Zeitung Heute : Bildröhren müssen nicht mehr gewölbt sein, heute drängen flache Produkte auf den Markt

Rainer Bücken

Über das neue Fernsehgeräte-Design kann man streiten. Die Bildröhren sind plötzlich flach und kantig, und ebenso sind die meisten Fernsehgeräte, die nach der IFA in die Geschäfte kommen. Dieser Trend ist nicht hausgemacht, er kommt vielmehr aus Japan, wo die flachen Bilder schon seit einigen Jahren selbst für das dortige hochauflösende Fernsehen gang und gäbe sind. Die Designer mussten nun Bildröhre und Gehäuse zu einer Einheit verschmelzen. Innen flach und außen Gelsenkirchener Barock - das passte nicht.

Ob man das nun mag oder nicht, es ist der Trend der Zeit. Wer keine - zumindest von vorne gesehen - flachen und möglichst auch breiten Bildröhren im Programm hat, gilt als altbacken. Also mussten sich die in Europa ansässigen Bildröhren- und TV-Hersteller etwas einfallen lassen, um Anschluss an den weltweiten Trend zu finden. Und schon verabschieden sich die hiesigen japanischen Unternehmen wie Sony in Bridgeend und Panasonic in Esslingen ebenso wie ihre europäischen Wettbewerber Philips in Aachen und die Thomson-Tochter Videocolor im italienischen Anagni vom Röhren-, Kugel- oder Kissendesign. Dass Bildröhren nach außen gewölbt sein mussten, galt lange Zeit als Naturgesetz, mussten sie doch dem Luftdruck widerstehen. Den gibt es zwar immer noch, doch auch die Glastechniken sind nicht stehengeblieben. Neue Materialien, spannungsfreiere Abkühlprozeduren und nicht zuletzt neu errechnete Innenradien lassen es möglich werden, dass zumindest die äußere Erscheinung absolut flach ist. Einige Hersteller haben anfangs die Wölbung durch Glas ausgeglichen. Das war einerseits leicht in der Herstellung, ging jedoch schwer ins Gewicht.

Kompliziert war es vor allem für die Ablenkung des Elektronenstrahls, denn dickeres Glas lässt das in der Bildröhre entstehende Bild besonders in den Ecken schnell unscharf erscheinen. Also musste es darum gehen, die Bildröhre nicht nur außen, sondern auch innen möglichst flach zu machen. Leicht war dieses Unterfangen nicht, denn plötzlich soll eine marginale Randverstärkung das erreichen, was früher nur mit einer handfest gewölbten Glasplatte möglich war. Damit Philips die Flachmänner vom Band laufen lassen kann, investierte das Unternehmen in die Umstellung der Fertigung in Aachen etwa 110 Millionen Mark.

Bis sich die rechnen, müssen viele Kunden Fernseher mit den neuen Philips-Bildröhren kaufen. Dazu müssen die kompletten Geräte nicht unbedingt von diesem Unternehmen kommen. Auch in Fernsehern von Metz, Loewe und diversen anderen Anbietern stecken beispielsweise Philips-Röhren, in denen von JVC welche von Panasonic. Die nennen ihre "Pure Flat", Philips spricht von "Cybertube" und Sony von der "FD Trinitron". Bei soviel Flachheit wird mancher unwillkürlich an die Programme denken, die darauf später zu sehen sein werden. Kommt es hier nicht zu einer neuen Konvergenz der Flachheit? Flache Programme auf flachen Bildschirmen? Man wird abwarten müssen.

Der Vorteil dieser neuen Schlichtheit scheint auf der Hand zu liegen. Die Fernsehzuschauer sollen schon einmal die Ähnlichkeit des Fernsehbildes mit einem richtigen erleben. Oder mit der Kinoleinwand, die ja auch meistens flach ist. Die Bildröhren von Sony lassen in den ersten Minuten den Eindruck aufkommen, als wäre das Bild nach innen gekippt, der Fernseher also eher konkav als konvex. Manche machen dafür den Luftdruck verantwortlich, der mit etwa zweieinhalb Tonnen vorne auf die Frontscheibe drückt. Andere tun was dagegen. Sie halten zumindest das Röhreninnere etwas stärker konvex, also ganz leicht nach außen gebogen. Sony spricht indes von Gewohnheitssache. "Jahrelang haben wir gewölbte Bilder gesehen, sie aber für flach gehalten. Jetzt sind sie wirklich flach, und da macht unser Gehirn ein scheinbar nach innen gezogenes Bild draus", sagt Sony-Manager Hans-Peter Limbach. Flache Bilder lassen sich auf alle Fälle auch schräger betrachten als gewölbte. Und - es wird weniger Reflexionen geben.

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