine Frittenbude, mit deren Erträgen er bald eine Fahrschule aufmachte. Vor allem Ausländer lernten bei ihm die Verkehrsregeln des Gastlandes. Dann reichte das Geld für eine Cafeteria mitten im Zentrum. „Jeder am Ort kam zu uns“, erinnert sich Ben Harbi. Halima half mit. Beide waren zielstrebig, sprachen ausgezeichnetes Niederländisch, haben gespart, bekamen Kinder und kauften ein Haus. Sie wurden Holländer, ohne den marokkanischen Pass zu verlieren. Heute studieren die ältesten Kinder schon, der 21-jährige Sohn will Sportlehrer werden, die 19-jährige Tochter Sozialpädagogin. „Als spätes Geschenk“, wie Halima erzählt, kam vor neun Jahren noch Dounnia zur Welt, ein zartes Kind mit aufmerksamem Blick. „Wir achten auf Werte und Regeln. Unsere Älteste war zum Beispiel nie in einer Disko. Was den Jugendlichen heute fehlt, sind Regeln und Werte.“

„Sie wussten wohl selber nicht, was sie da getan haben, diese Brandstifter“, sagt Halima Yahia. „Sie hatten keine Ahnung, was für eine schwere Symbolik das Anzünden eines Gotteshauses hat.“ Vielleicht nicht. Nicht, dass ein Aufschrei durch Europa gehen würde, dass CNN und Al Dschasira auftauchen sollten, so wie sämtliche Sender der Niederlande und ihrer Nachbarn. Aber solche Täter ahnen sehr wohl, dass sie Hass und Misstrauen schüren, in einer auf engem Raum lebenden Gesellschaft von 16 Millionen, wo viele der zwei Millionen Allochthonen, vor allem in den Städten, in Ghettos leben.

Nicht erst seit dem 11. September 2001, glauben die Yahias, ist die Stimmung gegenüber Fremden feindlicher geworden. „Das fing schon früher an, als es der Wirtschaft schlechter ging“, erinnert sich Halima Yahia. Schleichend kam der Rassismus in das Land. In den Städten gibt es seit längerem Gegenden, in die die Polizei nicht mehr geht.

Als Spiegel der Ghettoisierung kann man ein Magazin im Internet betrachten. Es heißt „elqalem.nl“, es ist bekannt im ganzen Land. Junge islamische Redakteure bieten dort ein „Anti-Homo-Manifest“,   Basiswissen zum Islam, spaßige Passbilder der Mitarbeiter unter der Burka – eine witzige, aber eben auch aggressive Melange einer Identitätssuche, avantgardistisch und zugleich reaktionär.

Was der Staat in den Städten an Bürgernähe versäumt hat, dafür büßen nun die Leute im ganzen Land. Leute wie die niederländisch-marokkanischen Yahias, in deren Welt Holland und Marokko wie selbstverständlich verschmolzen waren. „Wer da Feuer legt, versteht nichts vom Islam und nichts von uns“, sagt Halima.  

Indes sagte in Venray, wenige Kilometer von Helden entfernt, die türkische Gemeinde das Jubiläumsfest zu ihrem 40-jährigen Bestehen ab. „Alle waren enthusiastisch. Jetzt ist uns nicht mehr nach feiern zumute“, sagte der Gemeindevorsteher dem „Dagblad De Limburger“. Als die Yahias das lasen, waren sie entsetzt. „Falsch“, hat Halima gerufen. „Dann haben doch die Brandstifter gewonnen.“

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