Zeitung Heute : Biest Der Schöne und das

Fußballer waren einmal harte Jungs – bis Beckham kam und sich die Fingernägel lackierte. Mit Wayne Rooney kehrt der Dreckskerl zurück.

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Von Raphael Honigstein Die Maskenbildner des Londoner Magazins „The Face“ hatten viel Arbeit mit ihm. Schmutzig sollte David Beckham auf den Fotos aussehen, blutig. Jede Dreckspur, jedes Tröpfchen Kunstblut musste präzise auf seinen Körper aufgetragen werden. Die Stylisten haben wahrscheinlich schnell gemerkt, dass es ziemlich schwierig ist, einen Metrosexuellen verschlagen aussehen zu lassen. Selbst die geschickteste Camouflage konnte den inzwischen von Manchester nach Spanien ausgewanderten Becks nicht wieder zu dem machen, was er vor 15 Jahren war: ein schlichter, talentierter Kicker aus dem Mutterland des Fußballs. Ein Spieler mit aufgeschlagenen Knien, Rasenflecken auf der Trainingshose und womöglich noch Schulden bei der Bank.

England hat Sehnsucht nach so jemandem. England liebt Leute, die ein bisschen roh sind, Bier aus der Dose trinken und nicht auf Grasflecken achten. Leute wie den Fußballer Wayne Rooney. Beckham ist weg von der Insel, hat nur seine Frau Victoria und die Kinder dagelassen. Aber dafür hat Manchester United jetzt diesen Rooney verpflichten können. Manchester United ist ein Klub, der an der Börse notiert ist und nach streng wirtschaftlichen Prinzipien geführt wird. Als Rooney vor kurzem auf den Markt kam, kauften sie ihn für umgerechnet 39 Millionen Euro. United ist der reichste Klub der Welt und will unter Trainer Alex Ferguson den 18jährigen Rooney zum Weltstar machen. Möglichst viele Tore soll er schießen – und seinen Verein in Fernost, dem wichtigsten Markt außerhalb Europas, zu einer noch wichtigeren Marke machen.

Rooney wird als Symbol einer Zeitenwende gehandelt. Er steht für die Abkehr von der Form, die Hinwendung zum Inhalt. Doch was kann Rooney wirklich? Für die Experten ist der Junge aus Liverpool in der Tat talentierter als der zehn Jahre ältere Beckham. Der wird wahrscheinlich nie wieder den Ruf los, bloß ein guter Flankengeber und Freistoßschütze zu sein. In Rooney sehen die meisten einen Allroundfußballer, den pfeilschnellen Bulldozer, einen, den man auf vielen Positionen einsetzen kann. Rooney, der Wunderknabe. Sogar als Torhüter soll er gut sein, sagt David Moyes, sein langjähriger Trainer bei Rooneys früherem Verein Everton in Liverpool.

Mit 16 Jahren war Wayne der Jüngste in der Premier League, mit 17 jüngster englischer Nationalspieler. Bei der Europameisterschaft in Portugal schoss er vier Tore. Als er sich ausgerechnet im Viertelfinale gegen Portugal den Mittelfuß brach, schieden die Engländer aus.

Eleganz hat er allerdings noch nicht gelernt. Wenn Wayne den Ball nicht ins Tor hämmern kann, ist er schnell frustriert. Für seine Gegner wird es dann unschnell angenehm: Er haut ihnen in die Hacken oder grätscht brutal den Torwart um. In seinem zweiten Profijahr bekam Wayne Rooney immerhin acht gelbe Karten, nur durch eine Verkettung von Wundern ist er mehrmals am Platzverweis vorbeigeschlittert.

Wie Beckham, Sohn eines Küchenmonteurs in Leytonstone im Osten Londons, stammt Wayne Rooney aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater Wayne senior war ein arbeitsloser Amateurboxer, die Mutter arbeitete in einer Schulkantine. Wayne Rooney wuchs in der Nähe des Everton-Stadions im Arbeiterviertel Croxteth auf, einer ziemlich rauen Gegend mit hoher Kriminalitätsrate und vielen Sozialwohnungen.

Die englischen Fans können und wollen sich einfach nicht vorstellen, dass Rooney wie Beckham eines Tages mit dem Privatflugzeug nach London fliegt, um eine Party seines Freundes Elton John zu besuchen. Manchester-United- Trainer Alex Ferguson gingen die Eskapaden Beckhams so sehr auf die Nerven, dass er sich lautstark mit ihm zerstritt. Beckhams Wechsel nach Madrid war eine direkte Folge der Spannungen in der Kabine – Ferguson hatte ihm einen Fußballschuh ins Gesicht gekickt.

Es zog Beckham zum Glamour, auf die Partys, in die Designerläden – Jahr für Jahr wird Beckham von Homosexuellen zum begehrenswertesten Mann Englands gewählt. Der gemeine Fußballer würde überlegen, was er falsch macht, „Dragham“ aber genießt seinen Status als Homo-Ikone und spielt damit. „Ich bin mit meiner femininen Seite im Einklang“, sagt er demonstrativ – und trägt schon mal die Unterwäsche seiner Frau.

Während David Beckham sich die Fingernägel lackiert, trägt Rooney den Rasen unter seinen Fingernägeln mit Stolz. Ohne weiteres hat er es in die Top Ten der hässlichsten Briten geschafft, die ein Fernsehsender zusammenstellte. Rooneys Kopf wirke wie der eines Teddybärs – ein paar Nummern zu groß für den Rest des Körpers, hieß es. Ein Mädchen soll ihn in einer Disco sogar „Shrek“ genannt haben. Wayne habe ihr dafür kräftig ins Gesicht gespuckt. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass der rundliche Shrek eigentlich eine sympathische Figur ist.

Bei seiner ersten Pressekonferenz in Manchester fühlte er sich in seinem unförmigen Sakko und mit der Krawatte um den Hals offenbar nicht besonders wohl. So schnell wird Rooney nicht auf den Titelseiten eines Modemagazine landen; es sei denn, es handelt sich um Satire. Die „Times“ hat ihn während der Europameisterschaft mit jenem legendären Babyelefanten verglichen, der einst das Fernsehstudio der BBC zerdepperte und riesige Misthaufen hinterließ.

Gleich bei mehreren Familienfeiern der Rooneys musste die Polizei eingreifen, weil es zu tätlichen Auseinandersetzungen gekommen war. Einmal sollen sich sogar die Mütter von Wayne und seiner Freundin Coleen McLoughlin gegenseitig verprügelt haben. Es ging aber auch alles so schnell in Waynes’ Welt: Bis vor ein paar Monaten fuhr er noch ein einfaches BMX-Rad. Jetzt hat einen teuren Cadillac, aber ansonsten wenig Ahnung, wie er das viele Geld, das er verdient, am besten ausgeben soll. Der Mann ist der Anti-Beckham, ein typischer „lager lout“, der den Briten mit nacktem Oberkörper in den Fußgängerzonen der Arbeiterstädte entgegen taumelt.

Becks hat den Fußball in Großbritannien zur Modeshow und Klatschgeschichte gemacht, mit Rooney kehrt er nun wieder dahin zurück, wo er sich auf der Insel am wohlsten fühlt: auf die Straße, wo es nach Essig-Pommes und Urin riecht, und Männer auf der Suche nach billigem Sex in „Schönheitssalons“ verschwinden. 18 Monate lang hat Rooney in den Vororten Liverpools Bordelle frequentiert. „Zu seinen Eroberungen zählten eine 48-Jährige Großmutter, eine sechsfache Mutter im Cowboykostüm und ein Mädchen in pinkfarbener Unterwäsche“, schrieb das Boulevardblatt „Sun“. Zu seinem Unglück konnte er die Besuche nicht abstreiten: eine Sicherheitskamera hatte ihn aufgenommen, und Wayne hatte Trisha und ihren Kolleginnen als Dankeschön ein paar Autogrammkarten aufs Nachtschränkchen gelegt.

Im Frühsommer ging das Gerücht, dass der Familienvater Beckham sich in Madrid beim Fremdgehen hatte erwischen lassen. Die mutmaßlichen Affären haben dem Ansehen des Nationalmannschaftskapitäns kaum geschadet. Hauptschuld an dem Malheur, da war sich die Öffentlichkeit schnell sicher, hatte sowieso Victoria. Die hat ihren Mann in Spanien allein gelassen, weil ihr die eigene Karriere wichtiger ist. Selbst als Beckhams Assistentin in den Medien von der angeblichen Liason mit ihrem Chef erzählte, interpretierten das die Briten ungewohnt großzügig als Verzweiflungstat eines einsamen Mannes. Sein hoher Werbewert hat im Anschluss ebenfalls kaum gelitten. Für was könnte dagegen Rooney werben? Für Bier, für Kondome, für McDonald’s?

Vielleicht wird Wayne Rooney irgendwann einmal so sehr geliebt wie Becks. Manchester United ist optimistisch. Die meisten Fußballfans in England wären allerdings schon glücklich, wenn Wayne Rooney das Schicksal von Paul Gascoigne erspart bliebe. „Wayne, mach nicht die selben Fehler wie ich“, hat Gascoigne neulich in einem Interview mit der „Sun“ gesagt. Paul Gascoigne galt wie Rooney als der talentierteste Kicker seiner Generation. Das war, bevor er seine Karriere an Alkohol und Fresssucht verlor.

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