Zeitung Heute : Big Brother im Orbit

Der Tagesspiegel

Deutschland wagt einen ungewöhnlichen Alleingang in der Raumfahrt. Von 2005 an soll der Radarsatellit „Terra-SAR“ auf Rechnung des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR) und der Friedrichshafener Firma Astrium Daten über die Erde sammeln, wie sie noch nie zur Verfügung standen. Mit der Unterzeichnung der entsprechenden Vereinbarung in Bonn schlug das Forschungsministerium (BMBF) gleichzeitig einen neuen Weg der Mischfinanzierung zwischen öffentlicher Hand und Industrie ein. Ein Fünftel des rund 130 Millionen Mark teuren Satelliten bezahlt Astrium. Dafür darf deren Tochtergesellschaft Infoterra die gesammelten Daten exklusiv vermarkten.

Was der von seiner Größe her unscheinbare und vergleichsweise geradezu billige Terra-SAR in wenigen Jahren liefern soll, ist für viele Interessenten heiße Ware. Radardaten von militärischer Präzision sind von erheblichem Wert. Ölfirmen erleichtern sie die Suche nach lohnenden Bohrstellen, landwirtschaftliche Großbetriebe informieren sie über präzise Düngung und Fruchtstand, Umweltsündern auf See wird damit das Handwerk gelegt. Die Katastrophenhilfe werden sie optimieren, Versicherungen frühzeitig realistische Auskunft über Schäden geben und Regionalplaner bei der Landschaftsgestaltung unterstützen. Es gibt zahlreiche Anwendungsbeispiele in diesem neuen Markt an Geoinformationen, auf dem Deutschland und Astrium die Nase vorn haben wollen.

Blick durch die Wolken

Der Großteil des Geschäftes wird international laufen. Aus 500 Kilometer Höhe hat Terra-SAR den gesamten Globus im Blick; er „sieht“ auf einen Meter genau mit einem Spezialradar, wie es ähnlich auf dem kürzlich gestarteten Umweltsatelliten Envisat im Einsatz ist. Unabhängig von Tag und Nacht und durch Wolkendecken hindurch lassen sich Daten erzeugen, die an Wissenschaftler gratis, an die Industrie aber kostenpflichtig abgegeben werden. Für die kommerzielle Nutzung gab es solch ein Werkzeug noch nie. Genau das macht manchen Beobachtern Sorge. Die Grauzone zwischen hochgenauen Geo-Informationen, die auf dem internationalen Markt verkauft werden, und nationalen politischen Interessen ist groß.

Flug auch über Nahen Osten

Natürlich überfliegt das Gerät auch Krisengebiete wie den Balkan, den Nahen Osten oder Afghanistan. Zwar sind sich Astrium und das Ministerium einig, dass militärisch relevante Daten nicht verkauft werden. Wo aber die Grenze genau verläuft, muss sich erst noch zeigen.

So wäre es sicher hochinteressant für arabische Staaten, Israel einmal etwas genauer unter die Radar-Lupe zu nehmen, oder für Pakistan, einen tiefen Blick nach Indien zu tun – mit Terra-SAR ohne weiteres möglich, theoretisch. Infoterra-Chef Jörg Hermann: „Es kann auch sein, dass sich besonders Industriespione für unsere Produkte interessieren. Wir müssen abwarten, wer auf uns zukommt.“ Deshalb will es die Firma zunächst mit einer Art Selbstkontrolle versuchen und besonders heikles Material zurückhalten.

Eine bundesdeutsche Regelung, wie mit solchen heiklen Daten zu verfahren wäre, gibt es noch nicht. Und es gibt noch niemanden, der die durchaus unterschiedlichen Interessen der einzelnen Ministerien koordiniert – eine Voraussetzung für die reibungslose Nutzung des Radarsatelliten. Es könne nicht sein, dass mit erheblichem öffentlichen Aufwand Daten erzeugt würden, deren Weitergabe nicht im Interesse der Bundesrepublik liege, sagt denn auch BMBF-Staatssekretär Uwe Thomas: „Bei aller Freude über Terra-SAR – hier wird es noch einigen Konfliktstoff geben.“ Joachim Mahrholdt

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