Zeitung Heute : Bilder der Toleranz

Der Tagesspiegel

Von Wolfgang Lehmann

Die Pracht des Zimmers zeugt von der wichtigen Stellung seines Besitzers in einer der bedeutendsten Handelsmetropolen des Nahen Ostens: Vor vierhundert Jahren, 1601 bis 1603, ließ der christliche Kaufmann Isa b. Butrus im syrischen Aleppo eine kostbare Wandtäfelung für den Empfangssaal seines Hauses anfertigen. Seit 1912 stellt das – Aleppo-Zimmer genannte – Kunstwerk eine Kostbarkeit des Museums für Islamische Kunst auf der Museumsinsel dar. In seiner ursprünglichen T-Form aufgestellt, umfasst es drei Raumteile, die optisch eine Einheit bilden, aber weit genug auseinander liegen, so dass sich die versammelten Gruppen voneinander ungestört unterhalten konnten.

Auf einem Symposium im Berliner Magnus-Haus gegenüber dem Pergamonmuseum – Heimstatt des Museums für Islamische Kunst – unternahmen es jetzt Kunstwissenschaftler, Bauforscher und Historiker, das üppige Bildprogramm, das die Einzigartigkeit des Ensembles ausmacht, zu entschlüsseln: Welche stilistischen Einflüsse lassen sich feststellen? Was sagt uns das Aleppo-Zimmer über die gesellschaftliche Situation in der nach Istanbul und Kairo drittwichtigsten Stadt des Osmanischen Reiches im Allgemeinen und die der Christen im Besonderen? Und: Wer war der Bauherr?

Über ihn ist nur bekannt, dass er Makler von Handelsgütern und Mitglied in deren angesehener Gilde war. Er gehörte zu den rund zwanzig Prozent Christen unter den schätzungsweise 200 000 bis 250 000 vorwiegend muslimischen Einwohnern dieses bedeutenden Umschlagplatzes für Gewürze aus Indien und Rohstoffe aus Persien sowie Kaffee von der arabischen Halbinsel. Religiöse Diskriminierung gab es nicht, weder im Allgemeinen noch in der Maklergilde.

Beim Handel mit dem christlichen Westen, bei dem vor allem Luxusgüter umgeschlagen wurden – die Stadt war führend in der Seidenherstellung, im Handel mit Diamanten und anderen Edelsteinen aus Indien und in der Veredelung von Metallwaren –, waren christliche Kaufleute mitunter im Vorteil, weil europäische Käufer christliche Gesprächs- und Handelspartner bevorzugten.

Selbstbewusstsein und Rücksichtnahme kennzeichnen neben rein dekorativen Blütenranken und Reigen aus Fabeltieren das Bildprogramm des Aleppo-Zimmers – eine „bewusste Strategie, um Gäste jeden Glaubens in dieser Wohnung empfangen zu können“, wie es der französische Historiker Bernhard Heyberger (Straßburg) nannte. Alle, nicht nur Christen.

Höfische Motive wie Jagdszenen mögen als Reverenz an den fernen Herrscher in Istanbul gedeutet werden, religiöse Szenen weisen auf den Glauben des Hausherrn hin, sind aber so zurückhaltend dargestellt, dass sie Muslime, die ja sicherlich als Geschäftsfreunde empfangen wurden, nicht brüskierten. So wurde für die Darstellung der Opferung Isaacs durch Abraham eindeutig die muslimische Version gewählt: Der Engel, der in der biblischen Tradition den Schwertstreich des Vaters durch Zuruf aufhält (1.Mose 22), bringt hier den Widder, den Gott als Opfer statt des Sohnes des Propheten annimmt, durch die Lüfte.

Jesus und Maria, die in mehreren Medaillons auftauchen, kommen auch im Koran vor. Der Knabe wird hier nicht mit Heiligenschein, sondern mit einer – aus der buddhistischen Tradition kommenden – Strahlenkrone gemalt. Auf den eigentlichen Kern des christlichen Glaubens, auf Kreuzigung und Auferstehung, wurde verzichtet. Beim letzten Abendmahl knien Jesus und die Jünger nach arabischer Tradition an der Tafel. Außerdem gibt es weder Wein noch Brot.

Stilistisch ist das Zimmer schwer einzuordnen. Es gibt keine genaue Übernahme des offiziellen osmanischen Hofstils, wie er vom zentralen Hofatelier Nakkaschchane in Istanbul auch für die Provinzen festgelegt wurde, wenn auch einzelne Elemente zu erkennen sind. Die Eleganz der Darstellung von Menschen, Blumen und Tieren erinnert an persische Malerei, wie Ingeborg Luschey-Schmeisser (Tübingen) anhand von Beispielen zeigte.

Es bleibt das dank seiner Malerei „einzigartige Denkmal“, wofür es keinen Vergleich gibt – mit einem Bildprogramm, in dem man die Suche nach Gemeinsamkeit, auch der Religionen, lesen kann (Klaus-Peter Haase, Direktor des Museums für Islamische Kunst). Die gegenseitige Diskriminierung der Religionen kam später – „durch den Einfluß Europas“ (Heyberger).

Julia Gonnella, Ein christlich-orientalisches Wohnhaus des 17. Jahrhunderts aus Aleppo (Syrien). Das „Aleppo-Zimmer“ im Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Verlag Philipp von Zabern Mainz. 1996, mit 42 Farb- und 28 s/w -Abb., Museumsausgabe 5 €.

Museum für Islamische Kunst. Katalog. Verlag Philipp von Zabern Mainz. 200 S. mit 159 Farb- und 6 s/w-Abb., Museumsausgabe 9 €.

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