Zeitung Heute : Bildzeitung & Co klagen über sinkende Leserzahlen

Peter Marx

Den deutschen Boulevardzeitungen laufen die Leser weg. Aus der Abstimmung am Kiosk ist eine Massenflucht geworden. Der Zeitungswissenschaftler Walter J. Schütz spricht von einer "sterbenden Zeitungsgattung", und Hans-Hermann Tiedje, Ex-Chefredakteur der Bild-Zeitung, rechnet fest mit einer neuen Sterberunde in der Boulevardszene. "Die Kandidaten sind längst fällig." Dazu zählen der "Express" in Köln, die Hamburger "Morgenpost", die Münchener "Abendzeitung" und der Berliner "Kurier". Sie leiden seit Jahren unter dramatischen Auflagen- und Anzeigenverlusten, die weder durch Millionenspielchen noch durch Face-Lifting der Zeitungen aufgefangen werden konnten.

Selbst die Reaktivierung des ergrauten Boulevard-Gurus Franz-Josef Wagner ist keine Garantie mehr, dass die Auflage wieder steigt. Nach knapp zwei Jahren als Berliner BZ-Chefredakteur muss Wagner erkennen, dass der Zeitgeist ihn überholt hat und seine "Zauberkraft" nicht mehr wirkt. Wagner, der "letzte weiße Elefant im Boulevardgeschäft" (Tiedje über Wagner), entzopfte entschlossen die behäbige BZ und machte daraus eine "Bunte für Arme" (Redaktionsspott). Trotzdem sackt die Auflage der ältesten deutschen Boulevard-Zeitung immer tiefer: von einst 335 000 auf heute 279 342. Was nicht alleine Wagners Schuld ist. Nur, seit er die BZ führt, sagen Kritiker, geht es schneller.

Mit seinen Sorgen steht der BZ-Chefredakteur nicht alleine. Während vor zehn Jahren noch täglich mehr als 6,3 Millionen Boulevardzeitungen verkauft wurden, sind es heute noch rund 5,7 Millionen. Noch deutlicher wird der Auflagenverlust, wenn die ostdeutschen Verkaufszahlen heraus gerechnet werden. So sank - alleine in den alten Bundesländern - die Gesamtauflage aller Kaufzeitungen um über zwei Millionen Exemplare. Walter J. Schütz: "Ihr Anteil am Gesamtmarkt rutschte von einem Drittel unter ein Viertel."

Auf der Suche nach den Gründen für das Siechtum sind sich Medienwissenschaftler wie Blattmacher einig: die Boulevardisierung der Abo-Zeitungen, die schon lange nicht mehr ihren Lesern das bunte und pralle Leben vorenthalten, sowie das Fernsehen.

Dem stimmt Hans-Hermann Tiedje bedenkenlos zu. In den TV-Magazinen "taff", "Brisant" oder "Explosiv" sieht der heutige Medienberater die größte Gefahr. "Sie graben den Boulevardblättern das Wasser ab."

Für den BZ-Chef hat der Niedergang viel mit der "neuen Intelligenz" der Zeitungskäufern zu tun. "Der heutige Leser ist ein gut gebildeter Verbraucher." Entscheidender ist jedoch, vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, dass die Boulevardzeitungen keine preiswerten Produkte mehr sind. "Die Leute sparen und das spüren wir sofort," sagt Uwe Zimmer, Chefredakteur der Münchener Abendzeitung (AZ).

Die AZ war einmal das Beste, was deutscher Boulevard-Journalismus zu bieten hatte. Heute ist sie nur noch ein müder Abklatsch früherer Tage. Geliftet bis zur Unkenntlichkeit wirkt das Blatt jetzt wie eine Mischung aus Kirchen- und Obdachlosenzeitung. Chefredakteur Zimmer sieht jedoch in seiner "neuen AZ" den alles entscheidenden "dritten Weg", auf dem er wieder zu glanzvolleren Zeiten zurückkehren will. Doch die Auflage spricht gegen Zimmers Träume. So wurden im ersten Quartal dieses Jahres 188 215 Zeitungen täglich verkauft; im zweiten Quartal nur noch 182 247. Kommentar aus der Redaktion: "Wir üben den Sturzflug."

Ratlos die Macher in der Hamburger Bild-Zentrale: Innerhalb eines Jahres verlor das Flaggschiff der deutschen Straßenzeitung über 180 000 Leser. Die Auflage dümpelt jetzt unter 4,5 Millionen täglich. Tendenz: weiter fallend. Noch nie in der Geschichte der Bild-Zeitung präsentierte sich das Blatt so nett und freundlich, wie unter der Federführung von Chefredakteur Udo Röbel. Für Hans-Hermann Tiedje hat die Bild-Zeitung trotzdem die "besten Überlebenschancen." Er findet den weichen Stil der früheren Krawallzeitung für zeitgemäß und "geglückt".

Einen anderen Weg versucht die Morgenpost Hamburg zu beschreiten. Unter der Führung ihrer Chefredakteurin Marion Horn übt sich das Blatt in der totalen Lokaloffensive. Die Mopo scheut sich dabei nicht, selbst banalste Nachbarschaftsstreitigkeiten zum Aufmacher zu küren. So was nennt dann Verlagsgeschäftsführer Bernd Buchholz "den richtigen Weg". Optisch wie inhaltlich bildet die Mopo das Schlusslicht unter den deutschen Straßenblättern, was sich in der Auflage widerspiegelt. Mit 136 000 verkauften Zeitungen ist kein Gewinn zu machen, was der Verlag Gruner & Jahr schmerzhaft registrieren musste. Trotz vieler neuer Konzepte und einem halben Dutzend Chefredakteure rutscht das Blatt immer tiefer ab. Letzter Stand: Die Verluste sollen die dreistellige Millionengrenze deutlich überschritten haben. Offiziell hat die Mopo noch eine Schonzeit bis ins Jahr 2000. Dann muss sie Geld bringen oder wird eingestellt.

Richtigstellung

In oben stehendem Beitrag "Wir üben den Sturzflug" über Auflagenverluste der Boulevardzeitungen wurde der Eindruck erweckt, der Berliner Kurier leide seit Jahren unter dramatischen Auflagen- und Anzeigenverlusten und befinde sich im "Sturzflug". Richtig hingegen ist, dass er bei einer Gesamtauflage im III. Quartal 1999 Mo.-Sa./So. von 185 570 Exemplaren gegenüber dem entsprechenden Quartal des Jahres 1995 (187 173 Exemplare) um 1603 Exemplar (-1,0 Prozent) nur leicht zurückgegangen ist. Nach Angaben der Verlagsleitung des Berliner Kuriers, Herrn Dr. Klein, soll es 1999 keine Anzeigenverluste gegeben haben, sondern zweistellige Zugewinne.

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