Zeitung Heute : Bild dir deinen Kanzler

„Ich lasse mich nicht kaputtmachen“, rief Schröder vor seiner Fraktion. „Bild“ habe eine unerträgliche Kampagne gegen ihn angezettelt. „Kann man“, fragt einer aus der SPD, „in Deutschland überhaupt noch Reformpolitik machen, wenn die nicht von Springers Gnaden ist?“

Peter Siebenmorgen

und Ulrike Simon

Die Wut des Kanzlers war gewaltig. Erst am Wochenende in „Bild am Sonntag“ eine Story über die Frage, wie Doris Schröder-Köpf mit den vielen negativen Schlagzeilen über ihren Mann zu Rande kommt. Dann am Dienstag in „Bild“ auf der zweiten Seite eine Geschichte mit der Schlagzeile „Wie hält die Kanzlergattin das nur aus?“. Mainhardt Graf Nayhauß, der Starkolumnist des Blatts, spekuliert darüber, was die Schröders wohl machen werden, wenn der Gatte demnächst womöglich auch noch das Kanzleramt verliert. Das werde dann gewiss auch Auswirkungen auf das Familienleben haben. Weiter erwägt Nayhauß, dass die Schröders dann vielleicht für eine gewisse Zeit nach Amerika auswandern könnten: „Immerhin besitzt ihre in den USA geborene, inzwischen 13-jährige Tochter einen amerikanischen Pass.“ In diesem Ton geht es munter weiter: Wird Schröder dann Vorträge halten? Was bedeutet es für die Familie, wenn der Mann häufiger als gewohnt zu Hause ist? Bücher-Schreiben? Talk-Shows?

Die Gestaltung dieser Seite zwei ist ein Beispiel dafür, wie Chefredakteur Kai Diekmann arbeitet. Oben auf der Seite zeigte das Blatt Auszüge aus „Hamburger Morgenpost“, „Welt“, „Berliner Kurier“ und „Abendzeitung“ sowie den aktuellen „Spiegel“-Titel „Der halbierte Kanzler“. „Jetzt wird Gerhard Schröder öffentlich demontiert“, steht darüber. Will sagen: Nicht die „Bild“-Zeitung, sondern die Medien insgesamt, selbst jene, die im Ruf stehen, SPD-freundlich zu sein, demontieren den Kanzler.

Aber „Bild“ besteht ja nicht allein aus ihrer zweiten Seite, auf der die politische Berichterstattung stattfindet, sondern aus fetten Schlagzeilen, vor allem auf der Titelblatt. Und da geht es seit Monaten immer wieder mit Karacho gegen die Regierung. Etwa gegen die Gesundheitsministerin Ulla Schmidt („Frau Ministerin, Sie machen uns krank“). Oder darum, der Regierung ein kaltes Herz bei ihren Reformen anzudichten („Renten-Klau“) oder schlicht nur Ängste zu schüren („Renten-Schock,“, „Renten-Loch“ „Schrumpft die Rente weiter?“)

„Wir können tun oder lassen, was wir wollen“, heißt es seit längerem im Kanzleramt, „stets versucht ,Bild’ die Massen gegen uns aufzubringen.“ Wehleidige Mimosen, die uns da regieren? Nein, darum geht es gar nicht, sagt ein enger Gehilfe des Kanzlers, Kritik müsse man schon aushalten, auch wenn sie einem unfair erscheine. „Der Punkt ist ein anderer: Wenn die zwischen Regierung und Opposition verabredete Einführung einer Praxisgebühr zum effektiven Kampagnethema wird, dann muss man sich allmählich fragen, ob man in Deutschland überhaupt noch Reformpolitik machen kann, wenn die nicht von Gnaden der ,Bild’ und Springer ist.“

Für Gerhard Schröder sind die Geschichten der vergangenen Tage jedenfalls nicht vereinzelte Ärgernisse, sondern der Höhepunkt einer Berichterstattung, die er als „Niedermache“ empfindet. Berichtet ein Vertrauter. Dagegen, sagt Schröder, will er sich jetzt mit aller Kraft zur Wehr setzen. Am Dienstagnachmittag ist es dann so weit. Wie stets eilt er mit entschiedenen Schritten in den Saal der SPD-Bundestagsfraktion, die zum ersten Mal seit seiner Rücktrittsankündigung vom SPD-Parteivorsitz tagt. Mit lange anhaltendem Beifall begrüßen ihn die Angeordneten, viel herzlicher als sonst, wenn der Kanzler zu ihnen spricht. Das sei „keineswegs gestellt“ gewesen, erzählt ein SPD-Parlamentarier, der ansonsten eher zu den kritischen Weggenossen des Kanzlers zählt.

Reichlich Beifall erhielt der Kanzler allerdings nicht nur zur Begrüßung, sondern besonders, als er sich Springer und „Bild“ vorknöpfte. Eine unerträgliche Kampagne hätten die Blätter des konservativen Medienhauses gegen ihn angezettelt. Die Kampagne habe nun ein „Maß erreicht, das nicht mehr zu tolerieren ist“. Er sei nicht bereit hinzunehmen, dass seine Familie hineingezogen würde. „Ich lasse mich nicht kaputtmachen!“, rief Schröder. Das müsse „jeder wissen, „wenn er mit denen redet und sich zum Stichwortgeber macht“.

An diesen Wortlaut erinnern sich übereinstimmend mehrere Sitzungsteilnehmer. Schröders Appell, heißt es, habe man nicht anders als einen Boykottaufruf verstehen können. Ein Regierungssprecher, vom Tagesspiegel um Erläuterung gebeten, hält den Begriff „Boykott“ für zu hoch gegriffen. Schröder habe gemeint, man solle den Springer-Zeitungen „keine Informationen geben und mit denen keine Interviews mehr führen“. Was ja nicht sehr viel anderes als ein Boykottaufruf ist.

Sehr effektiv wirkte der offenbar nicht, denn noch aus der Sitzung erhielten mehrere Springer-Journalisten von SPD-Abgeordneten Anrufe, in denen sie bekunden, selbstverständlich weiterhin Kontakt halten zu wollen. Denn nicht alle verstehen die Aufregung um den „Bild“-Text. Im Grunde werde dort nur wiederholt, was Doris Schröder-Köpf selbst im Sommer 2002 in einer „Stern“-Geschichte („Doris macht Staat“) zu Protokoll gegeben hat: etwa die Überlegung, nach Amtsende ihres Mannes vielleicht in die USA zu gehen.

Bei „Bild“ in Hamburg und in der Berliner Springer-Zentrale verstehen sie das alles noch sehr viel weniger. Es gehe schließlich nicht immer nur gegen die SPD. Im vergangenen Jahr zum Beispiel wurde die Steuersenkung als „Kanzler Schröders Steuer-Coup“ bezeichnet. Als zuvor die CDU die Reform zeitweise blockieren wollte, musste sich die Unionschefin in der „Bild“-Ausgabe vom 1. Juli 2003 die Frage gefallen lassen: „Angela Merkel, warum sind Sie gegen Steuersenkungen?“ Alles also in bester, ausgewogenster Ordnung? Keineswegs, findet ein Kanzlervertrauter: „Bild“ sei von der „Allmachtsfantasie geleitet, Richtung und Personal der Politik bestimmen und eine Stellung im politischen Gefüge einnehmen zu wollen, die das Grundgesetz nur kontrollierten Verfassungsorganen, jedenfalls nicht den Medien zugesteht“.

In diesen Zusammenhang sortieren sie denn auch die Schlagzeilen und Geschichten seit Gerhard Schröders angekündigtem Rückzug vom dem Parteivorsitz ein. Eben das will der Chefredakteur von „Bild“ gar nicht glten lassen: „Es ödet, dass dem Medienkanzler außer ,böse Bild’ nichts mehr einfällt. Der ,Stern’ schreibt heute über Schröder: ,Dead Gerd walking’. Was die abgenutzten Kampagnen-Klagen angeht, müsste es wohl besser heißen: ,Sad Gerd talking’“, sagt Diekmann. Und Claus Strunz, der Chef von „Bild am Sonntag“, sagt: „Die größten Kritiker des Kanzlers sitzen in der SPD. Es gibt keine Kritik an ihm oder seinen Reformen, die nicht von SPD-Politikern hervorgerufen, geteilt oder stimuliert wurde. Über diesen für eine Regierungspartei Atem beraubenden Vorgang haben alle deutschen Medien groß berichtet und ihn zum Teil bitterböse kommentiert. Da kann sich die ,Bild am Sonntag’ aus diesem Thema nicht heraushalten.“

Auslöser für Schröders Empörung war jetzt allerdings weniger die politische als vielmehr die private Dimension: die Berichterstattung, die Doris Schröder-Köpf in den Mittelpunkt gestellt hat. In „Bild am Sonntag“ hatte Einar Koch geschrieben: „So erlebt Schröders Ehefrau die Krise“. Dazu hatte Koch, der die Journalistin Doris Schröder-Köpf einst zu „Bild“ nach Bonn geholt hat, am vergangenen Sonnabend zwei Mal mit der Kanzlergattin telefoniert. Der Artikel, der daraus entstand, war komplett mit ihr per Fax abgestimmt und wurde von ihr mündlich autorisiert, sagt Koch. Nur eine kleine Formulierung war zu ändern. Er war auch ihrer Bedingung gefolgt, sie nicht direkt zu zitieren, sondern die Formulierung zu wählen: „wie ,BamS’ aus ihrem Freundeskreis erfuhr“ beziehungsweise „wie Freunde berichten“.

Am Montag telefonierten Einar Koch und Doris Schröder-Köpf erneut miteinander. Koch fragte sie, ob sie sich zu den Schlagzeilen der anderen Medien diesmal zitieren lassen würde – Schröder-Köpf verneinte und sagte, dies lasse sie alles kalt. Koch sagt, er habe Graf Nayhauß für dessen Kolumne daraufhin seine persönlichen Eindrücke von Schröder-Köpf geschildert. Den Hergang der Dinge bestätigt so auch Doris Schröder-Köpf. Das mit der „Bild am Sonntag“ sei „völlig okay“ gewesen, sagte sie dem Tagesspiegel am Mittwoch. „Aber mit der ,Bild’-Geschichte habe ich nichts, rein gar nichts zu schaffen.“ Mit „Bild“ wollte sie auf keinen Fall etwas machen, fügte sie hinzu. Mit der „Bild am Sonntag“ schon, weil dort aus ihrer Sicht der Hauch einer Chance auf faire Berichterstattung besteht.

Nayhauß sagt, Doris Schröder-Köpf rede mit ihm schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Doch ganz ohne ihr Zutun sei die Kolumne vom Dienstag nicht entstanden, wenn es stimmt, dass Koch seine in den Telefonaten vom Samstag und Montag gewonnenen Eindrücke an den Kollegen weitergereicht hat. „Vielleicht reden die beiden nicht genug miteinander, sonst hätte der Kanzler doch wissen können, dass die Geschichten durchaus mit Hilfe seiner Frau entstanden sind“, heißt es in der Chefetage von „Bild“. Wie weit diese „Hilfe“ letztlich gereicht hat, wird womöglich demnächst gerichtlich geklärt. Wie Frau Schröder-Köpf sagt, bereitet man sich darauf vor.

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