Zeitung Heute : Bilder ohne Gebrauchsanweisung

Urban Media GmbH

Von Joachim Huber

Alle Bilder, die das Fernsehen zeigen kann, schienen gezeigt. Dann kam der 11. September, und die Welt bekam neue, schaurig neue Bilder. Gebracht hat sie das Fernsehen, live, in Farbe, wieder und wieder. Zum Bildervorrat der Menschheit gehören jetzt die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York, wie sie brennen und in sich zusammenbrechen. Was gezeigt, was gesehen wurde, will begriffen und in seinen Auswirkungen verstanden sein. Offenbar schnell, auf jeden Fall gründlich: Die „Mainzer Tage der Fernsehkritik“, ehrwürdig und in ihrem 35. Jahr, wurden diesmal extra vorverlegt, um „Die offene Gesellschaft und ihre Medien in Zeiten ihrer Bedrohung“ gestern und heute im ZDF zu diskutieren.

Für das Medium Fernsehen setzte ZDF-Intendant Dieter Stolte die notwendigen Positionslichter: „Die Extrembilder der Hölle am New Yorker Himmel erfordern von uns ein neues Überdenken des Verhältnisses zwischen Fernsehen und Gesellschaft. Wir müssen die ,Macht der Bilder’ im Blick auf eine mögliche Ohnmacht der Gesellschaft reflektieren.“ Nicht irgendeiner Gesellschaft, sondern einer „offenen“, wie sie Stolte aus der Schrift „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ des Philosophen Karl Popper ableitete. Für Popper sei eine „offene Gesellschaft“ eine Gesellschaft der Freiheit und Gleichheit aller Bürger, „in der jeder alle sozialen Chancen besitzt, in der auch jeder Verantwortung für sich und das Ganze übernimmt“, wie Dieter Stolte sagte. Allerdings auch eine Gesellschaft, in der jeder weithin auf sich alleine gestellt sei und „ohne Anleitung, ohne Sicherheit seinen eigenen Weg selbst gehen, ja erst einmal finden muss“.

Offenheit und Ambivalenz einer Gesellschaft liegen für den ZDF-Intendanten Stolte eng beieinander, je offener eine Gesellschaft, desto ambivalenter, desto größer der Wunsch, die Sehnsucht nach Sicherheit, nach Gewissheiten. Weil jedoch größere Sicherheit nach Stoltes Meinung immer auch geringere Freiheit bedeutet, „dürfen wir angesichts der Bedrohung nicht in eine falsch verstandene Sicherheitspolitik verfallen“. Nicht die Politik müsse die Gesellschaft schützend offenhalten, sondern zunächst müsse die Gesellschaft auch selbst offen sein. Dafür benötigt sie die Medien, das Fernsehen: „Da eine Informations- und Wissensgesellschaft wie die unsrige durch öffentlichen Meinungsaustausch überhaupt erst offen wird, braucht sie auch Medien als elektronische Meinungsforen im Sinne des Public Broadcast.“ Damit sind für den ZDF- Intendanten die wesentlichen Aufgaben der elektronischen Medien fixiert: meinungsfreudig und kritikfähig müssen sie sein und als Faktoren oder gar Motoren einer modernen offenen Gesellschaft sich bewusst sein, „inwieweit sie vielleicht selbst teilhaben an einer möglichen Bedrohung unserer Gesellschaft, vor allem aber teilhaben an der Bewahrung ihrer Offenheit“.

Dieses Bewahren fordere nicht zuletzt die Vernunft der Programmverantwortlichen, die sich fragen mü ssten, welcher Programmatik ihre Bilder folgen würden: „Dienen sie der Fesselung von Zuschauern oder ihrer Aufklärung, der Sensation oder der Information?“ Dieter Stolte will festgestellt haben, dass für informierte Menschen – etwa für Peter Scholl-Latour und seine weltweiten Reporter-Kollegen – die Bilder vom 11. September kaum eine Sensation gewesen seien.

Warum nicht? Scholl-Latour et alii wüssten eben um unsere Offenheit und Verletzbarkeit, und sie wüssten, dass „der Aufprall verschiedener Kulturen und Gesellschaftssysteme die notwendige Folge der so genannten ,Globalisierung’ ist“. Die tödlichen Flugzeuge des 11. September sieht Stolte als Symbol für eine konkret gewordene „globale Gesellschaft“, der höchsten Steigerungsform der offenen Gesellschaft. Hier müssten Völker und Nationen unterschiedlichster Kulturräume und Kulturstufen miteinander auskommen. Das verlange Verständnis und Toleranz, sagte Stolte. Leicht gesagt und schwer getan. Die Probleme einer globalen Gesellschaft seien programmiert, meinte der ZDF-Intendant, aber sie könnten gemindert, vielleicht sogar gelöst werden durch Vernunft, durch vernünftigen Dialog, der auch ein Dialog der Kommunikationsmedien sei. „Wer vernünftig miteinander spricht, wer sich einander austauscht und sich übereinander informiert, sich also nicht grundsätzlich ignoriert, läuft weniger Gefahr, gegeneinander Krieg zu führen.“

Die Bedrohung der offenen Gesellschaft schwinde daher in dem Maße, „in dem wir uns dem offenen Gespräch stellen“. Damit waren die „Mainzer Tage der Fernsehkritik“ eröffnet und ihre Teilnehmer zum offenen, globalen Austausch aufgefordert.

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