Bildungsstudie : Eltern wünschen sich bundesweites Zentralabitur

Die überwältigende Mehrheit der Eltern spricht sich in einer aktuellen Umfrage für ein Zentralabitur aus. Das föderale System empfinden sie als ungerecht. Groß ist die Ablehnung auch beim Turboabi, hier vermissen Bildungsforscher aber triftige Gründe.

Grundschüler sitzen in einer Klasse an ihren Tischen und schreiben.
Gleiche Bildungschancen für alle sind für 84 Prozent der Eltern ein wichtiges Ziel. Die Inklusion von Kindern mit Behinderungen...Foto: Mike Wolff

Soziale Gerechtigkeit ist für Deutschlands Eltern das höchste Ziel der Bildungspolitik. 84 Prozent der Mütter und Väter von schulpflichtigen Kindern wünschen sich, „dass alle die gleichen Bildungschancen haben“. Erfüllt sehen aber nur 29 Prozent diese Forderung. Das geht aus einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Bildungsstudie im Auftrag des Bekleidungsunternehmens Jako-o hervor, für die namhafte Bildungsforscher eine Umfrage von „tns emnid“ unter 3000 Eltern ausgewertet haben. Dass nur gut ein Viertel eine Leistungsorientierung im Bildungswesen wichtig findet, spiegelt sich in Elternwünschen etwa nach weniger Verschulung des Kindergartens und in der Ablehnung des Turboabiturs wider.

Zentralabitur, damit der Abschluss bundesweit gleichwertig wird

Gleichzeitig spricht sich eine überwältigende Mehrheit von 92 Prozent für die Einführung eines bundesweiten Zentralabiturs aus. Unterschiedliche Niveaus sollten ausgeglichen werden, damit „in allen Bundesländern die gleichen Bedingungen herrschen“, wie 74 Prozent meinen. Dabei geht es den Eltern auch darum, die bislang schlechtere Reputation von Abschlüssen aus den Stadtstaaten zu verbessern. Die Mehrheit erlebe das föderale System als ungerecht, sagte der Bildungsforscher Klaus-Jürgen Tillmanns (Universität Bielefeld). Angesichts der gewünschten Vereinheitlichung reichten bundesweite Abiturstandards offenbar nicht aus.

Stressiges G8? Anforderung für die meisten "gerade richtig"

Auch die verkürzte Schulzeit mit dem Abitur in der 12. Klasse (G8) findet bei der großen Mehrheit keine Zustimmung. 79 Prozent wünschen sich für ihr eigenes Kind ein neunjähriges Gymnasium (G9). Doch die öffentliche Kritik am Turboabitur wird kaum durch die Aussagen der Eltern bestätigt. Stress für die Schüler, die dadurch die Lust auf Schule verlieren? Davon könne keine Rede sein, sagt Tillmann. 86 Prozent der G8-Eltern geben an, „mein Kind geht gerne zur Schule“, bei den G9-Eltern sind es 89 Prozent. 80 Prozent der G8-Eltern empfinden die schulischen Anforderungen als „gerade richtig“, lediglich neun Prozent halten ihr Kind für überfordert. Bei bei den G9-Eltern sind es es 85 Prozent beziehungsweise fünf Prozent. „Das sind keine fundamentalen Differenzen“, betont Tillmann. In der politischen Debatte werde der Eindruck erzeugt, G8 sei schädlich, was sich in der Praxis aber nicht bewahrheite. Ein Hinweis darauf, dass ein Teil der G8-Schüler Schwierigkeiten hat, dem komprimierten Lernstoff zu folgen, ist allerdings der Bedarf an Nachhilfe, die 23 Prozent regelmäßig erhalten. Bei den G9-Schülern sind es nur 16 Prozent.

Mehr Zeit zum Spielen der Kita - und keine Früheinschulung

Weniger Leistungsdruck wünschen sich Eltern auch in Kita und Grundschule. 81 Prozent stimmen der Aussage zu, in der Vorschulzeit bräuchten die Kinder nicht noch mehr Förderung, sondern vor allem Zeit zum Spielen. Ähnlich groß ist die Ablehnung der Früheinschulung mit fünf Jahren. Auf der Grundschule sollten die Kinder länger verweilen als in den meisten Bundesländern üblich: 58 Prozent sprechen sich dafür aus, die Kinder erst wie in Berlin und auch in Hamburg nach der 6. Klasse auf verschiedene Schulformen zu verteilen.

Der Ruf nach mehr Chancengleichheit umfasst nicht den Wunsch nach mehr Inklusion. Nur 35 Prozent der Eltern halten es für wichtig, „dass alle Kinder, auch die mit geistigen/körperlichen Beeinträchtigungen, gemeinsam lernen“. Konkret gefragt, wer an Regelschulen lernen sollte, sprechen sich die Eltern zu 91 Prozent für die Inklusion von körperlich beeinträchtigten Kindern aus, aber nur zu 43 Prozent für die von geistig behinderten.

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