Bildung in Kreuzberg : Die Lehre des Krokodils

Der Gong ist riesig, und Rayan, das Mädchen, ist klein. Sie probt für eine Mini-Oper. Wo sie aufwächst, in einem Problemkiez von Kreuzberg, ist so ein Projekt mehr als Musik. „Das ist so anstrengend“, sagt sie. Die Geschichte eines versteckten Talents.

Auf einen Streich. Rayan zieht den Kopf ein, wenn sie es an ihrem Gong scheppern lassen soll. Manchmal braucht sie aber nur den Bogen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Auf einen Streich. Rayan zieht den Kopf ein, wenn sie es an ihrem Gong scheppern lassen soll. Manchmal braucht sie aber nur den...

Sie soll den Gong schlagen, sie soll in die Mitte treffen, der Schlag soll Wucht haben, dass es scheppert und kracht. Rayan umklammert den Schlägel so fest, dass die Fingerknöchel weiß werden. Dann holt sie aus.

Der Gong ist riesig, und Rayan ist klein. Da draufzuschlagen fällt ihr schwer. Um sie herum stehen Jungen. Denen kann es nicht laut genug sein, die würden gerne. Aber dieser Gong in der Aula der Jens-Nydahl-Grundschule in Berlin-Kreuzberg gehört alleine Rayan, dem zarten, zehnjährigen Mädchen mit den großen braunen Augen und dem ernsten Blick. Das ist ihr Augenblick. Es ist ihre Chance.

Die Kinder der Jens-Nydahl-Schule bekommen nicht oft Chancen. Sie wachsen auf in der Gegend am Kottbusser Tor, die der Sozialatlas seit vielen Jahren als „sehr niedrig entwickelt“ einstuft. In Torbögen liegen Spritzen, auf Bänken treffen sich Trinker und Obdachlose. Die meisten Nydahl-Schüler kommen aus türkischen und arabischen Familien, drei haben deutsche Wurzeln. 92 Prozent leben von Hartz IV und dem, was sie dazuverdienen.

Die Schule ist eine Oase für sie: ein moderner Bau, weitläufig und hell, nach hinten mündet er in einen großen Schulhof mit Sportplatz, hohen Bäumen und Blumenbeeten. Es gibt Trommel- und Zirkus-AGs, es gibt die Stadtteilscouts und jetzt auch das: Seit Januar erarbeiten 48 Kinder die Mini-Oper „Traumspiel“. Sie sind zwischen sechs und zwölf Jahre alt, viele von ihnen hatten noch nie ein Instrument in der Hand und waren mit ihren Eltern noch nie im Theater. Es ist die Geschichte einer Erweckung, die Geschichte eines Dornröschenkusses.

An einem Freitag Mitte Februar, Rayan schlägt zu. Sie trifft den Gong, ein satter, tiefer Ton schwingt durch den Raum, legt sich über die anderen Kinder vom Orchester, sie lassen ihre Xylofonschlägel sinken, Trommeln und Klavier verstummen. Auch auf der Bühne wird es still. Alle schauen zu ihr. Sie zieht die Schultern hoch, hält eine Hand aufs Ohr, verzieht das Gesicht und flüstert: „So laut.“

„Nicht laut genug“, ruft der Dirigent.

Rayan schlägt noch mal zu und noch mal. Es reicht nicht. Sie zieht die Mundwinkel nach unten und zupft an ihrem rosa Sweatshirt mit dem Pferdemuster.

Noch sechs Wochen sind es da bis zur Aufführung am 30. März.

Rayan ist die Einzige aus der 4c, die beim Opernprojekt mitmachen darf, die Einzige, von der die Lehrer denken, dass sie im Unterricht mitkommt, auch wenn sie wegen der Proben Stunden versäumt.

Rayan wollte unbedingt mitmachen, Musik ist ihr Ding, schon in der zweiten und dritten Klasse war sie den anderen beim Singen und mit den Instrumenten voraus. Sie weiß nicht, dass in vielen Schulen Kinder Theater spielen, das Opernprojekt ist für sie einmalig. Anderswo werden Kleinkinder in die musikalische Früherziehung gebracht, spätestens mit sechs lernen sie Geige oder Klavier. Bei Rayan zu Hause gibt es kein Klavier, es gibt neun Kinder und die Eltern. Es gab mal eine Trommel, sagt Rayan. Die Brüder haben sie kaputt gemacht.

Angefangen hat es damit, dass die Jungen und Mädchen ihre Träume aufschreiben sollten, als Stoff, Gerüst, Libretto des Stücks. „Ich habe meinen Vater und mich gesehen“, schreibt ein Junge aus der vierten Klasse. „Ich habe meinem Vater Spiele am Computer gezeigt. Plötzlich verschwand er.“ Der Vater des Jungen ist tot. Hatice heiratet im Traum, aber keiner kommt zur Hochzeit. „Niemand da“, schreibt sie, „ich bin traurig.“ Rayan träumt von einem Clown, der ihr Angst macht. Es gibt viele Monster in den Träumen dieser Kinder, aber auch BMW, Lamborghini, Bugatti kommen vor.

Die japanische Komponistin Mayako Kubo hat die Träume in Musik verwandelt, in einfache Tonfolgen und Geräusche. Die Regisseurin Marieke Rügert und der Dirigent Gerhard Scherer haben zusammen mit den Kindern aus den Traumbildern Szenen entwickelt. Es gibt den „Feuertanz“ um einen zündelnden Jungen, eine Szene mit einer Waage und einem dicken Mädchen, den Stuhltanz gegen ein Monster, die traurige Hochzeit und den „Autorap“.

Musik also ist Rayans Ding. Als Mayako Kubo ihr in der ersten Probe eine Rassel in die Hand gab, schüttelte sie nicht wild drauflos wie die anderen, sie fand sofort einen Rhythmus. Als der Dirigent ihr Stifte und Papier in die Hand drückte und sie aufforderte, eine Melodie zu komponieren, ließ sie gelbe, grüne und blaue Linien übers Blatt laufen. Die Klänge haben Farben für sie. Da war klar: Rayan gehört ins Orchester.

„Ich erlebe Kinder in Musikhochschulen und Gymnasiasten, die haben auch kein anderes Talent als diese Kinder hier“, sagt Gerhard Scherer. „Aber dort gibt es mehr Geld und gezielte Förderung.“

Scherer ist Mitte 50, preisgekrönter Akkordeonist und arbeitet als Musikpädagoge an der Musikschule Neukölln. Er hat viel Geduld, macht klare Ansagen und spricht auch Dinge an, die nicht direkt mit Musik zu tun haben. „Wer von Euch ist Muslim“, fragt er in der Probe die Orchesterkinder. Alle Hände gehen hoch. „Da hab ich ja Glück, dass ihr mit mir spielt“, sagt er dann, „ich bin nämlich Christ.“

„Hää?“, fragt es aus der zweiten Reihe.

„Einer von euch hat doch gerade seinen Nachbarn mit ,du Christ’ beschimpft“, sagt Scherer.

„So war das nicht gemeint“, sagt ein Junge und wird rot.

Die große Krise kommt an einem Freitag Mitte März.

Wieder ist Probe in der Aula, einem freundlichen Raum mit hellem Parkett. Heute funktioniert nichts. Rayan ist umgeben von einem Dutzend unterschiedlich großer Becken und kleineren Gongs. Hinter ihr hängt der große Gong, neben ihr steht ein Notenpult mit einem Blatt mit den Anweisungen für das Orchester. Sie soll die Geräusche mal verstärken, mal eigene Akzente setzen – wie es Gerhard Scherer als Dirigent vorgibt. Rayan schaut auf ihre Becken und nach oben an die Decke, sie wippt verträumt mit dem Schlägel in ihrer Hand.

„Rayan!“ Scherer ruft. „Schläfst Du?“

Sie hat den Einsatz verpasst. „Tief hoch hoch“ steht auf dem Blatt mit den Anweisungen. Tiefe Töne? Wo sind die noch mal? Hoch?

Auch die anderen aus dem Orchester sind heute unkonzentriert. Keiner schaut in Richtung Dirigent und wenn doch, scheint sich keiner mehr zu erinnern, was dessen Gesten bedeuten. Einsatz? Aufhören? Scherer ermutigt die Kinder, dann beschwört er sie, schließlich wird er laut.

Auch anderswo gehen mal Proben daneben, hier aber ist die Krise grundsätzlich. Viele Kinder hier strengen sich nicht mehr weiter an, wenn etwas schiefgeht. Scheitern – das kennen sie, das ist der Normalfall. Nicht, dass man sich durchbeißt zum Erfolg. Da sind es nur noch zwei Wochen bis zur Aufführung.

„Ich habe Angst, dass mich Herr Scherer rauswirft, wenn ich es nicht schaffe“, sagt Rayan hinterher. Sie hat den Kopf gesenkt und tritt unschlüssig von einem Bein aufs andere. Dann fragt sie ganz unvermittelt eine Lehrerin: „Können Sie ein bisschen mit mir üben?“

Also noch mal den Feuertanz. Tief weich – tief – hoch sehr laut – tief – hoch – hoch. Jetzt, nur mit der Privattrainerin neben sich, klappt es mit der Konzentration. Auch das mit dem Gong geht besser. Jeder zweite Schlag trifft, dass es kracht, als würde das Metall bersten. Rayan lacht und wirft die schwarzen langen Haare in den Nacken.

Rayan ist ein roher Diamant, der geschliffen werden müsste, sagt die Klassenlehrerin. Das Mädchen sei neugierig und kreativ. Neulich wieder in Deutsch, wie sie die Geschichte von einem Jungen und einem Obdachlosen nacherzählt hat, wie sie sich in die Figuren hineinversetzte, in ihre Ängste und Sehnsüchte, und mit welcher Sprachkraft – „unglaublich“. In den meisten Fächern hat Rayan als Note 3 oder 2. Sie könnte viel besser sein, sagt die Lehrerin. Wenn sie nur nicht so schlecht organisiert wäre, unaufgeräumt, flüchtig. Doch die Lehrer haben genug zu tun, den schwächeren Kindern Lesen, Rechnen, Schreiben und Konzentration beizubringen und ihren Horizont etwas über Kreuzberg hinauszuschieben. Zu Hause, da sind acht Brüder. Vier ältere, vier jüngere, der älteste ist 15, der jüngste 3. Mit den Brüdern und Eltern lebt Rayan in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Vater und Mutter sind Palästinenser aus dem Libanon.

Der Vater ist 40 Jahre alt; er kommt in die Schule, wenn es etwas zu besprechen gibt, und zur Väter-Kind-Gruppe. Die Mutter hat bisher noch niemand hier gesehen. Liebevoll sei sie und fröhlich, heißt es über sie, und doch bleibt sie ein Phantom. Der Vater wirkt erschöpft vom Leben, von der Sorge um die Verwandten im Libanon und um die Kinder hier. Bis vor kurzem hat er in einer Pizzeria in der Küche gearbeitet. Dann hat sich das Bratfett auf seine Lunge gelegt.

Neun Kinder, drei Zimmer, Kreuzberg – laut Statistik kann das nichts werden mit der Bildung. Nirgendwo sonst in Europa hängen der schulische Erfolg und der soziale Aufstieg so sehr vom Geld und Status der Eltern ab wie in Deutschland.

Rayan pendelt zwischen zwei Welten, sagt die arabische Schul-Sozialarbeiterin. In der arabischen zählt die Familie, der Zusammenhalt, der Respekt vor den Eltern und Großeltern. Wenn Rayan um 16 Uhr nach Hause kommt, muss sie sich um die jüngeren Brüder kümmern und beim Einkaufen und Kochen helfen. Das ist selbstverständlich. Geht ihr da nicht Zeit verloren, die sie mit Hausaufgaben zubringen müsste?

Sie möchte Abitur machen und Ärztin werden, das sagt Rayan immer wieder. So wie ihr Bruder Isa, der es wohl aufs Gymnasium schaffen wird. Aber wie soll sie das erreichen, wenn sie nicht jetzt schon jede Minute lernt? So viele Hausaufgaben hat sie noch nicht, wendet die Sozialarbeiterin ein, und was ist so schlimm, wenn sie der Mutter hilft statt „Deutschland sucht den Superstar“ zu schauen wie andere Kinder? Vielleicht lernt sie dadurch etwas, das auch wichtig ist im Leben: solidarisch sein. Tatsächlich fällt den Lehrern auf, wie liebevoll Rayan und ihre Brüder miteinander umgehen und wie gerne sie anderen helfen. Als ein Junge Durchfall hatte, war es Rayans Bruder, der dem Jungen auf der Toilette half, der die dreckigen Sachen wusch – während sich der Rest der Klasse draußen vor der Tür lustig machte.

Nach der chaotischen Probe Mitte März kommen den Lehrern Zweifel: Überfordern wir die Kinder? Wollen wir nur unsere eigene Eitelkeit befriedigen und der Welt beweisen, dass auch eine Schule im Problemkiez etwas auf die Beine stellen kann?

An einem Freitag, Ende März, sieben Tage sind es noch bis zur Aufführung, sagt Rayan aufgeregt: „Sogar meine Mutter will kommen.“ Auch die Lehrer sind elektrisiert: Rayans Mutter hat angerufen und sich nach dem Frühstück für die arabischen Mütter erkundigt, in bestem Deutsch! Es ist, als hätten Ausläufer der Schallwellen, die Rayans Gong in die Welt schickt, Mauern durchdrungen.

Rayan steht zwischen ihren Instrumenten. Sie schaut auf die Anweisungen, sie schlägt ihre Becken im Takt, mal hoch, mal tief und schaut zum Dirigenten. Er gibt ihr das Zeichen zum Einsatz. Sie scheint wieder zu träumen, doch im letzten Moment durchzuckt es sie, und: Gonnng! Es tönt, es kracht und scheppert.

Sie hat es geschafft, gerade noch rechtzeitig. Rayan verzieht kurz das Gesicht, weil es so laut ist, dann lächelt sie. Zweieinhalb Stunden dauert die Probe. Zweieinhalb Stunden muss sie sich konzentrieren. Zwischendurch lässt sie den Oberkörper über das Stehpult fallen.

„Das hast Du toll gemacht“, lobt Gerhard Scherer sie nach der Probe. Rayan nickt ernst und stolz. „Das ist so anstrengend“, sagt sie auf dem Weg zur Mensa. Sie ist kaputt.

In der Schulkantine gibt es heute immerhin Milchreis mit Zimt und Zucker. Sonst isst sie fast nichts, Milchreis mag sie, vor allem den Zimt und den Zucker. „Vor ein paar Tagen habe ich überlegt, aus dem Projekt auszusteigen“, erzählt sie – immer die Anstrengung, die Anspannung, die Angst, es nicht zu schaffen. Aber dann sei ihr ein Kinderbuch aus der ersten Klasse eingefallen. Da ging es um ein Krokodil, das hat gesagt: „Du musst schuften, wenn du was erreichen willst im Leben“. Das habe sie sich gemerkt.

Freitag, 30. März, Tag der Aufführung. „Ich bin so nervös“, sagt Rayan, „mein Puls ist bestimmt über 100“. Sie streicht sich noch ein letztes Mal das schwarze T-Shirt glatt und legt ihre Schlägel zurecht, dann geht es los. Rayan ist konzentriert, die Einsätze klappen, und der große Gong lässt alle erschauern, die Spieler auf der Bühne, die Mitschüler im Zuschauerraum, Eltern, Lehrer, Freunde der Schule. „Zugabe“, rufen die Zuschauer am Ende der Aufführung in den Applaus hinein. Rayan verbeugt sich mit den anderen, dann schaut sie suchend in die Menge. „Schade“, sagt sie leise.

Die Mama ist doch nicht gekommen.

Rayan leiht sich bei der Nachmittagsbetreuung Inlineskates aus. In ihrer Größe sind keine da. Egal. Sie nimmt welche drei Nummern größer und stakst hinaus auf den Schulhof, dann fährt sie los, wacklig, aber furchtlos und mit weiten Schritten.

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