Zeitung Heute : Bildungsurlaub - ein Streitthema seit 25 Jahren

OLIVER SCHIRG

Bildungsurlaub gibt es in der Bundesrepublik seit 25 Jahren - und seit 25 Jahren Streit darüber.Mehr denn je sind die Gewerkschaften der Ansicht, die Arbeitnehmer müßten neben ihrem Beruf Zeit auch für ihre politische Weiterbildung haben.Die Arbeitgeber hingegen meinen, Arbeiter und Angestellte hätten heute genügend Freizeit, ihren Bildungshunger zu stillen - und berufliche Weiterbildung organisierten die meisten Firmen ohnehin selbst.

Deutschlands erstes Bildungsurlaubsgesetz trat am 1.April 1974 in Kraft.Durch die Freistellung von ihrer Arbeit sollten Arbeitnehmer an politischer und beruflicher Weiterbildung teilnehmen können.Inzwischen können sich die Beschäftigten in allen westdeutschen Bundesländern außer in Baden-Württemberg und Bayern sowie in Berlin und Brandenburg für zehn Tage innerhalb von zwei Jahren weiterbilden lassen.Die Arbeitgeber müssen dem Bildungsurlaub zustimmen und für dessen Dauer den Lohn weiterzahlen.Zudem gibt es in vielen Branchen Tarifverträge über einen zusätzlichen berufsbezogenen Fortbildungsurlaub.

Allerdings nehmen nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) derzeit nur ein bis zwei Prozent der Arbeitnehmer ihr Recht auf Bildungsurlaub wahr.Spitzenreiter sind dabei die unkündbaren Beamten: 23 Prozent lassen sich dafür freistellen.Bei Arbeitern, für die der Bildungsurlaub eigentlich geschaffen wurde, sind es dagegen sieben Prozent."Die Arbeitnehmer lassen sich weniger freistellen, weil sie Sorgen um ihren Arbeitsplatz haben", stellt Ulrich Nordhaus, Referatsleiter für Weiterbildung beim DGB, nüchtern fest.Auch das ist auffällig: Während 21 Prozent der Hochschulabsolventen Bildungsurlaub nutzen, sind es nach Angaben des DGB bei ungelernten Arbeitnehmern sogar nur drei Prozent.

Mit den Jahren haben sich auch die Themen verändert, die Arbeitnehmer für den Bildungsurlaub aussuchen."Heute geht es vor allem um berufliche Weiterbildung, wie Computer- oder Sprachkenntnisse", sagte Nordhaus."Politische Bildung fällt hinten runter." Weiterbildung werde vor allem als Qualifizierung für den Beruf gesehen.Da werde Bildungsurlaub immer mehr zur Domäne für höher qualifizierte und jüngere Arbeitnehmer.

Reinhold Weiß, Bildungsexperte des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), verweist darauf, das deutsche Unternehmen jährlich etwa 34 Milliarden Mark für die Weiterbildung ihrer Arbeitnehmer aufwenden.Jeder zweite Erwerbstätige qualifziere sich mindestens einmal im Jahr weiter."Sie tun das, weil es ihnen Spaß macht, dem beruflichen Aufstieg nützt oder den Arbeitsplatz sichert", sagt Weiß.Insofern sei lebenslanges Lernen bei vielen Beschäftigten in Deutschland schon Realität.

Nach den Worten von Weiß ist Bildungsurlaub jedoch nicht das geeignete Instrument, um Arbeitnehmer fortzubilden.Der Experte plädiert für eine berufsbegleitende Fort- und Weiterbildung, die vom Staat unterstützt wird.

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