Zeitung Heute : Bikini? Toll! Ah.

Im Sommer kaufen Frauen ihre Bademode, und die Presse entdeckt jedes Jahr aufs Neue eine Problemzone: die Umkleidekabine als Horrorkabinett. Eine Dokumentation.

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Kölner Stadtanzeiger, Juni 2000

Na klar, wieder nur ein abgebrochener Haken und kein Hocker. Dafür eine Bullenhitze und leichter Schweißgeruch. Also Tasche auf die Erde und Jacke, Bluse, Hose draufschichten. Die Wollmäuse machen fröhliche Luftsprünge. Die Strümpfe bleiben an den Füßen – wegen des schmuddeligen Bodens. Das Licht kommt ungnädig hart direkt von oben und wirft Schatten auf jede Delle der Oberschenkel. Und der Vorhang ist natürlich wieder mal zu schmal. Wie immer bleibt am Rand ein Spalt zum Reingucken. Gleichzeitig zuhalten und umziehen geht aber nicht. Die Lust, den Bikini überhaupt anzuprobieren, sinkt. Da der Abstand zum Spiegel in der WinzKabine nur ein paar Zentimeter beträgt, müsste man eigentlich auch noch vor den Vorhang und den großen Außenspiegel treten. Auf Socken, käseweiß im Neonlicht, vor den neugierigen Kunden? Niemals. Vielleicht passt der Bikini vom vorletzten Jahr doch noch. Oder man legt sich halt nie wieder an den Strand. Umkleidekabinen können besonders frau das Einkaufen gründlich verderben.

Brigitte, Mai 2004

Ich stehe in einem teuren Dessousladen in Kölns Edel-Viertel Rodenkirchen und möchte mir einen Bikini kaufen. Das Oberteil passt prima, aber die Hose ist zu klein. Besorgt legt die Verkäuferin die Stirn in Falten: Normalerweise, sagt sie, habe man bei meiner Oberweite einen anderen Hüftumfang. Mir bricht in der engen Umkleidekabine spontan der Schweiß aus: Gleich wird sie mich an einen der Schönheitschirurgen verweisen, die sich gerade in diesem Viertel wundersam vermehren.

Berliner Zeitung, Juni 1996

Die erste Hitzewelle hat die Großstadt überrollt. Strandbäder und Seen locken mit kühlem Nass. Und im Urlaubskoffer ist auch noch ein Plätzchen frei für den neuen Badeanzug. Oder doch lieber Bikini? Auf keinen Fall der vom vergangenen Jahr. Den haben wir uns in einem Anfall geistiger Umnachtung im Kaufhaus zugelegt. Es war eine pure Verzweiflungstat. Nach zwei Stunden unter Neonröhren und in engen Umkleidekabinen, jede Falte und jeden Ansatz von Cellulites gnadenlos ausgeleuchtet, waren wir erschöpft und wollten nur noch kaufen. Irgendeinen. So genau konnten wir das Modell eh nicht betrachten. Dazu hätten wir mehr Spiegel gebraucht. Die stehen aber vor der Kabine. Wer zieht schon freiwillig den Vorhang weg und tritt leichenblass raus? Mit Socken an den Füßen. Zehn andere Kundinnen und zwei lauernde Verkäuferinnen im Blickfeld. Nein danke.

Welt am Sonntag, Mai 2005

Der Kauf eines Bikinis gehört zu den demütigenden Erfahrungen im Leben einer Frau. Weil er in den gut ausgeleuchteten Umkleide-Kabinen ein Wiedersehen mit den Problemzonen bedeutet, die im Winter verborgen blieben. Und reichte in der vergangenen Saison vielleicht noch ein Modell, so braucht man in diesem Sommer mindestens drei. Einen zum Baden, einen zum Bräunen und einen für den Besuch an der Strandbar.

Sportarten-Typtest bei aok.de

Wenn Sie einen neuen Badeanzug kaufen, stört Sie …

das grausame Licht in der Umkleidekabine

das zeitraubende Aus- und Anziehen

die immense Auswahl

eigentlich nichts. Aber wieso Badeanzug und nicht Bikini?

Stern, April 2003

Schon mal zugeschaut, wenn Frauen Badeanzüge kaufen? Seltsames Erlebnis. Fängt schon mit der Sprache an, Frauen sagen „Juchhu, ich kauf mir Schuhe!“, aber dann leiser: „Ach, und ich muss noch einen Badeanzug kaufen.“ Muss. Dann in den Läden, vor diesen meterlangen Stangen bunter Stofffähnchen verstummen Frauen beinahe, und leichte graue Wolken ziehen über ihre Augen. „Hmm, der vielleicht“, murmeln sie und immer wieder „ach, ich weiß nicht“. Mit den Fingern ziehen und spannen sie den Stoff der Oberteile und versuchen sich vorzustellen, wie das, was hinein soll, darin wohl aussieht. Badeanzüge kaufen ist eine komplizierte Dreisatzrechnung: Wie sehe ich darin aus? Wie sehe ich neben anderen darin aus? Und wie sehen mich andere, wenn sie mich darin sehen? Deshalb haben Frauen Badeanzüge immer absurd lange in der Hand, wiegen sie, halten sie von sich weg und an sich ran. Manche haben auch Schweißperlen auf der Stirn, wenn sie mit drei oder vier dieser kleinen Stoffhaufen dann in die Umkleidekabinen schleichen, für sie eine Folterkammer. Das grelle Neonlicht auf der blassen Haut, das Unterteil, das wie ein Ballon sitzt, weil man es über den Slip anziehen muss, die geklebte Plastikeinlage im Schritt, die ausbeult. So an den Strand? Niemals. Badeanzug kaufen, das ist wie einen Kontoauszug des Körpers lesen – Soll und Haben. Jedes Gramm zu viel und jede Falte des Älterwerdens wird im kalkweißen Licht sichtbar und hat ein Ausrufezeichen. Man schaue einmal Frauen in die Augen, wenn sie die Badeanzug-Läden verlassen. Kaum eine lacht.

Die Zeit, Mai 1997

Jetzt ist er hin. Badeanzüge sterben einfach. Still, den Winter über. Ein Verfallsphänomen, das übrigens auch längere Zeit ungetragene Socken ereilt. Es gibt dann dieses knarzende Geräusch, wenn man das Bündchen dehnt, und nie, nie, wieder wird es sich zusammenziehen. Man sollte dem mal auf den Grund gehen. Doch erst muß ein neuer Badeanzug her. Und die Suche ist entsetzlich! Entwürdigend! Von Geschäft zu Geschäft peinigender! Nicht nur, daß sich alle Fabrikanten gegen uns reife Frauen verschworen haben: Mit großblumigen Mustern und grellen Farben wollen sie uns locken, mit Fältchen, Rüschchen und Schößchen uns kaschieren. Beinausschnitte bis zur Hüfte – Größe 46 inklusive, obwohl doch solch üppige Damen die gewiß nicht tragen können. Und dann die Kabinen! Wer sich aus der Überfülle an den Ständern mühsam drei Teile herausgehakelt hat, schwitzt beim Anprobieren dickbauchig und bleich unter dem Neon von oben – nichts strahlt gandenloser. Gestern, es muss im dreizehnten Laden gewesen sein, drang aus der Nachbarzelle ein vertrautes Stöhnen. Ich spähte hinaus. Da flog der Vorhang schon beiseite, und heraus schoß eine auffällig schlanke Schöne, den Arm voller Einteiler. Im Spiegel sah ich mich böse lächeln. Dann stieg ich noch mal in den Giftgrünen. Und plötzlich saß er gar nicht mal schlecht.

brigitte.de

Süß sieht er aus! Rot-weiß gestreift, ein hoher Beinausschnitt, toll geschnittenes Oberteil. Macht eine richtig gute Figur – bei der Schaufensterpuppe. Und weil der Tag bisher ganz gut verlief und Spontaneität oft zu den besten Käufen führt, wird er gleich anprobiert. Leider sieht der Bikini dann ganz übel aus. Schneidet an der Hüfte in die Polster, am Po arbeitet er die Dellen so richtig schön heraus. Und das bei einer Beleuchtung, die vielleicht für eine OP ganz hilfreich ist (Fettabsaugung???), aber nicht für die Psyche einer Frau, die sich in der Umkleidekabine von allen Seiten betrachten muss. Sich dann doch für einen schwarzen Einteiler mit wild gemustertem Pareo entscheidet und den Tatsachen gut verhüllt stellt: Wir sind eben auf Cellulite programmiert.

Glamour, Mai 2005

Am Ende der Sommerferien, vergangenes Jahr, sah ich am Strand ein Mädchen in einem weinroten Bikini. Natürlich war das Mädchen braun gebrannt, nicht zu sehr, aber schön gleichmäßig, also perfekt. Und dazu hatte es eine gute Figur. Ich dachte, wie schön so ein weinroter Bikini sei und dass ich mir vielleicht nächstes Jahr einen kaufen könnte. Okay. Aber es gibt nichts Schlimmeres, als im Frühling einen Bikini zu suchen mit einem solchen Bild im Kopf. Ich muss nicht genau beschreiben, welche Farbe meine Haut im Frühling hat. Ich muss auch nicht beschreiben, wie es aussieht, wenn ich in einer viel zu kleinen, neonbeleuchteten Umkleidekabine in einem winzigen Bikini dastehe. Abgesehen davon, dass an einen weinroten Bikini in dieser Saison gar nicht zu denken ist. Bikinis sind in diesem Sommer pastellfarben, geblümt und gepunktet, oder sie sind grellpink oder türkis, was sicher nicht schlecht aussieht am Ende eines Sommers am Strand zu brauner Haut und einer guten Figur. Wenn man es sich nur jetzt schon wenigstens vorstellen könnte. Ich blätterte also durch Unmengen von Bikinis auf der Stange, gepeinigt allein von der Vorstellung, mich aus dem Mantel zu schälen, die Abdrücke der Socken an den Fußgelenken und die der Jeans um die Hüften zu sehen und darüber einen oder mehrere Bikinis hintereinander anzuziehen, der erste passt ja nun nie.

Der Standard, Oktober 2004

Der Flug ist gebucht und die Koffer sind gepackt. Die Vorfreude auf den Urlaub könnte eigentlich ungetrübt sein – wäre da nicht bei der Bikini- bzw. Badehosen-Anprobe der Blick in den Spiegel. Was tun? Wer Gewicht verlieren will, sollte sich gut überlegen, wie: denn allzu schnelles Abnehmen ist ungesund! Crash-Diäten nennt man solche Diäten, bei denen man über einen kurzen Zeitraum von drei bis sieben Tagen eine auf ein einzelnes Nahrungsmittel beschränkte Diät einhält. Versprochen wird dazu ein Gewichtsverlust von einem Pfund oder sogar Kilo am Tag. Meist wird die Kalorienzufuhr auf unter 800 Kalorien reduziert. Die schwerwiegenden Nachteile einer solchen Diät sind, dass man lediglich Wasser ausschwemmt, ansonsten sogar Muskelmasse abbaut, man großen Heißhunger auf Salziges (Kalorienreiches) bekommen und die verlorenen Pfunde an einem einzigen Tag wieder zunehmen kann.

Deutsche Presse Agentur, Juni 2005

Gerade beim Bademodenkauf sind schlechte Beleuchtung, verzerrende Spiegel und stundenlanges Anprobieren eine Zerreißprobe für die Nerven. Sich Wohlfühlen ist im knappen Strand-Outfit sehr wichtig. Am Strand fallen auch die letzten Hüllen – „und jeder möchte dabei natürlich so perfekt wie möglich aussehen“, weiß Nora Kühner, Designerin für Sportswear aus München. „Es gibt Geschäfte, da kann man Bademoden gar nicht kaufen, weil es einen beim Blick in den Spiegel graust und die Kabinen unangenehm eng sind“, so Kühner. Dem eigenen Spiegelbild vertrauen nicht alle Frauen: „In den großen Warenhäusern hat man oft vor dem Spiegel das Gefühl, ich bin drei Mal so dick, wie ich mich fühle“, sagt Alexandra Hipfner-Sonntag, Diplompsychologin aus Freiburg.

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