Zeitung Heute : Binnen- Gewässer

Was bringt ein Zimmerspringbrunnen?Harndrang, feuchte Luft und manchmal sogar Reichtum. Ein Rieselreport.

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Von Deike Diening Wasser, habe ich immer gedacht, ist flüssig, Zimmerspringbrunnen sind überflüssig. Nie hatte ich über sie nachgedacht, ich kenne auch niemanden, der einen hat. Dann sah ich diese magische Stelle an der Bergmannstraße, ein Schlitz in der Schaufensterscheibe, gegenüber den Kreuzberger Friedhöfen. Auf der einen Straßenseite ruhen die Toten, auf der anderen leuchtet nachts das Fenster hell, darin bilden bemooste Brunnen eine alternative Welt. Durch den Schlitz in der Scheibe wirft man eine Münze, die setzt einen Brunnenmechanismus in Gang: Das Wasser fließt. Ein herrliches Spielzeug.

Dabei ist der Springbrunnen, zumal der in der Wohnung, eine nur scheinbar sinnfreie Lustbarkeit. Zuerst gab es ihn in den Parks der Herrscher, in den Schlossgärten, dann auf den Plätzen, die das Bürgertum bevorzugte, und jetzt hat man sie auf Wohnzimmergröße gestutzt. Das Öffentliche wird privat, das ist nicht neu: Das Kino wurde zum Fernseher, die Orangerie kam aufs Fensterbrett, und für den Springbrunnen findet sich auch noch eine Ecke neben der Couch.

Vertreter für Zimmerspringbrunnen wissen das. Der Schriftsteller Jens Sparschuh hat mit seinem Roman über solch einen Vertreter das Fließmöbel unsterblich gemacht. Herr Lobek ist ein arbeitsloser Mensch aus dem Osten, kurz nach der Wende. Er soll für einen westdeutschen Brunnenproduzenten den Ostmarkt aufrollen. Der Zimmerspringbrunnen der rheinischen Firma aber soll vor allem über seine Bedeutung verkauft werden: „ein leise plätscherndes Nein zur rasenden Gesellschaft“. Er vermittelt Ruhe und Kontemplation. Und doch wandelt er sich auch hier „von der Plätscherecke zum Ereignisspringbrunnen“.

Aber was nützt einem das? Ist der Brunnen nicht nur ein arbeitsintensiver Luftbefeuchter? Sparschuhs Verkaufsseminar rät: „Nutzen“ umfassender definieren – Ausbruch aus engen Nützlichkeitserwägungen, Stichwort „Sinnkrise“, Stichwort „Zukunftsangst“; ZSB als ein Ort „spiritueller Ich-Erfahrung“. Diese Ich-Erfahrung haben die Kunden im Osten allerdings erst, als Lobek dazu übergeht, die Springbrunnen mit Insignien des Ostens, dem Berliner Fernsehturm zum Beispiel, auszustatten. Da fließt die Erinnerung und mit ihr der Absatz.

Im richtigen Leben stehen die preisgünstigsten Modelle im Baumarkt. Zimmerspringbrunnen von der Größe eines Toasters thronen auf drei Sperrholzplatten im Bauhaus Neukölln, ab 25 Euro geht es los. Dumm nur, dass das Schnarren der Pumpe lauter ist als das Geräusch des Wassers. Es klingt wie eine Märklin-Modelleisenbahn, hier, vor dem Lampen-Center im ersten Stock. Auf den Brunnen liegt der Staub Neuköllns.

Ein Zimmerspringbrunnen ist ein bisschen wie ein Hund oder eine Pflanze. Man muss sich kümmern, und Geräusche macht er auch. Gegen Algen hilft Zitronensäure, rät man in der Stein-Galerie in der Akazienstraße. Und so lange man das verdunstete Wasser jeden Tag nachgießt, kann nichts passieren.

Der Künstler Harald Müller macht für die Galerie seit 15 Jahren in Springbrunnen, alle sind aus Stein gebaut. Wenn im Hamburger Hafen eine Ladung mit Steinen ankommt, ist er schon mal der Erste am Container. Dann ist vielleicht so ein Riesen-Lapislazuli dabei, oder ein Amethyst, oder eine handballgroße Blauquarz-Kugel, die sich später im Wasser rollen wird. Die Edelsteine haben je eine eigene Wirkung, abends mit Beleuchtung – und nie sollte man an der Pumpe sparen.

Es kommt weniger auf den Brunnen an, sagt Thomas Schön, der Brunnenkünstler mit dem Münzbrunnen in der Bergmannstraße. Denn der Brunnen ist nur das Gefäß. Energetisch gesehen komme es auf das Wasser an. Alles fließt. Die Erde ist keine Scheibe. „Wir alle kommen aus dem Wasser“, sagt Thomas Schön. Es erinnert uns sprudelnd, rieselnd oder tröpfelnd an unsere Herkunft. Kinder, sagt er, zieht es immer zum Brunnen, und bleibt nicht jeder auf eine Art ein Kind? Thomas Schön bringt Tee. „Wasser braucht Links- und Rechtsdrehung und Implosion. Wasser stirbt, wenn es steht.“ Dem Brunnen könne man nur mit dem Wissen über das Wasser nahe kommen. Erstaunlich viele grundlegende Dinge auf dieser Welt, sagt er, bewegen sich spiralförmig: Feuer, Wind, die DNA. Wenn Wasser nicht spiralförmig fließt, verliere es die Energie.

Schön arbeitet auch immer mit dem Geräusch – Schlafzimmerspringbrunnen zum Beispiel werden leiser gebaut. Es macht einen Unterschied, ob ein Brunnen tropft, sprudelt, rauscht oder plätschert. Schön hat die Bewegung des Wassers über Jahre beobachtet, Wasser fließt bei ihm auch aufwärts, an einem Faden lang.

Schön baut alles aus Schrott. Die Brunnen bepflanzt er mit flachen Gewächsen. Zeigen sich für ein paar Tage Pilze darin, heißt er sie willkommen. Schön ist kein Vertreter, er will niemanden zu etwas überreden, sondern den Menschen mit den Brunnen etwas Gutes tun. Sie spürten dann schon, was so ein Brunnen bewirkt. Sie sehen in seinen Gebilden bemooste Märchenreiche, Fantasiewelten. Auf eine Art hat das auch etwas von Heilen, der Brunnen, Luftbefeuchter, Energiespender, Harmonisierer, ist ein Gesundbrunnen. „Das Wasser“, sagt er, „ist das Element dieses Jahrtausends. Vielleicht wird es knapp, vielleicht vergiftet.“

Im Berufsverband bildender Künstler in Bayern, wo er mal gewohnt hat, hielt man Schön mit seinen Brunnen für einen Wahnsinnigen. Eine Frau, die ein Kamel auf einen Teppich knüpfte, haben sie genommen, ihn nicht. Der Sohn eines Metzgers hat bei der Bundeswehr Fahrlehrer gelernt, dann wurde er Oberfeldwebel. Schließlich, sagt er, sei er aufgewacht. Er hatte das Gefühl, 28 Jahre lang blind gewesen zu sein, hat Heilpraktiker gelernt, wollte Sanjassin werden. Oft hört er Klassikradio. Das passe zum Wasser und das mögen die Pflanzen. Man sieht nicht, dass der Kreuzberger Ausstellungsraum Schöns Wohnzimmer ist. Dahinter liegen sein Atelier und sein Schlafzimmer.

Es ist nicht wichtig, sagt Heike Fischer vom Feng-Shui-Center in Berlin, dass der Brunnen bestimmten Kriterien genügt. Hauptsache, der Besitzer kann eine positive Beziehung zu ihm aufbauen: „Sobald mir das Herz aufgeht, funktioniert es.“ Seit etwa 20 Jahren gibt es im Feng-Shui die Idee, dass die Ecken eines Hauses für bestimmte Lebensbereiche zuständig sind: für die Liebe, die Arbeit oder das Geld. Häufig wird kolportiert, es genüge, einen Brunnen in der zuständigen Ecke aufzubauen, und das Geld tue es dem Wasser gleich und fließe. „Aber der Brunnen selbst hat keine Macht“, sagt Fischer. Der verdient das Geld auch nicht von allein. Höchstens könne er einen plätschernd daran erinnern, dass man sich vorgenommen hatte, sich um sein Geld zu kümmern.

Das ist aber nicht alles. Bewegtes Wasser, im Gegensatz zu trübem, dümpelndem, sagt Fischer, ist Chi. Chi ist Lebensenergie. Lebensenergie kann man nie genug haben. Sind Räume stickig, fehlt eine gewisse Frische, hilft ein Brunnen.

Aber wenn Wasser so gut ist, warum sind dann Wasseradern so schlecht? Alles habe eine gewisse Eigenschwingung, der Mensch und auch das Wasser, sagt Fischer. Unter Umständen könne die Eigenschwingung des Wassers die des Menschen stören. Katzen legten sich zum Beispiel gerne dahin, wo solche Adern sind, Hunde nie. Deshalb nie dahinlegen, wo sich in einer Wohnung die Katze hinlegt, sagt Fischer, sondern immer dorthin, wo sich der Hund niederlässt.

Regine M. aus Hermsdorf, 76, liebte immer schon rieselndes Wasser. „Wenn ich verreist bin, und da ist Wasser, setze ich mich hin und höre zu.“ Zu einem Geburtstag legte die Verwandtschaft zusammen und schenkte einen Brunnen, in dem Wasser von einer Steinebene auf die andere rieselt. Das erinnert an Natur, sagt Regine M. Und dann ist der Brunnenanblick auch Meditation, hatte Schön gesagt. „Wir vergessen schnell, dass uns bestimmte Anblicke in eine bestimmte Stimmung versetzen“, meint Fischer. Nicht notwendigerweise in eine angenehme allerdings: Sie habe schon gehört, dass Leute von dem Wassergeräusch ständig aufs Klo müssen. Das vertraute Plätschern fördert bei einigen Menschen Harndrang. Thomas Schön, der von seinem Bett aus alle seine Brunnen hören kann, sagt: im Gegenteil, es beruhige ungemein. Nur Heike Fischer hat selber keinen: „Das Geräusch macht mich wahnsinnig. Ich könnte das nicht.“

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