Zeitung Heute : Bildungsstudie: Deutschland fällt zurück

„Struktureller Mangel an Hochqualifizierten“ / Investitionen in Universitäten deutlich unter Durchschnitt

Tilmann Warnecke Amory Burchard

Berlin - Deutschland bildet nicht genug Fachkräfte aus, um in der weltweiten Konkurrenz bestehen zu können. Das ergibt eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach fällt das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich weiter zurück. Die Studie warnt vor einem „strukturellen Mangel an Hochqualifizierten“. Die Hochschulen bringen nicht genug Ingenieure hervor, um die in den nächsten Jahren in Rente gehenden Fachkräfte zu ersetzen. „Die internationale Position Deutschlands gibt Anlass zur Sorge“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría am Dienstag in Berlin.

Die jährlich erscheinende Studie „Bildung auf einen Blick“ vergleicht die Bildungssysteme der 30 wichtigsten Industrieländer. Insgesamt entwickelten sich die Bildungssysteme der OECD-Staaten „rasant“, sagte Gurría. Auch Deutschland habe sich zwar verbessert, allerdings langsamer als die meisten anderen Staaten. So sei Deutschland bei der Zahl der Hochschulabsolventen seit 1995 von Rang 10 auf Rang 22 zurückgefallen. In kaum einem anderen Land nehmen weniger Jugendliche ein Studium auf. Während weltweit in den vergangenen zehn Jahren die Hochschulausgaben um 55 Prozent stiegen, wurden in Deutschland nur 12 Prozent mehr investiert.

Andreas Schleicher, Bildungskoordinator in der Pariser OECD-Zentrale, kritisierte die deutsche Bildungspolitik massiv. „Deutschland krankt an einer Lebenslüge, dass das gute System der dualen Ausbildung auch den zukünftigen Bedarf von Spitzenkräften befriedigen wird“, sagte Schleicher dem Tagesspiegel.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan versprach als Konsequenz, gemeinsam mit den Bundesländern nach Strategien zu suchen, um die Situation zu verbessern: „Mit dem heutigen Tag beginnt ein Bildungsherbst in Deutschland“, sagte die CDU-Politikerin. Sie halte an ihrem Ziel fest, 40 Prozent eines Jahrgangs zum Studium und zu einem Abschluss zu bringen. Die Studienabbrecherquoten müssten gesenkt werden.

Ulla Burchardt (SPD), Vorsitzende des Ausschusses für Bildung und Forschung im Bundestag, warf Schavan vor, in den zwei Jahren ihrer Amtszeit in der Bildungspolitik offenbar untätig gewesen zu sein. „Die Studie ist alarmierend, weil diese deutlichen Warnungen zum wiederholten Male kommen“, sagte Burchardt dem Tagesspiegel. Schavans Initiativen stellte sie infrage. Der Hochschulpakt nehme die Länder nicht in die Pflicht, wirklich zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine, kritisierte, der OECD-Bildungsbericht stelle Deutschland ein „verheerendes Zeugnis für eine verfehlte Bildungspolitik aus“. Als „schallende Ohrfeige für die Bildungspolitik der großen Koalition und der Länder“ bezeichneten die Grünen die Studie.

Alarmiert zeigte sich auch die Wirtschaft. Ludwig Georg Braun, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), fordert im „Handelsblatt“ „eine Bildungsoffensive für mehr Ingenieure“, die in den Schulen ansetzen müsse.

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