Zeitung Heute : Bildung im Kleinen

Antje Sirleschtov

In der politischen Debatte um Erziehung und Werte hat Bundes- familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) nun vorgeschlagen, ein gesetzliches Kindergartenjahr vorzuschreiben. Was würde eine Kindergartenpflicht bringen?


Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat sich für eine Kindergartenpflicht ausgesprochen. Denn die Ministerin sieht zunehmende Defizite bei Sprachkenntnis und Sozialverhalten der Kinder, die eingeschult werden – nicht nur bei Kindern von Migranten.

Die Hoffnung der CDU-Politikerin: Wenn alle Kinder, vor allem aber die Kinder sozial gefährdeterer Familien, noch vor dem Schulbeginn einen Kindergarten besuchen, dann steigt das Schuleingangsniveau insgesamt. Die so genannte Pflicht zum Besuch eines Kindergartens im Vorschuljahr ist international gesehen nichts Unbekanntes. In der Schweiz gilt sie seit ein paar Jahren, in Nordeuropa ebenso. Und auch hierzulande wird das Thema seit längerem diskutiert. So forderte der baden-württembergische Regierungschef Günther Oettinger (CDU) bereits im Landtagswahlkampf, das verpflichtende letzte Kindergartenjahr einzuführen. Das Thema ist umstritten, es gibt Befürworter und Gegner quer durch alle Parteien und Bundesländer.

Bildungspolitisch stellt heute kaum noch jemand infrage, dass Kinder noch vor dem Erreichen des Schulalters regelmäßig mit anderen Kindern zusammenkommen und gemeinsam lernen sollten. Kindergärten verstehen sich deshalb schon längst nicht mehr als bloße Aufbewahrungseinrichtungen. Allerdings stützen noch immer Teile der Bevölkerung – und damit der Politik – den jahrzehntelang in Deutschland proklamierten Grundsatz, wonach die frühkindliche Erziehung eher im warmen Schoß der Familie statt in der Menge des Kindergartens erfolgen sollte.

Hauptstreitpunkt im Zusammenhang mit dem Pflicht-Kitajahr ist dessen Finanzierung. Wenn das vorschulische Kitajahr zum Obligatorium wird, dann darf es die Eltern nichts kosten. Einige Bundesländer, darunter auch Berlin, haben sich bereits auf die Kostenfreiheit des letzten Kindergartenjahres verständigt – allerdings ohne dieses Jahr auch verpflichtend zu machen. Sie wollen erst einmal finanzielle Anreize für Eltern schaffen, ihre Kinder zumindest im letzten Kitajahr betreuen zu lassen.

In den meisten Flächen-Bundesländern in Westdeutschland krankt die Einführung des kostenfreien letzten Kitajahres allerdings an jahrzehntelangen Versäumnissen bei der Erstellung der Infrastruktur. Die Kommunen haben schlichtweg nicht genügend Plätze für alle und schon gar nicht das Geld, um auf die Elternbeiträge zu verzichten. Vor der Einführung der Pflicht-Kita müssten daher erst einmal die Länder Investitionsmittel für Kitaplätze bereitstellen und dann auch die laufenden Kosten tragen. Stück für Stück, so fürchten viele Kommunal- und auch Landespolitiker, würde damit das letzte Kindergartenjahr zum ersten Schuljahr werden.

Deutschlands Erzieherinnen haben übrigens noch eine andere Sicht auf die Kitapflicht. Sie nämlich befassen sich überhaupt erst seit ein paar Jahren mit dem Thema Bildung im Vorschulalter – und das ziemlich kontrovers.

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