Zeitung Heute : Biedermeier bewundern

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Ganz erstaunt sind der Rentner und sein Künstlerfreund, wie sehr sich die Schüler für die Ausstellung im Ephraim-Palais interessieren. Sie diskutieren, füllen Bögen aus, fotografieren mit ihren Handys die Frauenporträts. Zudem funktioniert die Integration. Unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, sind sie integriert, beschäftigt mit der Gemütlichkeit des Biedermeiers.

Besonders auffallend sind die vielen Innenansichten, immer ausgeführt in der Guckkastenperspektive. Der Betrachter kann so direkt das behagliche Familienleben der Zeit genießen. Zum Beispiel bei der Hausmusik: Der Vater steht im Hausrock vor dem Flügel, bereit für seinen Gesangseinsatz. Die jüngste Tochter spielt, hinter ihr steht die Mutter. Zwei Frauen vor der Kaffeekanne, das Dienstmädchen mit einer großen Weintraube, im Erker noch eine strickende Frau. Sogar die verstorbene Großmutter kann virtuell zuhören, ihr Bild steht auf dem Flügel. Alle Frauen haben die gleichen an Wahnsinn grenzende Frisuren. Die arbeitende Bevölkerung wird dagegen nur als Karikatur gesehen. Da säuft die Unterschicht sich schon damals faulenzend durch den Tag.

Der Künstlerfreund sieht im Schaukelpferd ein Symbol der Zeit: Das Kind rappelt sich ab und kommt doch nicht vorwärts, so wie heute Erwachsene auf den Laufbändern. Man hört sogar, dass sich jetzt ein Teil der Frauen wieder ins Biedermeier sehnen soll, angeführt von einer Frau mit einem männlichen Nachnamen.

Als der Rentner behauptet, auch er sei fürs Biedermeier anfällig, ist der Künstlerfreund befremdet. Aber dann sieht man auf einer Karikatur, wie der deutsche Michel, stellvertretend für das Biedermeier, kotzt und kotzt, wie er die Pressefreiheit, das Versammlungsrecht, die Volksbewaffnung, die ganze Revolution auskotzt. Aber Barrikaden hat man eben doch gebaut, auch in Berlin, damals, 1848, am Ende des Biedermeiers.

Biedermanns Abendgemütlichkeit, Berlin von innen 1815 - 1848. Ephraim-Palais, Di. und Do.-So. 10 - 18, Mi. 12 - 20 Uhr, Poststraße 16

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