Zeitung Heute : Bierzelt und Wasserglas

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Von Helmut Böttiger

Lesungen in Bierzelten haben etwas für sich. Die großen weißen Planen versprechen Großzügigkeit, etwas Lockeres und Offenes; der notwendige Event-Charakter ist schon dadurch gewahrt. Das sah auch beim Berliner Bücherfest am letzten Wochenende so aus - Bude an Bude standen die einzelnen Verlage und Buchhandlungen auf dem Bebelplatz, und das Ambiente mit Pflastersteinen und Kirchendächern Unter den Linden vermittelte das Preußische so, wie man es sich gerne vorstellt. An der Seite waren ein paar Pappbecherstände und Würstchenposten aufgebaut, und neben dem großen Lesezelt gab es auch ein fast nicht minder großes Kinderlesezelt.

Voll besetzt waren allerdings vor allem die Tische und Stühle, die caféartig den Platz zu einer Art Piazza machten; das große Lesezelt dagegen hatte tagsüber immer mal damit zu kämpfen, auf sich aufmerksam zu machen. Zur schönsten Kaffeezeit befanden sich vorn auf dem Podium Autorinnen wie Emanuelle Bayamack-Tam oder Linda Le, recht unbekannte Schreibweisen aus Frankreich und sogar aus Vietnam. Extra angereist aus fernen Weltstädten, saßen die Autorinnen da und mühten sich, mit den dünn eingestellten Mikrofonen durchzudringen. Es ist nämlich nicht so einfach, wenn draußen der Wind weht, die Planen sich bewegen und viele Stuhlreihen vor den Lesenden frei bleiben - am Eingang schauen immer mal wieder ein paar Interessierte herein, manche setzen sich in die hinteren Reihen und versuchen, ein paar Minuten lang zuzuhören, dann gehen sie wieder. Auf dem rustikalen Bretterboden hallen die Schritte noch lange nach. Der Eingang ist gleichzeitig der Ausgang und am weitestmöglichen von den Lesenden entfernt, aber wenn, dann gruppieren sich die Zuhörer da. Und es gehört auf jeden Fall dazu, dass direkt vor der wehenden Einstiegsluke ein Vierjähriger auf seinem Dreirad hin und herrangiert, und das Ineinanderspiel seiner erstaunlich kräftigen Rädchen mit den Pflastersteinen darunter erzeugt ein beträchtliches Rasseln; es liefert den passenden Soundtrack zur Leseszenerie im Zelt.

Existenz und Animation

Die Lesenden müssen sich ziemlich einsam vorgekommen sein, aber das gehört zum Spiel. Wer als Schriftsteller durch die Lande reist, weiß, das so etwas zu seinem Rollenverständnis gehört - ein bisschen Statist, ein bisschen Animateur, eine notwendige Kulisse bei immer ausgefalleneren Kulturaktivitäten. Die Literatur, so sagen es alle Auguren und Marketingexperten, die von den waltenden Institutionen bevorzugt werden, sie kommt um den Event nicht mehr herum: das Publikum will Zerstreuung und Unterhaltung, es will Flair und Entspanntheit; nicht immer dieses berühmte Wasserglas auf dem Lesepult, in dem sich die ganze Unbestimmtheit der Existenz spiegelt und auf die man als einer der spärlichen Zuhörer automatisch reduziert wird. Sofort hat man das Ambiente von Volkshochschulräumen und Sälen in funktional durchgestalteten Rathäusern vor sich, und Stille. Stille ist das Schlimmste. Da hört man automatisch in sich hinein und vernimmt: Nichts. Das Bierzelt hat zwingend mit derlei Urängsten zu tun.

Mit dem ominösen Wasserglas verbinden manche in letzter Zeit gern das Literaturhaus in Berlin. Es hatte auch einen Stand auf dem Bebelplatz, und zwischen 13 und 14.45 Uhr schien es zu sich selbst zu kommen: niemand war da, und man sah, über den Auslagentisch gespannt, nur ein einziges Wort: „Endspiel“. Es verwies auf das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, das zu diesem Zeitpunkt stattfand, wahrscheinlich aber auch auf Beckett und Dichterlesungen alter Art. Schon Adorno hatte ja einige Schwierigkeiten damit, das Beckettsche Endspiel richtig zu verstehen, versteht es das Literaturhaus richtig? Immerhin, ein paar Tage vorher hatten dort zwei Schauspieler lange aus dem Briefwechsel zwischen Paul Celan und seiner Frau vorgelesen, es gab keine leeren Plätze mehr, und es herrschte tatsächlich eine ziemlich angespannte Aufmerksamkeit - der letzte vorgelesene Satz, als Gisèle Celan-Lestrange dem Dichter eine gute Reise nach Deutschland wünscht, hallte fast furchterregend noch ein bisschen nach. Aber so etwas kann man nicht immer machen...

Unter Fleischerhaken

Die Literaturfestivals, die Lesung als Event, das muss irgendwann im Laufe der siebziger Jahre aufgekommen sein. Die ersten Anfänge mit „Lyrik und Jazz“ waren immer etwas peinlich, und das Zusammenspiel von Querflöte und meist sensibler Stimme war selten von längerer Dauer. Doch bald wurden etliche Fabriken stillgelegt, alte Handwerksbetriebe lohnten sich nicht mehr, und schummrige Werkstätten in Hinterhöfen oder Seitengelassen harrten einer neuen Bestimmung. Meine erste Lesung unter Fleischerhaken habe ich ausgerechnet in Tübingen erlebt, einmal war ich auch in einem großen Kühlraum, bei dem man das Gefühl hatte, jeden Augenblick könnte ein ungeheures Summen anheben und es gäbe kein Entrinnen mehr. Ehemalige Schokoladen- oder Seifenfabriken mit Saxophon steckt man viel leichter weg.

Was zählt, ist das Gespräch an der Bar. Es kann jederzeit irgendetwas kommen, womit man nicht gerechnet hat. Manche Verlage beschäftigen mittlerweile extra „Location-Scouts“, die den optimalen Ort für eine Buchpräsentation herausfinden sollen, eine Zeitlang waren schwarze Künstlerateliers in Dachgeschossen des Prenzlauer Bergs gefragt, gut sind aber auch repräsentative preußische Höfe mit Marmor, Glas und Stahl. Man weiß noch nicht so recht, wohin sich die Waagschale neigen wird. Im Zweifel reicht ein Zelt.

Die Literatur ist auf jeden Fall kein Aschenputtel mehr. Sie ist eine Aufforderung zum Tanz. Mikrofontauglichkeit, eine gediegene Sprechausbildung, auch ein paar Entertainerqualitäten werden zur Zeit von den Schriftstellern verlangt. Wichtig ist vor allem ein gewisses literarisches Gefühl. Die Texte kann man notfalls danach noch lesen.

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