Zeitung Heute : Biete Berlin, suche San Francisco - immer mehr Urlauber schlagen ihr Domizil in fremden Wohnungen auf

Sebastian Pampuch Dirk Engelhardt

Fernab vom Massentourismus nutzen Urlaubshungrige zunehmend ein Angebot, das so gar nichts mit Rucksack- und Alternativreisen gemeinsam hat. Die Rede ist vom "Home-swapping" (englisch to swap - tauschen), einem Begriff, der in diesem Zusammenhang vermutlich zum ersten Mal anno 1953 Erwähnung fand. Damals suchten einige US-amerikanische Dozenten wegen kurzfristiger Universitätswechsel nach preiswerten Unterkunftsmöglichkeiten für sich und ihre Familien. Die Idee des Wohnungstausches war geboren - nach einem denkbar einfachen Verfahren: Während der Abwesenheit überlässt man Haus und Hof den Besitzern eben jener Unterkunft, in der man selbst untergebracht ist. Der Preisvorteil gegenüber herkömmlichen Urlaubskosten liegt auf der Hand: Keine teuren Hotelrechnungen, und gekocht werden darf in der fremden Küche natürlich auch.

Das derzeit größte und auch älteste Dienstleistungsunternehmen, das Reisen dieser Art vermittelt, nennt sich HomeLink International und hält für die ständig wachsende Zahl an Mitgliedern einen 540 Seiten dicken Katalog voller Tauschangebote bereit. Ein Blick auf die Häuserfotos und deren Lage vermittelt erst einmal einen Eindruck über die Verhältnisse, aus denen sich die Mitglieder rekrutieren; gleichzeitig gibt er Auskunft über den westlichen Charakter dieser Idee. So überwiegen vor allem die Tauschobjekte aus den USA, gefolgt von Ländern wie Kanada und Australien. Westeuropa bietet ebenfalls eine größere Auswahl, alleine rund 10 000 Bundesbürger verbringen per HomeLink regelmäßig ihre Ferien. Geht es dann aber Richtung Südeuropa, lässt die Auswahl auch schon wieder nach. Echte Exoten jedenfalls sucht man vergeblich, denn ein Angebot im Katalog setzt natürlich einen gewissen Lebensstandard voraus, der im Großteil touristisch interessanter Länder meist nur in Hotels zu finden ist. Tatsächlich zeichnet der Katalog ein recht genaues Abbild touristischer Exportländer.

Wohnungstausch schont die Kasse

Was genau ist der Anreiz für Menschen, ihren Urlaub am Alltagsort anderer zu verbringen? Sicher, all die gesparten Hotel- oder Apartment-Kosten erscheinen als ein logischer Grund, es einmal auf diese Art zu probieren, und mit Sicherheit trifft das für viele der Mitglieder auch zu. Ein gründlicherer Blick auf den überwiegend luxuriösen Standard der zum Tausch gebotenen Häuser schwächt diese naheliegende Schlussfolgerung jedoch erst einmal wieder ab, so dass klar wird, dass hier andere Beweggründe eine Rolle spielen müssen. Das Land vielleicht weniger, aber doch die Leute sind einem näher; internationale Freundschaften können sich leicht entwickeln, und das eigene Heim ist in hoffentlich guten Händen und somit sicherer vor Einbrüchen, während man selbst einen komfortablen Urlaub genießen kann.

Wie steht es mit Erfahrungswerten dieser ungewöhnlichen Urlaubsform? Laut Umfragen von HomeLink würden sich 98 Prozent der Mitglieder jederzeit wieder für diese Art des Ferienaufenthaltes entscheiden. Zu ihnen gehört Marlen Stass aus Berlin, die bereits öfter mit ihrem Mann auf diese Art den Urlaub verbrachte. Mit nachhaltiger Zufriedenheit berichtet sie von ihren Erlebnissen: "Wir waren schon öfter in Italien und Frankreich, und es war jedes Mal schön und unproblematisch. Allerdings war es nie leicht, einen Tauschpartner für Berlin zu finden." Warum das so ist, erklärt sie recht schlüssig: "Wir fahren am liebsten in den Süden, nur wollen die meisten Italiener ihre großen Ferien nicht gerade in Berlin verbringen. Einmal haben wir mit Parisern getauscht, die eher an Kultur interessiert waren. Die vielen Angebote hier, das hat ihnen gefallen." Thomas Grote, ein anderer HomeLink-Kunde, zieht es mit seiner Frau und seinen zwei zehnjährigen Kindern, wie die meisten Deutschen, ebenfalls am liebsten in südliche Gefilde. Nach mehrmaligen Spanienaufenthalten, bei denen sie wiederholt im selben Haus wohnten, entwickelte sich nach persönlichem Kennenlernen eine noch immer bestehende Freundschaft. Und mit den Hygienevorstellungen anderer Länder, bei dieser Art der Unterbringung sicherlich ein wichtiger Gesichtspunkt, gab es bisher auch keine Probleme. Grote: "Die Häuser waren immer ausgesprochen sauber - in Privathäusern wird da täglich geputzt."

Mehr in Großstädte zieht es einen anderen Berliner, der nur mit einer Dachgeschosswohnung in der Innenstadt aufwarten kann und trotzdem regelmäßig voller Zufriedenheit in den Urlaub fährt. Alfred Behrens bereist mit der Freundin oder der Familie gerne kleinere und größere Metropolen der Welt. Bisher hat es ihn so nach San Francisco, Amsterdam, Paris und London getrieben. Nur Palma de Mallorca fällt dabei etwas aus dem Rahmen. "Als wir in Palma ankamen und ich das Haus mit Swimmingpool sah, musste ich erstmal schlucken. Ich habe mir gedacht, was werden die wohl zu meiner 90-Quadratmeter-Wohnung sagen?", erinnert sich Behrens. Eine nicht ganz unbegründete Sorge, aber, wie sich im Nachhinein zum Glück heraus stellte, dennoch unbegründet: "Sie fanden es schön, dass so viele Bücher und CDs in der Wohnung vorhanden waren. Ich bin mir sicher, es hat ihnen wirklich gefallen und nichts ausgemacht."

Und wie sieht es in anderen Großstädten aus? Erwarten einen dort auch luxuriöse Villen oder findet man sich dort eher in muffigen Altbauwohnungen wieder? Behrens kennt sich, dank seinen Wohnungstauscherfahrungen, aus den Privatwohnungen rund um den Globus: "In London, bei Lady Ann, wie wir sie nannten, hatten wir eine sehr kleine Anderthalb-Zimmer-Wohnung. Sie selbst wohnte eine Etage höher. In San Francisco dagegen wohnten wir in einem Haus direkt am Golden Gate Park. Wir haben uns mit dem Pärchen, dem das Haus gehört, gut angefreundet und besuchen uns immer noch gegenseitig. In Amsterdam machten wir auch zweimal bei dem selben Pärchen Urlaub, das letzte Mal waren sie von ihrer sowieso schon geräumigen Wohnung in eine mit sieben Zimmern umgezogen." Sein Wohnort war ihm dabei noch nie ein Hindernis, aber vermutlich spielt das Reiseziel, in diesem Fall eben andere Großstädte, eine große Rolle. Behrens: "Berlin ist momentan wegen den ganzen Neubauten und dem Regierungsumzug eine gefragte Adresse. Die Leute kommen gerne hierher."

Lehrerin Antje Wortmann, die seit sieben Jahren in fremden Wohnungen Urlaub macht, ist nur einmal Unangenehmes widerfahren. Am Urlaubsort erwartete sie mit ihrer vierköpfigen Familie ein Haus mit baulichen Mängeln. "Bezahlt hätte ich dafür nichts, aber für umsonst . . . Trotzdem war es jedes Mal gut, ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht. Man kann nette Leute kennenlernen und erhält einen anderen Eindruck vom Land", schwärmt sie. Sie bereiste die Beneluxländer und war außerdem in Italien, Griechenland und Frankreich.

"Ein gewisses Maß an Kommunikationsbereitschaft muss schon vorhanden sein, ebenso wie Flexibilität. Wenn man spontan auf eine Einladung zusagt, ist das eine spannende Sache", meint die überzeugte "Swapperin". Und: "Ich habe durch die Bank weg sehr positive Erfahrungen gemacht. Es ist eine grandiose Sache. Auch für Leute, die nicht so viel Geld verdienen." Ob jedermanns Sache oder nicht, in einem wachsenden Teil ähnlich gutsituierter Menschen aus dem westlichen Kulturkreis findet das "Swapping" eine treue Anhängerschaft, die den negativen Begleiterscheinungen des Massen-Tourismus vielleicht eine positive Note verleihen kann.

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