Zeitung Heute : "Bilder vom Erzählen": Die Geburt eines Schriftstellers

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Wolfgang Hilbig ist der einzige unter den bedeutenden zeitgenössischen deutschen Autoren, der noch nicht den Büchner-Preis bekommen hat. Nichts kann das Fragwürdige von Gremienentscheidungen, von Abstimmungsmodalitäten besser verdeutlichen. Prosastücke wie "Alte Abdeckerei" oder "Die Weiber" gehören zu dem Wenigen, was von der Literatur des letzten Drittels des letzten Jahrhunderts wirklich Bestand hat. Hilbigs Sprachmächtigkeit, seine expressiv auflodernden Endzeitgemälde des verrottenden DDR-Sozialismus haben keinen Vergleich. Dass er, obwohl er alle anderen Preise schon längst bekommen hat, den wichtigsten nicht erhielt, mag daran liegen, dass er mit den Medien nicht kompatibel ist. Er ist kein Mann für Podien, kein Mann fürs öffentliche Räsonieren. Leben und Schreiben sind für ihn auf eine Weise verbunden, wie sie sonst nur noch in der Literaturgeschichte aufzufinden ist. Hilbig ist der letzte naive deutsche Dichter, im ursprünglichen, Schillerschen Sinne.

Sein Verlag hat ihm und auch seinen Lesern zum 60. Geburtstag in diesem Jahr ein repräsentatives Geschenk gemacht. Mit filigranen Radierungen von Horst Hussel, die das Ganze umgarnen und in seiner Rätselhaftigkeit visualieren, sind hier dreißig neue Gedichte Hilbigs versammelt. Nach der tabula rasa mit dem Roman "Das Provisorium" im letzten Jahr sind dies die ersten neuen Texte des Autors: im "Provisorium" hatte Hilbig zum ersten Mal fast unverhüllt autobiografisch geschrieben und die Verankerung seiner bisherigen literarischen Existenz außer Kraft gesetzt. Mit diesem Gedichtband kehrt Hilbig nun zu den Anfängen zurück: seine erste Buchveröffentlichung war 1979 der Gedichtband "Abwesenheit", der nicht nur programmatisch das Selbstverständnis eines DDR-Schriftstellers aufkündigte, sondern vor allem in seiner Sprache etwas völlig Losgelöstes hatte. Hilbig knüpft jetzt an diese Geburt eines Schriftstellers in der DDR wieder an, die rein aus der Schrift heraus erfolgte, unbeeinflusst von den literarischen Diskussionen ringsumher. Das Expressionistische spielte für Hilbig eine große Rolle, Rimbaud, der Surrealismus.

Der Titel des Gedichtbandes allerdings kündet von einem Paradox: "Bilder vom Erzählen". Hilbig vermischt die Gattungen, und das Erzählen, das er mit dem "Provisorium" an einen End- und Höhepunkt getrieben hat, holt ihn jetzt als lyrische Anrufung wieder ein. Das titelgebende Gedicht unternimmt mehrere Anläufe, um das Meer zu beschreiben - das Meer, das auf anonymen Hotelfernsehern aufflimmert, vornehmlich nach Sendeschluss, verstellt zunächst den Blick auf das reale Meer hinter den Gardinen, es wird verstellt von Wörtern und vom Bewusstsein, bis sich langsam, in kurzen Schüben, ein poetischer Rhythmus einstellt, der sämtliche Fragen wieder aufhebt.

Diese Gedichte sind tastende Versuche, an etwas anzuknüpfen, was lange Zeit liegengeblieben war, durch Prosa verdeckt: Hilbigs schwarze Romantik irrlichtert in diesen Zeilen, die gelegentlich auch wieder das Expressive zitieren und es mit einem fragenden Unterton versehen; es bleibt ein dissonanter Nachhall. "Nach der Prosa", heißt so ein Gedicht: "Nun bin ich alt und in den Staub geworfen" ... , und die alte, lyrische Sprachmächtigkeit hebt wieder an, etwas Existenzielles zu umreißen, das neu scheint, aber doch die alten Fährten wieder aufnimmt.

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