Zeitung Heute : Bin ich vielleicht kein Mensch?

Martin Krumbholz

Gorkis „Sommergäste“ beim Theatertreffen – und was Düsseldorf sonst so spielt

Wenn der Rechtsanwalt Bassow, sturzbetrunken und nackt bis auf die Badehose, schwankend und wankend die Welt umarmt, wenn er im Vollrausch sein pantheistisches Bekenntnis ablegt und über die eigenen Füße in ein Wännchen stolpert, in dem er sie wäscht, wenn er sich anschickt, die Badehose auch noch abzustreifen und seine Notdurft in eine Plastiktüte zu verrichten – dann, versteht sich, ist der Eklat da.

Die Szene dauert lang, und Thomas Dannemann entäußert sich in ihr nicht nur seiner Textilien, sondern auch jeder gepflegten theatralen Konvention. Eher verständnislos als empört verlassen etliche Düsseldorfer Bürger ihr Gründgens selig Schauspielhaus. Handelt es sich hier um Gorkis „Sommergäste“? Also doch um etwas Tschechow-Ähnliches, um eine bittersüße Elegie über Schmerzen unerwiderter Liebe und die Leere des Daseins in der Provinz, fern von Moskau, an der vorletzten Jahrhundertwende? Und überhaupt, wo sind die Birken, zwischen denen die „Sommergäste“ wie vor 30 Jahren bei Peter Stein in Berlin ihre Sonnenschirmchen aufspannen?

Das Bühnenbild von Johannes Schütz, ein grauer Guckkasten nur, ein leerer Raum ohne Türen, sieht keine Birken vor. Aber in die Rückwand ist eine Öffnung geschnitten, die sich während der Aufführung in minimalem Tempo über die ganze Bühnenbreite verschiebt und nach und nach den Blick auf eine entwurzelte Kiefer freigibt. Die grünen Nadeln sieht man zuerst, die Wurzel zuletzt. Und je länger der Abend dauert, desto deutlicher stellt sich heraus, dass Jürgen Goschs Inszenierung, die heute Abend Theatertreffen-Premiere hat, auch das Stück entwurzelt und als Vehikel einer Gesellschaftsdiagnose benutzt hat, die wenig mit 1904 und verblüffend viel mit 2004 zu tun hat.

Vielleicht haben die verständnislosen Düsseldorfer ja sehr wohl verstanden, dass im scheinbaren Leerlauf, im permanenten Phrasengedresche jener Halbintellektuellen der Vorrevolutionszeit ein Reflex liegt auf den aktuellen gesellschaftlichen Betrieb, der zunehmende Perspektivlosigkeit mit Betriebsamkeit kompensiert. Was so nüchtern und beiläufig beginnt, in einem antinaturalistischen Understatement, entwickelt sich zu einer beklemmenden und auf eine düstere Art komischen Abhandlung über Hysterie. Was auf den ersten Blick als Spannungsarmut erscheinen mag, handelt in Wahrheit von subkutanen und manifesten Spannungen zwischen den Figuren. Die müssen schauspielerisch erst einmal hergestellt werden, und es gelingt frappierend: Thomas Dannemann, aber auch Constanze Becker als seine unterkühlt leidende Frau Warwara (in Jeans) oder Michael Abendroth als Schriftsteller Schalimow, letztlich alle Beteiligten tragen zum Gelingen eines riskanten Versuchs bei, der zu Recht mit einer Einladung zum diesjährigen Berliner Theatertreffen belohnt wurde.

Darauf darf auch die Intendantin Anna Badora stolz sein, die 1996 als erste Frau ein so großes Haus übernahm und die im nächsten Jahr durch Amelie Niermeyer abgelöst wird. Die Spielpläne waren ambitioniert – viele Uraufführungen und Ausgrabungen –, die Inszenierungen von wechselnden und nicht immer so glücklichen Handschriften geprägt. Manch Experimentelles, Stücke von Igor Bauersima etwa, neben eher bieder Ausgeführtem.

Badoras jüngste eigene Regiearbeit, Hauptmanns spätes Stück „Vor Sonnenuntergang“, stellt den sympathischen Versuch dar, die Liebe eines alten Industriellen zu einer jungen Kindergärtnerin bedingungslos gegen die eigennutzigen und bornierten Angriffe der Kinder und Schwiegerkinder des Alten zu verteidigen: auf die Gefahr hin, das Personal in „Menschen“ und „Marionetten“ zerfallen zu lassen. Auch hier wird der naturalistische Gestus demonstrativ zerstört: Der erste Akt ist auf sich wiederholende Sprechblasen reduziert, die die Akteure, bar des szenischen Kontextes, an der Rampe zerplatzen lassen; so werden die Figuren fern aller Psychologie als bloße Agenten ihres Interesses exponiert, mit hübschen Macken, aber ohne Seele. Die ist für das Liebespaar reserviert: die von der Sippschaft aggressiv befehdete, zunehmend desillusionierte Geliebte Inken Peters und vor allem den Geheimrat Matthias Clausen, den der Doyen des Düsseldorfer Ensembles, Wolfgang Hinze, mit einer beeindruckenden und einnehmenden Noblesse ausstattet.

„Ich bin schließlich ein Mensch!“, fleht der liebeskranke Rjumin in den „Sommergästen“ seine angebetete Warwara an, und die entgegnet ihm trocken: „Und ich? Bin ich vielleicht kein Mensch?“ Die Synthese lautet „Wir sind alle nur Menschen!“ – und die absurde Replik darauf findet sich in Kathrin Rögglas neuem Stück „Wir schlafen nicht“ (nach ihrem gleichnamigen Roman): „Aber sag das mal jemandem auf den Kopf zu!“ Es gibt eine Fülle solcher grotesk-komischer Selbstentlarvungen in dem Text, der sich als verfremdete Collage aus Interviewbekenntnissen von Investmentbankern, Online-Redakteuren und anderen Workaholics versteht, wobei Düsseldorf als Schauplatz der New Economy sozusagen ein Heimspiel hat; also passt auch die Vokabel „Düsseldorfigkeit“ in Rögglas eigener Romanadaption.

Burkhard C. Kosminski, Regisseur der Uraufführung, ist ganz auf das (letztlich nicht stattfindende) Drama fixiert und verfehlt dadurch die Abgründe und die Komik – die Qualität des Textes. Indem Kosminski „Theater“ im überlieferten Sinn macht, also Aktionismus produziert, wo Lakonie hilfreicher wäre, untergräbt er den Witz des Textes, der nichts beabsichtigt als die sich ins Absurde steigernde Selbstdarstellung einer Berufsgruppe in konjunktivischen Satzgirlanden. Die in Berlin lebende Österreicherin Kathrin Röggla benutzt die indirekte Rede als nicht ganz einsichtiges, aber irgendwie schickes Mittel der Selbstdistanzierung.

1904 und 2004, Gorkis Kleinbürger und Rögglas Economyberauschte – die Korrespondenzen sind greifbar.

Zusatzvorstellung der Düsseldorfer „Sommergäste“ am 13. Mai, 15 Uhr, Volksbühne.

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