Zeitung Heute : Bildung als Wirtschaftsförderung

Regina-C. Henkel

Wahju Surjanto hat an der Berliner FHTW sein Diplom als Kaufmann für Informatik abgelegt. Seit einigen Monaten arbeitet er als Programmierer beim mittelständischen Telematik-Unternehmen eloqu in Moabit. Er will Praxiserfahrung sammeln, denn auf jeden Fall will er irgendwann zurück in sein Heimatland Indonesien - und dort arbeiten.

Das ist ganz nach dem Geschmack der Konzertierten Aktion (KA) "Internationales Marketing für den Bildungs- und Forschungsstandort", für die die Bundesregierung vor einem Jahr zehn Millionen Euro aus dem Zukunftsinvestitionsprogramm (ZIP) spendiert hat. Jetzt zogen die KA-Mitglieder eine erste Zwischenbilanz. Für Staatsekretär Uwe Thomas vom Bundesministerium für Forschung und Bildung steht fest: "Die Aktion ist ein unglaublicher Erfolg."

Doch bis "Studieren und Forschen in Deutschland" tatsächlich zu einem "weltweit konkurrenzfähigen Markenartikel" wird, wie es sich die insgesamt 19 in der KA zusammenarbeitenden Einrichtungen des Bundes, der Länder, der Wissenschaft und der Wirtschaft vorgenommen haben, muss noch einiges geschehen. Seit Beginn der Marketing-Aktion wurden zwar 100 000 junge Leute rund um den Globus mit aufwändigen Veranstaltungen und Broschüren angesprochen. Doch das brachte bislang lediglich 15 Prozent mehr Immatrikulationen - vornehmlich aus China, Indien, Indonesien, Kamerun, Russland und Vietnam. Die aktuelle Zahl ausländischer Studierender an deutschen Hochschulen und Universitäten: 140 000. Die Wunschmarke von 50 000 zusätzlichen Gästen steht noch in weiter Ferne.

Die fremdenfreundliche Aktion zielt weiter über das hinaus, was die Green-Card für IT-Profis erreichen sollte. Es geht nicht um die Beseitigung eines aktuellen Spezialisten-Engpasses, sondern um langfristig arbeitsmarktorientierte Zuwanderung für alle wissenschaftlichen Disziplinen. Deshalb wurde jetzt auch die Bundesanstalt für Arbeit ins Boot geholt. Die Bonner Dienststelle "Vermittlung International" hat eine Jobbörse für ausländische und rückkehrwillige deutsche Wissenschaftler eingerichtet.

Über allem steht die Erkenntnis, dass Bildungsimport eine besonders intelligente Form der Wirtschaftsförderung ist. Insbesondere in den Ingenieurdisziplinen hat Deutschland Erfahrungen mit der fast zwangsläufigen Metarmorphose vom Bildungsimport zum späteren Warenexport. Der indonesische Übergangsministerpräsident Bacharuddin Jusuf Habibie studierte an der RWTH Aachen Flugzeugbau, bevor er 1966 Leiter des Fachbereichs Marktforschung und Entwicklung bei MBB in Hamburg wurde und dann eine atemberaubende Konzernkarriere machte. Dass er in den 70er Jahren als Hochschul-Professor zurück nach Indonesien ging, zahlte sich für die deutsche Industrie bestens aus. Bis 1998 war Habibie Technologieminster und baute in Kooperation mit seinem Ex-Arbeitgeber in Indonesien eine Flugzeugproduktion auf.

Heute studieren global orientierte junge Leute - nicht nur Ingenieure aus Indonesien - eher aus Verlegenheit in Deutschland. Ganz oben auf der Wunschliste stehen die USA und Australien, deren "educational diplomacy" mindestens zehn Jahre Vorsprung vor der "Konzertierten Aktion" hat. Die Gründe kennen die Promotoren - bei aller Begeisterung für das bislang Erreichte - selbst sehr genau. BMBF-Staatssekretär Thomas: "Überall fehlt Geld."

Wohl wahr. Es existieren nicht einmal genügend Studentenwohnheime für die ausländischen Gäste, die bereits im Land sind. Das Deutsche Studentenwerk kann nur noch den Notstand verwalten. Für 50 000 zusätzliche Studierende und Wissenschaftler würden Stipendien gebraucht - außerdem Praktikumsplätze und natürlich Arbeitserlaubnisse. Hier sind es zu allererst nicht fehlende Finanzen sondern verfassungsrechtliche Bedenken, die die größte Hürde darstellen. Ohne die massive Unterstützung stoßen die Mitglieder der Konzertierten Aktion bei der Förderung des "Markenartikels Bildung" schnell an ihre Grenzen.

Unverzichtbar ist ein Bewusstein der breiten Bevölkerung für den "Markenartikel Bildung" und den "Bildungsstandort Deutschland". Der Deutsche Städtetag konnte als Ergebnis seiner Studie "Gastfreundliche Hochschulstädte" nur die wenig ermutigende Erkenntnis bekannt geben: "Es gibt keinen Königsweg für eine optimale Betreuung der ausländischen Studierenden und Wissenschaftler." Dabei wurden als Referenzstädte ohnehin nur beschauliche Orte in Westdeutschland ausgewählt. Einzige ostdeutsche Gemeinde: Frankfurt an der Oder.

In der Studie "Ausländische Studierende in deutschen Hochschulstädten: Fakten, Probleme und Handlungsfelder" sind die Ergebnisse ausführlich nachzulesen - auf 79 Seiten. Der Indonesier Wahju Surjanto braucht dafür nur wenige Worte: "An eine Hochschule in den neuen Ländern wäre ich nie gegangen." Die Begründung hätte Surjanto den Mitgliedern des Arbeitskreises gerne gegeben. Doch Repräsentanten der Zielgruppe, nämlich junge Leute aus dem Ausland, waren bei der Zwischenbilanz zum internationalen Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland nicht eingeladen.

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