Zeitung Heute : "Big Brother"-Fans am Rande des Nervenzusammenbruchs

Robert Ide

Zlatko ist authentisch. Der halbmazedonische Arbeiterjunge aus dem Schwabenland würde normalerweise als ungehobelter Proll abgestempelt, der in tiefer gelegten Autos von Handys und Bräuten schwärmt. Doch Zlatko umgibt eine Aura. Innerhalb von sechs Wochen stieg der 24-Jährige zum Star der RTL-2-Sendung "Big Brother" auf, für die sich zehn Kandidaten in ein von Kameras überwachtes Haus gesetzt haben. Nach seinem Rauswurf am Sonntag abend soll Zlatko auch draußen zum Helden werden. Einen Vorgeschmack gab es bereits bei seinem Auszug aus dem Ikea-möblierten Container. Mehr als 5000 kreischende Teenies bereiteten ihm in Köln einen triumphalen Empfang - mit Feuerwerk, Sprechchören und selbstgemalten Transparenten. Die Mitbewohner, die ihn für den Rauswurf nominiert hatten, mussten sich Schimpfgesänge anhören. Zlatkos Freund Jürgen, der nach der TED-Entscheidung überraschend im Haus bleiben durfte, sah nicht glücklich aus.

Zunächst war Zlatko beim Publikum und in der Hausgemeinschaft gleichermaßen unbeliebt. Schon bei der ersten Ausscheidungsrunde stand der mit derben Sprüchen auffallende Industriemechaniker auf der Abschussliste. Denn wie soll man auf Dauer jemanden ertragen, der nicht einmal Shakespeare kennt und sich seine Zehennägel am Esstisch schneidet? Doch mit zunehmender Sendedauer entwickelte der mit Goldkettchen behangene Muskelmann ungeahnte Talente. Seinem ständig witzelnden Kumpel Jürgen brachte er das Schachspielen bei, mit der verschlossenen Jana unterhielt er sich über Beziehungsprobleme. Die anderen Bewohner wirkten dagegen wie eine allabendliche Schlaftablette, egal wie groß sie sich aufspielten (Manuela), wie fleißig sie kochten (John), wie traurig sie guckten (Jona), wie laut sie stöhnten (Alex/Kerstin). Nur Zlatko konnte die Zuschauer, die angesichts des langweiligen WG-Alltags zur kleinen Fangemeinde schrumpften, wirklich überraschen. Mit ihm stiegen die Quoten.

Der Mini-Sender RTL 2, der für die Show sein gesamtes Abendprogramm umgekrempelt hatte, war von der Entwicklung völlig überrascht. Verzweifelt hatten die Macher mit anderen Mitteln versucht, den Sinkflug der Show zu stoppen. Die junge Jona wurde nachträglich in den Container verpflanzt, um "die anderen Bewohner zu öffnen", wie Produzent Rainer Laux gegenüber dem Tagesspiegel einräumt. Wochenaufgaben wie das tägliche Strampeln auf einem Fahrrad-Hometrainer sollten etwas Action vermitteln. Doch das Aufblasen von Tausenden Luftballons in einer bestimmten Zeit interessierte die Voyeure am Fernsehschirm weniger als Zlatkos hilflose Versuche, sich englische Vokabeln zu merken. ("Bei chair fällt mir nur die Sängerin ein.") In diesen Momenten konnte die Sendung das vermitteln, wofür sie angetreten war: Das wahre Leben.

Prompt wurde "Zladdi" zum Kult erklärt. Boulevardzeitungen entdeckten ihn für ihre Titelblätter, Reporter besuchten seinen Heimatort Heidenheim, um seinen nahezu wesensgleichen Bruder Alexander zu interviewen. Selbst die Mutter erschien in der stümperhaft produzierten Wochenend-Talkshow von "Big Brother", um von ihrem Jungen zu erzählen. Am Sonntag vergoss sie bittere Tränen. Zlatko hatte ihr im Falle seines Gewinns ein Haus versprochen.

Der PR-Rummel könnte zu Zlatkos Ausscheiden beigetragen haben. Die Vermarktung jeder seiner Bewegungen - selbst das Stutzen seiner Brusthaare wurde auf der "Big Brother"-Homepage reportiert - wirkte eher abstoßend. Jene unverwechselbaren Szenen, wenn Zladdi die Ärmel seines T-Shirts abschnitt, damit seine Muskeln besser zur Geltung kommen, verschwammen im Hype. "Hier wird jemand, der wo nix in der Birne haben tut, zu mehr gemacht, als er ist", beschwerte sich ein Zuschauer per E-Mail.

Zlatko dürfte das egal sein. Nach seiner Rückkehr in seine kleine schwäbische Welt wird er sein Umfeld in den Schatten stellen. Seifenopern und Talkshows reißen sich um ihn, einen Fanclub "Zladdi for president" gibt es bereits. Den Montag verbrachte der Umjubelte damit, die Werbe- und Fernsehangebote, die in Millionenhöhe bei der Produktionsfirma Endemol vorliegen sollen, zu sortieren und eine Schallplatte zu produzieren. Abends sollte er dann bei Stefan Raab seine Ochsentour durch die Medien beginnen. "Er ist ein Traummann", schwärmt Laux trotz des Ausscheidens. Der Produzent hat keine Angst, dass sich der Spruch "Ohne Zladdi kein Big Brother" bewahrheitet, den ein Fan am Sonntag in die Kameras hielt.

Doch auch das Interesse an Zlatko dürfte schnell verschwinden. Denn Typen wie ihn gibt es im täglichen Talkshow-Zirkus en masse zu besichtigen. Bald wird die Suche nach einem neuen "echten" Star beginnen. Zum Trost wird Zlatko einen Platz in der Galerie kurzzeitiger deutscher Fernsehsternchen zugewiesen bekommen - zwischen Guildo Horns Nussecken und Regina Zindlers Maschendrahtzaun. In jenem Moment werden die Macher von RTL 2 nostalgisch an Zlatko zurückdenken. Und wir auch.

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