Zeitung Heute : Bildungs-Konzepte: Schüler vor dem Konjunktiv bewahrt

Susanne Vieth-Entus

Vor einer rigorosen Einführung getrennter Leistungsgruppen in den fünften und sechsten Grundschulklassen warnen Erziehungswissenschaftler in einem Bericht an an die Senatsschulverwaltung. Andere und womöglich bessere Konzepte könnten dadurch verdrängt werden, zudem bestehe die Gefahr, dass Schüler, die ständig in die leistungsschwächste Lerngruppe kämen, die Motivation verlören. Viele Schulen verfügten weder über die personellen noch über die räumlichen Voraussetzungen für die vielen Kurse, und schließlich bewirke die Aufteilung in verschiedene Lerngruppen nicht zwangsläufig eine bessere Qualität. Die Wissenschaftler appellieren an Schulsenator Klaus Böger (SPD), jeder Schule ein eigenes Differenzierungsmodell zuzubilligen, das auf die "jeweilige Situation vor Ort passt".

Die Arbeitsstelle Bildungsforschung der Hochschule der Künste unter Leitung von Professor Jörg Ramseger begleitet seit 1998 den unter Bögers Vorgängerin Ingrid Stahmer (SPD) begonnenen Schulversuch "Verlässliche Halbtagsgrundschule". Ein Element dieses Versuchs ist die so genannte Fachleistungsdifferenzierung, also die Aufteilung der Schüler je nach Leistung in getrennten Lerngruppen, wo die Hauptfächer unterrichtet werden. Eben dieses Element hat inzwischen besondere Bedeutung erlangt, da Böger - anders als Stahmer - hier ein Schwergewicht der Grundschulreform legen will. Bögers Ansicht nach ist die sechsjährige Grundschule überhaupt nur durch die äußere Differenzierung zu retten, weshalb er sie verbindlich vom kommenden Schuljahr an vorschreibt. Schon im laufenden Schuljahr geht rund ein Drittel der Schulen diesen neuen Weg auf freiwilliger Basis. Noch im Herbst will Böger festlegen, wie viele Stunden pro Woche die Klassenverbände getrennt werden sollen.

Die HdK-Pädagogen haben nun offenbar die Hoffnung, mit ihrem soeben vorgelegten Zwischenbericht noch auf Bögers Verwaltung einzuwirken. Sie räumen zwar ein, dass es für eine abschließende Einschätzung noch zu früh sei. Aber ihre Empfehlungen gehen klar dahin, vorsichtig mit diesem Instrument umzugehen. Ihre Hauptsorge ist, dass den innovativen Schulen, die längst eigene Reformwege beschritten haben und "intelligentere Konzepte mit Erfolg praktizieren, ein Rückschritt verordnet wird", wie Ramseger gegenüber dem Tagesspiegel warnte. Die Leistungsdifferenzierung sei eher ein Weg für "Muff"-Schulen, die in der Vergangenheit keine eigenen Konzepte zustande bekommen hätten, ergänzt sein Mitarbeiter Bernd Sörensen, der derartige Verordnungen ohnehin für "kontraproduktiv" hält.

Als Beleg für ihre Skepsis zitiert Ramsegers Forschungsgruppe Lehrer, die am Schulversuch teilnehmen. Da heißt es etwa aus der Pankower Thule-Schule, dass die Kinder der schwächsten Gruppe (C-Gruppe) "unglücklich" über ihre Einstufung waren, während die mittlere (B-)Gruppe "ehrgeiziger" wurde. Das Kollegium der Friedrichshainer Zille-Grundschule befürchtet, dass die frühe Einteilung primär der aktuellen Leistungsfähigkeit folge und womöglich die noch im Kind verborgene "Leistungsdisposition" ignoriere. Allerdings berichten sie auch aus der Spandauer Schule am Birkengrund, dass die leistungsschwachen Kinder "davor bewahrt werden konnten, sich beispielsweise mit dem Konjunktiv zu befassen". Das Tempo in den Lerngruppen leistungsstarker Schüler sei deutlich gestiegen, und es mache ihnen "sichtlich Freude, nicht immer durch die lernschwächeren Kinder gestört zu werden".

Die Charlottenburger Dietrich-Bonhoeffer-Schule wird hingegen mit der Befürchtung zitiert, es könne sich ein "elitäres Klima" bilden, wie man es in den Lateinklassen beobachtet habe, die nach der sechsten Klasse geschlossen aufs Gymnasium wechselten.

Viele Schulen warnen vor der Beschränkung auf zwei Niveaugruppen. Wenn man schon sortiere, dann müsse es auch eine mittlere Gruppe geben. Zudem gibt es Stimmen, die sagen, dass es personell und räumlich nicht zu schaffen sei, pro Fach alle fünf Stunden getrennt zu unterrichten. Bisher sieht Bögers Entwurf vor, dass die Bandbreite bei zwei bis fünf Stunden liegen soll.

Landesschulrat Hansjürgen Pokall will den Zwischenbericht nicht dramatisieren. Immerhin bringe er keine klare Ablehnung der Fachleistungsdifferenzierung. Allerdings schließt er nicht aus, dass einzelne Vorgaben für die Einführung der Differenzierung noch geändert werden. Den Einwand, dass die Kinder durch die Zuordnung zur untersten Lerngruppe demotiviert würden, lässt er nur bedingt gelten. So gebe es aus Weddinger Schulen Hinweise, dass sich die schwächeren Schüler in ihren Gruppen "besonders angenommen" fühlten. Es sei Aufgabe der Schule dafür zu sorgen, dass das Konzept "nicht zur Stigmatisierung führt". Pokall bestreitet auch, dass eine äußere Differenzierung im Umfang von fünf Stunden nicht organisierbar sei. "Es gibt Schulen, die das machen", belehrt er Skeptiker.

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