Zeitung Heute : Billy und die Detektive

Der Tagesspiegel

Am 15. August 1947 berichtete über prominenten Besuch aus Hollywood, der der Stadt die Ehre gab: „Der frühere deutsche Regisseur Billy Wilder, der in den Vereinigten Staaten lebt, befindet sich augenblicklich in Berlin, um hier Außenaufnahmen für seinen Film ,Foreign Affairs’ zu drehen. Er wird heute abend einen Presseempfang geben.“ Eine, zugegeben, nicht ganz fehlerfreie Notiz. Erst im Exil hatte Wilder auf dem Regiestuhl gesessen. Aber das Filmhandwerk erlernt hatte er in Deutschland. In Berlin, um genau zu sein.

Nein, er ist nicht in Berlin geboren wie Marlene Dietrich. Er hat auch nicht ein Großteil seines Lebens hier verbracht wie Hildegard Knef, die aus Ulm stammte, aber dennoch fast als Spreegewächs galt. Aber sein Leben war mit Berlin und seiner Geschichte in einer Weise verbunden, dass er mit weit größerem Recht von sich hätte behaupten können, Berliner zu sein, als es Kennedy tat.

Gerade mal sieben Jahre hat Billy Wilder - damals hieß er noch Billie - in Berlin gelebt, anfangs ein journalistischer Tausendsassa, Sohn galizischer Juden, 1926 aus Wien in die Reichshauptstadt gekommen. Als Reporter war er bei Ullstein untergekommen, schrieb für den „Berliner Börsen Courier“, die „B.Z. am Mittag“, „Tempo“ und „Der Querschnitt“, Geschichten über seine Arbeit als Eintänzer im Hotel Eden etwa oder auch Reportagen über den Berliner Alltag, der sich teilweise kaum verändert zu haben scheint. Man lese nur einmal über das „vollkommene Versagen der Straßenreinigung“ angesichts von Neuschnee, abgedruckt in den Berliner Reportagen Wilders, die vor einigen Jahren unter dem Titel „Der Prinz von Wales geht auf Urlaub“ (Hoffmann & Campe; Diana Taschenbuchverlag) herausgekommen waren.

Ende der Zwanziger begann Wilder Drehbücher zu schreiben, gleich das zweite wurzelte tief im Berliner Sandboden: „Menschen am Sonntag“ von Robert Siodmak, ein Film über Berliner, die das Wochenende am Wannsee verbringen. Die Dreharbeiten müssen recht improvisiert verlaufen sein, wie Wilder schrieb: „Haben uns von einem Bäcker in Nikolassee einen wackligen Karren ausgeliehen und schleifen darauf die Apparate durch den Strandsand. Stehen vierzehn Stunden an der Kamera und packen alle ordentlich an. Halten uns selbst die Blenden, knien den ganzen Tag am See, und wenn uns der Hitzschlag droht, dann stecken wir eben die Köpfe ins Wasser.“

Der berühmteste Film der Berliner Jahre entstand 1931, zwei Jahre vor dem Exil, eine Adaption von Kästners „Emil und die Detektive“, die besonders für seine Bilder aus dem damaligen Berlin gerühmt wurde. Dokumentarisch war auch sein Blick, als er 1945, als Filmbeauftragter der US-Militärregierung, in die zerstörte Stadt zuückkehrte. Er hatte sich einen Kameramann mitgebracht, das Material fand drei Jahre später Eingang in „A Foreign Affair“. Die Idee dazu hatte er schon kurz nach der Rückkehr 1945 : „die ganz einfache Geschichte eines GIs, der hier bei den Besatzungstruppen staioniert ist, und eines deutschen Fräuleins“.

Den US-Behörden hat der Film nicht gefallen, erst 1977, in der ARD, bekamen die Deutschen ihn zu sehen. Auch bei seinem zweiten großen Berlin-Film kam Billy Wilder die Zeitgeschichte ins Gehege: In die Dreharbeiten zu „Eins, zwei, drei“ platzte der Mauerbau hinein, danach wollte die Komödie des Kalten Krieges erstmal niemand mehr sehen. Um die Sowjets nicht zu verstimmen, entfiel der Film noch 1980 in der Wilder-Retrospektive der Berlinale.

Doch dieses für Berlin wenig ehrenvolle Kneifen ist längst verziehen: 1987, anlässlich der Ausstellung „Film … Stadt … Kino … Berlin“ im alten Esplanade, erhielt Wilder die Berliner Ehrenprofessur und 1993 den verdienten Goldenen Bären. Die Berliner feierten ihn emphatisch. Andreas Conrad

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