Zeitung Heute : Bilder

Sigrid Kneist

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Man mag es glauben oder nicht. Früher, als Charlotte kleiner war, war vieles einfacher. Nicht alles, aber doch so manches. Vor allem konnte ich einige Dinge einfach tun, ohne dass meine Tochter es hinterfragte oder mir gar verbot. Fotos machen, beispielsweise. Viele wunderbare Schnappschüsse, mit denen ich seit Charlottes Säuglingszeit unsere jährlichen Fotokalender für Omas und Opas bestückte, würden heute die töchterliche Zensur nicht mehr passieren.

Die Bilder eines zornigen Rumpelstilzchens, die mit zeitlichem Abstand betrachtet doch recht komisch sind, etwa könnte ich auch heute manchmal noch schießen. Lasse ich aber bleiben. Ich kenne die Folgen. Entweder würde dies weitere Wutausbrüche nach sich ziehen oder beinahe tödliche Blitze aus zusammengekniffenen Kinderaugen. Zeigen dürfte ich die Bilder sowieso nicht. Die wären sofort konfisziert. Die Fotos für unseren diesjährigen Kalender werden selbstverständlich vorgelegt und genehmigt.

Ich kann das verstehen. Jeder kennt von sich Bilder aus Kindertagen, für die die Eltern spätestens in der Pubertät gehasst wurden. Vielleicht findet sich auch bei Ihnen im Album eins, das Sie mit angestrengtem Blick auf dem Töpfchen zeigt. Oder eines, wo sie mit sadistischer Miene dem süßen Kaninchen in den Augen rumbohren. Nein, in einem gewissen Alter kann ein Kind einfach nicht mehr darüber lachen. Da hat es nur das Gefühl, bloßgestellt zu werden. Erst in reiferen nachadoleszenten Tagen begegnet man dem wieder gelassener.

Für Charlotte haben die Fotos des Schulfotografen eine übergeordnete Bedeutung. Noch heute nimmt meine Tochter es mir übel, dass ich im ersten Schuljahr den Termin vergessen hatte, als der Fotograf in die Klasse kommen sollte. Auf den Bildern ist sie deswegen nur mit einem ganz gewöhnlichen Fleece-Pullover zu sehen. Peinlich! Das darf nicht noch einmal passieren. Seitdem wird der Termin dick im Kalender angestrichen. Diese Woche ist es wieder so weit. Charlotte weiß genau, was sie anziehen will, um gut auszusehen. Und wehe, ich habe vergessen, die Sachen zu waschen.

Fotokalender zum Selbergestalten gibt’s in Kaufhäusern, Foto- und Schreibwarenläden.

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