Zeitung Heute : Billige Arbeit für teure Stars

NAME

Von Moritz Kleine-Brockhoff,

Jakarta

Mit der linken Hand hebt Dewi den Schuh hoch und dreht ihn um. In der rechten hält sie einen Pinsel, streicht Klebstoff auf die Unterseite, da, wo später die Sohle draufgepresst wird. Alle Stellen bedeckt? Kleber gleichmäßig verteilt? Vorsichtig legt sie den Schuh zurück. Dann der nächste. Und der nächste. „Normalerweise kommen 750 Schuhe pro Tag, im Moment muss ich fast 1000 schaffen“, sagt Dewi und lächelt. Dabei sieht man ihre Grübchen.

Dewi ist eine schöne, junge Frau. Wenn sie redet, blitzen ihre Zähne. Die glatten Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ab und zu wischt sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Als ich 16 Jahre alt war, konnte mein Vater das Schulgeld nicht mehr bezahlen“, sagt sie, „bei uns auf dem Land sind alle arm, er hat mich in die Stadt geschickt, um Arbeit zu suchen.“ Jetzt ist Dewi 22. Seit sechs Jahren sitzt sie am Fließband in der Panarub-Fabrik in Tangerang, dem Industrievorort der Megastadt Jakarta. 9000 Menschen produzieren hier Adidas-Turnschuhe. Sie verdienen 5000 Rupiah pro Stunde, das sind 60 Cent.

Hinter dem Verwaltungsbau am Eingang, zwischen Bäumen und Rasen, sind die Produktionshallen. „40 Prozent Grünfläche – die Arbeiterinnen sollen sich wohl fühlen“, sagt Manfred Lenk, der Chef von Adidas in Indonesien. Mit 16 Leuten besucht er heute das Werk: Vorstandsmitglieder von Panarub sind dabei und Adidas-Angestellte, die ihre Zulieferfabrik kontrollieren. Ein Gewerkschaftschef ist auch da. An der Spitze des Trosses schlendert Lenk über das Gelände. Er ist seit 1998 im Land, seit dem Sturz von General Suharto. Seitdem hat sich viel verändert in Indonesien. Es gibt freie Wahlen, ein Versammlungsrecht, Presse- und Gewerkschaftsfreiheit. „Auch wir haben vieles verändert“, sagt Lenk, „die Arbeitsbedingungen in unseren Zulieferfabriken sind heute bei weitem besser als früher. Wir sind zwar noch nicht da, wo wir hinwollen, aber wir haben uns gemacht.“ Lenk spricht von Arbeitsschutz und Schadstoffreduzierung, von Gebetsstätten auf dem Fabrikgelände, von Ausbildungsprogrammen, Sport und Kultur, Stipendien für Arme aus der Nachbarschaft und vom neuen Beratungs-Center am See, wo die Beschäftigten über Sorgen und Nöte sprechen könnten. Er zählt auch Schwächen auf: das Feueralarmsystem, dass noch verbessert werden müsse und die Anlage zur Mülltrennung, die sei noch nicht abgenommen.

Die Halle ist groß wie ein Fußballfeld und vollgepackt mit langen Reihen von Arbeitsstationen. Hunderte Frauen stanzen, schneiden, nähen, kleben und verpacken den „Predator Mania“, den Schuh der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Im Juni sollen die Spieler ihn bei der Weltmeisterschaft tragen. Jetzt wandert er über das Fließband, vorbei an den Blumensträußen, die an jedem Arbeitsplatz hängen. Es ist hell hier drin, nicht zu heiß und nicht zu laut. Die Schutzkleidung, von der Lenk erzählt hat, die Tafeln mit Sicherheitshinweisen und die markierten Fluchtwege – es gibt sie wirklich. Männer, die aufpassen, dass schnell gearbeitet wird, grüßen freundlich, als die weißen Riesen aus Deutschland vorbeikommen. Die Arbeiterinnen wagen es nicht aufzublicken. Nur keinen Fehler machen. Lenk nimmt einer Frau einen Schuh aus der Hand. Er will nur zeigen, wie leicht er ist. Und die Frau steht steif, mit großen Augen starrt sie auf Lenks Brust.

„Eine gute Show“, sagt Trenggono Wahyu Pratomo, der Gewerkschaftsmann, später. Er schaut noch einmal über seine Schulter. Ja, die Chefs sind weg. Was heute zu sehen gewesen sei, „war nicht die normale Fabrik“, sagt er, „drei Tage lang haben Tausende sauber machen müssen, damit alles geleckt aussieht. Heute morgen waren alle Toiletten abgeschlossen, bis der Rundgang begann. Sie hatten Angst, dass die Klos zwischendurch dreckig werden könnten.“ Und dann lächelt Pratomo: „Danke für Ihren Besuch, Sie haben den Arbeiterinnen einen ruhigen Tag beschert“, sagt er, „wenn jemand zu Besuch kommt, laufen die Bänder langsam, es ist kühler in den Hallen und es wird nicht rumgebrüllt wie sonst.“ Alles war Show? Nein, nicht alles, sagt Pratomo. Die Maschinen, die den Lösungsmitteldampf absaugen, die pünktliche Bezahlung, das Einhalten der gesetzlichen Grenzen für Überstunden – Adidas habe Druck auf seinen Zulieferer ausgeübt, und es habe sich wirklich viel verbessert in der Fabrik. „Aber die brutalen Produktionsvorgaben und die schreienden Aufpasser sind unerträglich wie eh und je.“

Mit der linken Hand hebt Dewi, die junge, schöne Frau vom Fließband, den Schuh hoch und dreht ihn um. In der rechten hält sie den Pinsel, trägt den Klebstoff auf die Unterseite. Ein kurzer Blick: Alle Stellen bedeckt? Gleichmäßig verteilt? Vorsichtig legt sie den Schuh zurück. Feierabend.

Die Straße vor der Fabrik wird schwarzblau von langen, glatten Haaren und Panarub-Hemden. Hunderte Frauen laufen vorbei, verschwinden nach links oder rechts, dahin, wo die Straßen zu Gassen und die Häuser immer kleiner werden. Dewis Bleibe ist aus nacktem Beton, hier wohnt sie mit Mann und Sohn: Zwei Zimmer, fünfzig Mücken, in einer Nische stehen Gaskocher und Geschirr. Das Klo ist an der nächsten Straßenecke. Eine Matratze und eine Kommode sind die einzigen Möbel im Haus, der Teppichboden ist eine Plastikfolie. „Es ist ein wenig eng“, sagt Dewi verlegen, „aber ich bin ja nicht oft zu Hause.“ Jeden Morgen steht sie um halb fünf auf, versorgt ihren kleinen Sohn und bringt ihn zu Freunden. Dann läuft sie zur Fabrik, abends um sechs ist sie wieder zu Hause. Sie ist froh, dass Adidas hier produziert, sagt Dewi. Sie macht eine Pause, streichelt ihr Baby. „Eigentlich ist alles korrekt bei Panarub“, sagt sie dann. „Wenn die Bänder langsamer liefen und wir nicht dauernd angeschrien würden, könnte es sogar Spaß machen.“

Der Kleine zeigt auf ein Poster an der Wand – zwei Fußballprofis in Adidas-Schuhen. Dewi schaut das Bild an, schüttelt den Kopf, und dann sagt sie: „Wenn die wüssten.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben