Bildung : Vom Osten lernen

Ostdeutschland ist Vorreiter beim achtjährigen Gymnasium. Warum klappt dort, was im Westen nicht funktioniert?

Uwe Schlicht

In Westdeutschland häufen sich die Klagen von Schülern und Eltern über das Abitur nach zwölf Jahren. Weil die Gymnasialzeit um ein Jahr verkürzt wurde, der Stoff aber fast gleich blieb, fühlen sich viele Schüler überlastet und überfordert. Umso mehr erstaunt der Blick nach Ostdeutschland: Dort scheint es ähnliche Probleme nicht zu geben. Aus den Zeiten der „Polytechnischen Oberschule“ in der DDR ist man es im Osten gewohnt, die Schule nach zwölf Jahren enden zu lassen. Entsprechend wenige Spezialangebote leisteten sich die Schulen in den neuen Ländern nach Einführung der Oberstufenreform. In der alten Bundesrepublik dagegen war das Abitur nach 13 Jahren zur Gewohnheit geworden. Die Verkürzung der Schulzeit veränderte den Unterricht von der 5. Klasse an und brach über eine Oberstufe herein, die bis dahin hochspezialisierte Angebote offeriert hatte.

Nach der Wiedervereinigung lehnten es Sachsen und Thüringen von Anfang an ab, das Abitur wie in Westdeutschland erst nach 13 Jahren zu verlangen. Beide Länder haben bis heute unverändert Kurs gehalten. Brandenburg setzte sofort auf das Abitur nach 13 Jahren, weil es sich eng an die Schulstruktur in Berlin anlehnte. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bescherten ihren Schülern einen Zickzackkurs. Kam die SPD an die Regierung, so wurde das Abitur nach 13 Jahren eingeführt, wurde die SPD von der CDU abgelöst, dauerte es 12 Jahre bis zur Reifeprüfung.

Um Ordnung in den Wildwuchs zu bringen, räumte die Kultusministerkonferenz den neuen Ländern zunächst für eine Übergangszeit die Anerkennung des Abiturs nach 12 Jahren ein, bis sie als Regelwerk für die wechselseitige Anerkennung der Abiturzeugnisse in Ost und West die 265-Stunden-Regelung erfand. Sie besagt, dass bis zum Abitur 265 Wochenstunden aufgebracht werden sollen. Um dies zu erreichen, musste bereits von der fünften Klasse an die Schulzeit verdichtet werden. Diese Regelung ist seit dem Jahr 2001 für alle Länder verbindlich.

Spätesten seit Ende der 90er Jahre, als der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Deutschen ins Gewissen redete, wurde der Kurswechsel auch in Westdeutschland vorbereitet. Roman Herzog fragte in seinen Bildungsreden: „Wie kommt es, dass die leistungsfähigsten Nationen in der Welt es schaffen, ihre Kinder die Schule mit 17 und die Hochschule mit 24 abschließen zu lassen?“

Doch wo sollte die Zeit aufgeholt werden? Zeitweilig war in Westdeutschland der Altersdurchschnitt der Schulanfänger näher am siebten als am sechsten Lebensjahr. Das wurde geändert. Mit der Einführung von Bachelor und Master sollten die überlangen Studienzeiten an den Unis von sieben auf drei bis maximal fünf Jahre verkürzt werden. Deutschland folgte mit dieser Umstellung, die 2010 abgeschlossen sein soll, internationalen Vorbildern. Umstritten war das alles.

Vorreiter bei der Schulzeitverkürzung im Westen war das Saarland, das schon 2001/2002 auf das Abitur nach zwölf Jahren umstellte. Die großen Flächenländer Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen folgten 2004/2005, Hessen und Nordrhein-Westfalen 2005 und 2006. Zwei Länder fallen völlig aus dem Rahmen: Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz. Sachsen-Anhalt hatte bis zum Jahr 1999 das Abitur nach zwölf Jahren ablegen lassen und stellte sich 2000 auf das Abitur nach zwölfeinhalb Jahren um. Es orientierte sich an Rheinland-Pfalz. 2003 kehrte Sachsen-Anhalt zum Schnellabitur zurück. Rheinland-Pfalz hält bis heute an einem Abitur fest, das nach zwölfdreiviertel Jahren abgelegt werden kann.

Die Schulzeitverkürzung belastet die Schüler in einem Maße, dass die Eltern den Politikern in Bayern, Hessen, Niedersachsen und Hamburg bei den Wahlkämpfen die Meinung sagten. Das ist jedoch erst der Anfang. Wegen der Schulzeitverkürzung steht Deutschland vor einer Fülle weiterer Probleme. In den Jahren 2010 bis 2014 werden die großen Flächenländer im Westen doppelte Abiturientenjahrgänge entlassen – Schüler, die nach zwölf oder 13 Jahren das Abitur abgelegt haben. Das summiert sich zu einem Studentenberg, auf den sich Deutschland bisher nur unzureichend vorbereitet. Die neuen Studienplätze sind unterfinanziert, und es gibt zurzeit kein funktionierendes System mehr, um die Studenten bei dem ausufernden lokalen Numerus clausus auf freie Studienplätze zu verteilen. Schon 2005 hatten die damaligen Ministerpräsidenten von Bayern und Baden-Württemberg, Edmund Stoiber und Günther Oettinger, vor folgender Situation gewarnt: Das durch die Schulzeitverkürzung gewonnene Jahr könnte dadurch verloren gehen, dass anschließend die Studienbewerber an den Hochschulen vor verschlossenen Türen stehen. Genau das ist nach dem derzeitigen Stand der Entwicklung zu befürchten. Die dann fälligen Proteste von Eltern und Abiturienten könnten das heutige Grummeln in einen Aufschrei verwandeln.

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