Bildung : Vom Grabbeltisch

Anja Kühne

Der heutige Schultag beginnt wie immer: Mandy aus Marzahn geht zur Geschwister-Billig-Grundschule, Kemal aus Kreuzberg zur Rabatt-Realschule und Sophie aus Charlottenburg zum Discount-Gymnasium. Wie immer setzen sich die Schüler in ihren schon überfüllten und zu kleinen Klassenraum, schlagen ihre veralteten Schulbücher auf und warten auf ihre betagte Lehrerin. Die hat gerade im Lehrerzimmer erfahren, dass die Schulverwaltung mal wieder einen neuen und viel besseren Unterricht erwartet. Mehr Zeit und Hilfe wird es dafür natürlich nicht geben. Wie immer.

Die deutsche Schule kommt – vom Grabbeltisch. Für Schüler, Eltern und Lehrer ist das Alltag, nicht nur in Berlin. Wen soll es da noch verwundern, wenn das Statistische Bundesamt gerade meldet, die Bildungsausgaben seien bundesweit rückläufig? Die Nachricht passt ja ins Bild. Da, wo es dringend nötig wäre – Deutschlands Bildungswesen ist dramatisch unterfinanziert –, geschieht nichts. Stattdessen reiben sich die Verantwortlichen in einer lärmenden, ideologisch motivierten Schlacht über Schulstrukturen auf.

Symptomatisch dafür ist der deutsche Umgang mit der Pisa-Studie. In keinem anderen Staat der Welt wird jede neue Pisa-Studie von so heftigen Reaktionen begleitet wie in Deutschland. In großen Interpretationsschlachten vereinnahmen die Akteure die Ergebnisse für die eigene Weltanschauung. Während die Konservativen sich gegen Gleichmacherei und Leistungsverfall in der Schule wehren, kämpfen die Linken für mehr Gerechtigkeit und Durchlässigkeit. Jeder fühlt sich in seiner Wahrnehmung von Pisa bestätigt.

Der aggressive Streit hat sogar zu einem Schisma der Pisa-Kirche geführt. Der Pariser Pisa-Papst der OECD, der Deutsche Bildungskoordinator Andreas Schleicher, interpretiert Ergebnisse anders als der deutsche Pisa-Papst in Kiel, Manfred Prenzel. Schleicher kann Verbesserungen für Deutschland nicht erkennen, Prenzel schon. So steht Schleicher aus Sicht seiner Kritiker als „Miesmacher“ da, Prenzel aus Sicht der Schleicher-Anhänger als „Schönfärber“.

Währenddessen wird immer deutlicher, wie die Deutschen sich mit ihrer Pisa-Hysterie schaden. Gerade hat die OECD die deutschen Pisa-Forscher vorläufig vom Zugang zu den internationalen Datensätzen ausgeschlossen. Das ist ihre Strafe für Indiskretionen vor den offiziellen Pisa-Veröffentlichungen. Um durch frühe Äußerungen die Deutungshoheit über die Studie zu erlangen, hatten interessierte Kreise schon vor den offiziellen Pisa-Veröffentlichungen Ergebnis-Häppchen ausgereicht – und zwar solche, die zu den eigenen politischen Zielen zu passen schienen.

So dreht sich Deutschland schulpolitisch um sich selbst. Erregungsrituale werden zu Ersatzhandlungen. Das wirkliche Drama wird dabei verhüllt: Die Deutschen wollen sich die Bildung doch lieber nicht mehr kosten lassen. Dabei kennt die Schule ungezählte Missstände, die sich auch ohne lähmende ideologische Grundsatzdebatten anpacken ließen – eben mit mehr Geld.

Gibt es etwa nicht Konsens darüber, dass Lehrerfortbildungen wichtig sind? Dann müsste man genug seriöse Kurse anbieten und die Lehrer zur Teilnahme motivieren, ihnen Reformlust machen. Das aber wird kaum gelingen, wenn sich die Arbeitsbelastung der Pädagogen ständig erhöht. Unumstritten ist inzwischen auch, dass Ganztagsunterricht sinnvoll ist. Das kostet wieder Personalstellen und auch frisches Geld für neue Schulbauten, für Freizeit- und Ruheräume oder angenehme Kantinen. Einen politischen Aufschrei gäbe es ebenfalls weder von links noch von rechts, würden die Länder für junge Nachwuchslehrer Personalkorridore einrichten, um für frischen Zufluss zu sorgen.

Eine gute Gelegenheit für Änderungen bietet der anstehende zweite Teil der Föderalismusreform. Als Investitionen könnten dann nicht nur Ausgaben für Beton, sondern auch für Bildung verstanden werden. Das würde Mandy, Kemal und Sophie mehr bringen als immer wieder politisches Geschrei.

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