Bildhauerei : Das Gesicht der Armut

Es ist scheinbar geprägt von Zahlen, vom Einkommen. Doch wenn man es auf andere Weise betrachtet, ist noch viel mehr zu erkennen.

Nadja Klinger
Birck
Bildhauer Harald Birck und eines seiner Modelle in der Berliner Stadtmission in der Joachim-Friedrich-Straße. -Foto: Thelen

Ulrich Neugebauer ist letztes Jahr nach Kansas City geflogen. Dort versammelten sich Stadtmissionare aus der ganzen Welt. Jeder konnte sich eine Arbeitsgruppe aussuchen. Neugebauer entschied sich ausgerechnet für das Thema, das er in Berlin auch jeden Tag hat: Armut. Er saß neben einem Kollegen aus der Schweiz, als ein Kollege aus Indien von den Armen daheim erzählte. Es waren erschütternde Geschichten. Der Deutsche und der Schweizer steckten die Köpfe zusammen. Wir beide erzählen hier lieber nichts von zu Hause, einigten sie sich flüsternd, denn das könnte peinlich werden.

Kürzlich hat Moderatorin Anne Will verkündet, in ihrer Talkshow Menschen zu Wort kommen zu lassen, die weder Politiker, Koryphäen noch Berühmtheiten sind, sondern schlicht Experten des eigenen Lebens. Ganz normale Leute. ARD-Programmchef Günter Struve sagte zu ihr: „Mädchen, das ist ein Risiko.“

An einem Sonntagabend Mitte September saß dann trotzdem eine ostdeutsche Bauingenieurin in der Sendung. Sie erzählte von ihrem bescheidenen Alltag als Billigarbeitskraft eines Callcenters. Eine Geschichte wie vom Grabbeltisch. Überall im Land kann man so was haben, in hunderttausenden Varianten. Trotzdem nahm sich der Auftritt der Frau wie eine seltene Raubtiernummer aus. Das Studio hielt die Luft an, während sie über ihr Dasein sprach. Anne Will ließ sie nicht aus den Augen.

„Wir sind arm an Wissen über Armut.“ Das hat der CDU-Politiker Heiner Geißler gesagt. Das war 1976. Seitdem ist viel passiert. Soziologen haben sich mit Armut befasst. Dann bescherte die Wiedervereinigung ein neues Problem: ein riesengroßes ostdeutsches Armutsgebiet. Nach der Jahrtausendwende legte zum ersten Mal eine Bundesregierung einen Nationalen Armuts- und Reichtumsbericht vor. Seit Hartz IV ist Armsein in Deutschland Anlass für Nachrichten und Schlagzeilen: Elf Millionen Menschen sind arm oder von Armut bedroht, drei Millionen davon sogar erwerbstätig. Das Arbeitslosengeld II, die sogenannte Grundsicherung, garantiert keinen sicheren Abstand zur Not. Der Kinderschutzbund spricht von 2,6 Millionen armen Kindern.

Doch nach mehr als einem Vierteljahrhundert gilt der Satz von Heiner Geißler immer noch. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Verbandes „Der Paritätische“ – einst Paritätischer Wohlfahrtsverband –, formuliert ihn heute so: „Wer kein Problem dabei empfindet, wenn er sich im Supermarkt an der Fleischtheke bestes Schweinefilet einpacken lässt, während zehn Meter weiter eine alte Frau die billigsten Nudeln und zwei Eier in ihren Einkaufswagen legt, weil es für mehr nicht reicht, der wird auch kaum von Armut sprechen.“ Es nützt nichts, wenn ein Problem nur ein Thema ist. Es kommt darauf an, von welchem Standpunkt aus, auf welche Weise man es betrachtet.

Die Armutsdebatte wird von Politikern und Experten beherrscht. Sie dreht sich um Zahlen und Statements. Sie dreht sich um Begriffe wie absolute, relative und versteckte Armut. Menschen, um die es geht, kommen in ihr kaum vor. Sie gelten – wie bei Anne Will – als Risiko fürs Abendprogramm, als handwerkliche Herausforderung für Journalisten. Die Armutsdebatte ist nicht dran am Thema, sondern auf Distanz. Sie blickt von der Mitte der Gesellschaft auf die Armen. Wenn Ulrich Schneider spricht, wird stets heftig Beifall geklatscht. Dabei beherrscht im Publikum wohl kaum jemand den Fleischthekenblick. Schneider fügt hinzu: „Armut kann immer nur das sein, worauf wir uns verständigen, was Armut ist.“

Würden wir das tun, ginge es sicher auch um Zahlen. Ums Einkommen, um Kosten. Aber bald würden uns beim Zuhören Worte wie Würde und Stolz in die Quere kommen. Dinge, die wir gern bei anderen einklagen. Doch die anderen sind in diesem Fall wir. Denn wir und die Armen leben in unterschiedlichen Welten.

Ein paar Tage nach der Bauingenieurin tauchte Mascha Kaminski im Fernsehen auf. Die 47-jährige Textilgestalterin aus Wernigerode ist seit der Wende arbeitslos. Sie saß nicht im politischen Talk zur besten Sendezeit, sondern in einem Magazin des MDR. Es heißt „Unter uns“ und dreht sich um „normale Menschen“. Außer der Arbeitslosen waren ein Krebskranker gekommen, eine Frau, die von Einbrechern überfallen worden war, und eine ehemalige Pionierleiterin, die jetzt Reiki- Meisterin ist. Mascha Kaminski erzählte, wie ein Leben mit Hartz IV funktioniert: entweder Milch kaufen oder Kartoffeln – nicht beides. Tagelang von Äpfeln leben, Kirschen klauen, auf Gesundheitsvorsorge verzichten, auf Zahnersatz.

Hartzland nennt sie den Ort, von dem sie auch im Internet berichtet. „Er liegt ganz weit draußen, außerhalb der Gesellschaft.“ Sie bekommt Fanpost und ignoriert tapfer die bösen Briefe. Seit dem Fernsehauftritt wird sie in Zeitungen zitiert, man stürmt ihren Blog. Mascha Kaminski. Der Name klingt, als hätte ihn ein Medienberater für unsere Zweiweltenrepublik erdacht. Mascha Kaminski wirft ein Licht auf die Armen. Sie ist der Star von Hartzland.

Frau T. lebt auch in Hartzland, in Frankfurt an der Oder. Sie hat beim Zoll an der polnischen Grenze gearbeitet, bis Polen in die EU kam, seitdem ist sie arbeitslos. Sie ist 57 Jahre alt. Wenn die monatlichen Festkosten bezahlt sind, rechnet sie und setzt Prämissen: Essen und Trinken haben Vorrang, Bücher, Kino, Kneipen sind nicht drin. So kommt sie mit 100 Euro im Monat hin. Sie spart sogar, um wenigstens den Stolz nicht zu verlieren. Ihren Stolz beschreibt sie so: „Ich werde Schuhe niemals gebraucht kaufen.“

Zum Reden verlässt Frau T. Hartzland nicht. Sie geht zum Arbeitslosentreff ins Evangelische Gemeindezentrum. Der Treff heißt „Miteinander“. Das klingt nach Gemeinschaft, aber es handelt sich ums Gegenteil. Wie in einem Bunker sitzen Hartzländer unter sich. Sie frühstücken belegte Brötchen umsonst, erzählen von ihren Problemen, weil sie sicher sind, dass jeder hier drinnen sie versteht.

„Armut heißt, mitten unter den anderen zu leben und gleichzeitig am Rand“, sagt Frau T. Wie geht’s?, fragen auf der Straße die Leute. Sie findet es unverschämt, ihr diese Frage zu stellen. Sie schweigt und murmelt in Gedanken: „Ich habe keine Schuld. Ich bin nicht als Hartz IV zur Welt gekommen.“ Die Leute raten: Geh in den Westen, da gibt’s Arbeit! „Wir sind viele“, erwidert sie. „Was würde aus Frankfurt werden, gingen wir alle weg?“

Heute ist eine Trainerin ins Arbeitslosenzentrum gekommen. Nach dem Frühstück zieht sie mit den Anwesenden um den großen Tisch, man geht in die Knie, schwenkt die Arme. „Letzte Nacht in der Taverne war es schön“, singt Costa Cordalis. Die Veranstaltung heißt: Warum tut Bewegung unserem Körper so gut? Heute sind viel weniger Leute beim Frühstück als üblich. Die Trainerin hat sie abgeschreckt. Sie kommt aus der anderen Welt. Unweigerlich denken die Arbeitslosen ans Jobcenter, dort will man sie auch immer in Bewegung halten.

Zur Stadtmission in der Berliner Joachim-Friedrich-Straße kommen die armen Leute jeden Tag. Sie speisen in einem ungewöhnlichen Restaurant. Es hat Tische, Stühle, einen Tresen und ein Menü wie andere Etablissements der Stadt. Nur sind die Preise viel niedriger. Anstatt sie mit Almosen zu versorgen, lässt man die Obdachlosen für Speis und Trank bezahlen. Das hat Stil und Würde. Auch wer tags ein Bettler ist, ist abends gern gesehener Gast.

1992 kam Ulrich Neugebauer hierher. Die Obdachlosen lungerten, dösten, rauchten, wärmten sich auf. Er sah ihnen an, dass sie ein hartes Leben führten. Aber das Schlimmste an diesem Leben konnte er nicht sehen: Sie waren in dem Alter, in dem andere Menschen erfolgreich sind. Sie kamen klar, wenn man ihnen ab und zu Unterschlupf, zu essen, Wasser und Seife gab. Ihre Armut jedoch bestand in dem, was sie besaßen: in ihren gescheiterten Biografien.

Neugebauer, Anfang 30 und bis dahin Diakon einer schwäbischen Gemeinde, setzte sich zu ihnen. Er wollte reden, zuhören. Sich verständigen. Sie brummten: „Ich hab heut keine Sprechstunde.“

Er besorgte Arbeit. Ein Behindertenheim am Stadtrand brauchte einen Park. Einmal pro Woche kamen die Obdachlosen pünktlich aus ihren Unterschlupfen, setzten ihre Vornamen auf eine Anwesenheitsliste und strahlten dabei wie andere Menschen nur sonntags. Sie bauten Treppen, setzten Zäune, pflanzten, säten, legten Wege an. „Sprechstunde“ hatten sie auch. Es ging um das, worüber andere Menschen auch reden: was für tolle Hechte sie sind. Was, du hast nur 15 Pflastersteine auf der Karre? Guck mal, ich schaff locker 25! „Arbeit ist soziales Leben“, sagt Neugebauer. „Soziales Leben ist das, was Armen fehlt.“ Lohn konnte er nicht zahlen. Als seine Leute fertig waren mit dem Park, wollten sie nicht mehr weg, nun pflegen sie ihn.

Seit ein paar Jahren fahren sie auch zu Wohnungsauflösungen. Sie karren Bücher, Hausrat, Möbel, Schmuck, Raritäten heran, sortieren und verkaufen in einem Laden neben dem Restaurant. Sie wirtschaften. Neugebauer kann Arbeitsplätze vergeben. Er kann aber kaum mehr Geld zahlen, als das Jobcenter geben würde. In so einem Fall sagt man normalerweise: Die Arbeit lohnt sich nicht. Neugebauers Obdachlose reden anders. Sie sagen: Das Geld ist doppelt wert, weil selbst verdient.

Die Nachbarn hier in Wilmersdorf grüßen den großen, blonden Ulrich Neugebauer, der morgens bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad in die Joachim-Friedrich-Straße einbiegt. Sie spenden für seinen Laden, kaufen ein. „Sie freuen sich, dass es die Stadtmission gibt“, sagt er. Es wäre ja noch schöner, würden sie sich etwa nicht freuen. Wer kümmert sich denn sonst? Bis zu 70 Menschen kommen jeden Tag ins Restaurant. Weniger Frauen als Männer, viele unter 25, viele Alte. Suppe und Brot kosten einen Euro. Es gibt Kaffee. Den Kuchen backen Neugebauer und seine Kollegen. „Wir sind eine Enklave“, sagt er.

Jedes Jahr im Winter sucht er im ganzen Land Freiwillige, die ihm in den Berliner Notübernachtungen helfen. Im letzten Winter schliefen dort mehr als 700 Dauergäste. Ärzte, Studenten, Lehrer, Rentner bieten Hilfe an. Sie brechen ein in die Welt der Armen, in der sich sonst nur Kirchen, Wohlfahrtsverbände und Sozialarbeiter aufhalten. Viele fragen: „Wie stelle ich’s mit den Obdachlosen an?“ Neugebauer braucht solche Menschen, die nicht tun, als wüssten sie Bescheid. Die der Armut Fragen widmen und Aufmerksamkeit schenken. „Das Schwierige ist, sich der Not zu stellen“, sagt er.

Im einem der letzten Winter wollte eine Oberstudienrätin den Männern in der Berliner Notunterkunft die Füße waschen. Mit Schüssel und Seife ging sie in Position. Neugebauer ahnte: Kein Obdachloser wird seine erfrorenen, dreckigen Füße zeigen, an denen Zehennägel mit Socken verwachsen sind und die schonungslos alles vom Leben auf der Straße erzählen. Doch dann kam es ganz anders. Plötzlich setzte sich einer zur Oberstudienrätin und plauderte. Fortan plauderten alle, die ihre Füße ins warme Wasser steckten. „Die Frau hat ihnen Zeit geschenkt und die Männer genommen, wie sie sind“, sagt Ulrich Neugebauer. „Mehr so kleine Mosaiksteinchen im Leben solcher Menschen würden ihr Gesamtbefinden stärken.“

Bei einer Wohnungsauflösung hat er eine uralte Armenbüchse gefunden. Schon vor Jahrhunderten sammelten Kirchen in solchen Büchsen Geld für die Arbeitsunfähigen der Gemeinden. Wann immer Neugebauer erzählen soll, hält er sein Fundstück hoch. Man muss Armut nicht neu erfinden, will er damit andeuten, sondern immer wieder neu ergründen. Es heißt: Wir müssen Armut bekämpfen. Neugebauer sagt: „Wir müssen mit ihr umgehen.“

Im Herbst 2006 kam Harald Birck zu ihm in die Joachim-Friedrich-Straße. Er wollte aus Ton überlebensgroße Köpfe der Obdachlosen formen. Er ist Maler und Bildhauer. Über Äußerlichkeiten, über das, was man sehen kann, erzählt er vom Innersten der Menschen. Von fremden Welten. Die Obdachlosen waren misstrauisch. Sie haben schlechte Erfahrungen.

Mittlerweile haben Birck etliche Modell gesessen, manche stundenlang. Sie haben gestaunt, gezappelt, gekichert, erzählt. Zuweilen waren ihre Lebensgeschichten für den Künstler schwer zu ertragen. „Ich habe Respekt davor, dass sich diese Menschen überhaupt gehalten haben“, sagt er. Man kann das in den Tongesichtern sehen. Doch kein Antlitz liefert eindeutige Informationen. Ist Armut sichtbar? Und wenn etwas nach Armut aussieht, was weiß man dann? 20 Köpfe sind fertig. Die meisten hat Birck auf die Schrankwand im Restaurant gestellt. „Wir thronen da oben wie Könige“, sagt einer der Gäste.

Zu allen Zeiten haben Künstler arme Menschen dargestellt. Dennoch fürchtet Birck, man könnte argwöhnen, er wollte sich auf ihre Kosten profilieren. Wo Armut ein Thema wird, lauert jeder erdenkliche Erfolg. „Ich finde sie alle nicht arm“, sagt er über seine Modelle. „Vielleicht passen sie perfekt in eine Definition. Aber sie sind nicht arm vom Wesen her.“

Kann es gelingen, sich darauf zu verständigen, was Armut ist? Mascha Kaminski aus Wernigerode hat im Fernsehen erzählt, dass sie Pflanzen aus den Mülltonnen holt, die andere weggeschmissen haben. Sie zieht sie in ihrem Garten auf. Neulich, als sie Möbel vom Sperrmüll mit dem Fahrrad nach Hause transportierte, sagten Leute: Ach, du Glückliche, brauchst keinen Parkplatz zu suchen. Zuweilen sagen die Leute auch: Du hast nichts zu essen, da hast du wenigstens kein Figurproblem!

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