Zeitung Heute : Bio boomt

Immer mehr Verbraucher entscheiden sich für Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau. Seit der BSE-Krise wandelt sich das Image der Branche

Roland Koch

Renate Künast hat vor wenigen Wochen wahrscheinlich eine Pioniertat vollbracht. Sie ist die vielleicht erste Ministerin, die zur Eröffnung einer Wurstbude erschienen ist. Bei „Witty’s“ am Wittenbergplatz war’s, Ende Mai. Dort aß die Ministerin sozusagen in Ausübung ihres Amtes. „Witty’s“ ist der erste Bio-Imbiss der Stadt. Hier gehen nämlich seit einigen Wochen Fleischprodukte aus kontrolliert ökologischer Herkunft über den Tresen.

Der offizielle Besuch der Ministerin an einem Öko-Imbiss, lässt vermuten, dass dahinter Größeres steckt. Und so wollte Künast wohl auch Werbung für das von ihr eingeführte Bio-Siegel machen, das nun am Dach der Wurstbude am Wittenbergplatz prangt. Denn bei Politikern und bei Verbrauchern werden Produkte, die ein Bio-Siegel tragen, immer beliebter. Bio boomt.

Seit der BSE-Krise verzeichnen auch die Bioläden einen immer stärkeren Zulauf. „Zu uns kommen längst nicht mehr nur die alt überzeugten Ökos“, sagt Georg Kaiser, der Geschäftsführer der Bio Company. „Unsere Kundschaft ist eine bunte Mischung.“ Professoren, Schauspieler, vor allem junge Familien, die sich bewusst ernähren wollten, kämen mittlerweile regelmäßig.

Der Marktanteil der Bio-Produkte liegt derzeit bei knapp vier Prozent. „Das ist zwar im Gesamtvergleich noch nicht gewaltig, doch gerade in den vergangenen zwei Jahren haben wir einen enormen Zuwachs erlebt“, erzählt Georg Kaiser. Die Bio Company beschäftigt bis Jahresende in vier Filialen mehr als 50 Mitarbeiter, 35 davon werden dann fest angestellt sein.

Georg Kaiser ist seit gut drei Jahren in der Biobranche. Der gelernte Einzelhandelskaufmann arbeitete zunächst im elterlichen Betrieb in Bayern, einem konventionellen Supermarkt, und anschließend in Frankreich in einem Gemüsemarkt bevor er gemeinsam mit seiner Frau nach Berlin kam und die Bio Company ins Leben rief. „Einen wesentlichen Anstoß für den Wechsel in die Biobranche habe ich von meiner Frau bekommen“, erzählt Kaiser. „Sie war schon seit Jahren ,Bio-Köstlerin’ und hat auch mich davon überzeugt.“ Zusammen mit der Einzelhandelserfahrung lag die Geschäftsidee nahe.

Allein der Boom der Biobranche war allerdings noch keine Garantie für den Erfolg eines Bioladens. „Vielen Kunden sind die Produkte aus der Biobranche noch immer zu teuer“, sagt Georg Kaiser. „Unsere Idee war es, dass Bio nicht teuer sein muss.“ Die Philosophie der Bio Company ist es deshalb, ihren Kunden ein Vollsortiment an Waren zu fairen Preisen anzubieten. Die Auswahl sollte so groß sein, wie in einem konventionellen Supermarkt, alle Produkte mussten aber aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Und so reicht das Angebot von Babybrei, über Frischfleisch und Brötchen bis hin zu Naturkosmetik oder Putzmitteln. „Und da wir mit unseren vier Filialen größere Mengen einkaufen, schaffen wir es, die Bio-Produkte zu fairen Preisen anzubieten“, sagt Georg Kaiser.

Wie viel Bio der Kunde will, kann er anhand der unterschiedlichen Siegel entscheiden, die die Produkte tragen. Damit Verbraucher erkennen können, ob Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft stammen, gibt es verschiedene Gütesiegel. Das bekannteste dürfte das von Künast eingeführte EU-Bio-Siegel sein. Es garantiert zum Beispiel, dass Tiere artgerecht gehalten werden, dass im Anbau keine genmanipulierten Pflanzen eingesetzt werden oder dass keine chemischen Dünger zum Einsatz kommen. Andere Erzeuger, wie beispielsweise Bioland oder Demeter fordern von ihren Produzenten strengere Produktionskriterien ein. Je nachdem, für welches Siegel sich ein Kunde entscheidet, wählt er also auch eine bestimmte Produktionsweise.

„So lässt sich auch der unterschiedliche Preis der Waren erklären“, sagt Georg Kaiser. Denn mit den Siegeln ändern sich die Produktionsbedingungen der Landwirte und damit wiederum der Aufwand, den sie betreiben, und der Ertrag, den sie erwirtschaften können. „Wer sich verpflichtet, seinen Tieren nur Futter vom eigenen Hof zu geben, muss aufwändiger wirtschaften, als jemand, der auch Futter zukaufen darf.“

Das EU-Bio-Siegel ist für Georg Kaiser eine Art Basismodell. „Es ist zwar eine Kompromisslösung auf europäischer Ebene“, sagt er. „Aber sein Erfolg spricht für sich.“ Knapp 17 000 Produkte von mehr als 800 Unternehmen tragen es bereits. Fast 30 neue Produkte kommen jeden Tag dazu. Dass auch wirklich Bio drin ist, wo Bio draufsteht, wird über regelmäßige Kontrollen der Öko-Prüfstellen sicher gestellt. Die Produzenten bekommen halbjährlich von den Prüfern Besuch.

Bio ist in und schafft Nachfrage. Doch worüber sich der Geschäftsmann einerseits freuen kann, bereitet ihm in der derzeitigen Wirtschaftssituation ungewöhnliche Probleme. „Mittlerweile ist es gar nicht mehr so einfach, geeignete Fachkräfte zu finden“, sagt Kaiser. Die Ausbildung zur Naturkost- oder Reformfachkraft ist ein zweijähriger Ausbildungsberuf. Und auch eine Umschulung für Quereinsteiger dauert zwei Jahre. „Aushilfen ohne spezielle Fachkenntnisse können wir nur sehr begrenzt einsetzen“, sagt Kaiser. „In der Branche braucht man ein solides Fachwissen, das man sich nicht nebenbei aneignen kann.“ Gerade dieses Fachwissen mache Bioläden aber gegenüber konventionellen Supermärkten konkurrenzfähig. Denn die springen auf den Bio-Zug auf. Kaum ein Markt leistet es sich heute noch, auf eine Ecke mit Bioprodukten zu verzichten. „Doch was denen fehlt, ist die fachliche Kompetenz“, sagt Kaiser. „Das ist unser großes Plus.“

Dennoch muss die Branche viel für ihr Image tun. „Mit Bioläden verbinden viele Menschen noch immer das Bild verbohrter Müsli-Freaks“, glaubt Kaiser. Die Bio Company setzt deshalb bewusst auf Offenheit und Transparenz. „Wir wollen den Kunden die Schwellenangst nehmen“, meint er. „Sie sollen in den Laden kommen und sich umsehen können, ohne dass sie belabert werden.“ Auskünfte zu den Produkten gibt es deshalb nur auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden.

Dass Bio-Produkte auch gesünder sind als konventionell angebaute, davon ist Georg Kaiser fest überzeugt. „Überlegen Sie doch mal, was im Bio-Anbau alles nicht auf die Felder und damit direkt auf die Lebensmittel, die wir essen, gespritzt wird“, sagt er. „All das macht doch schon einen riesigen Unterschied aus.“

Natürlich könne kein Produkt völlig frei sein von Rückständen. Durch die Luft oder mit dem Wasser gelangen Rückstände aus dem konventionellen Landbau auch zu den Biobauern. „Doch das ist im Vergleich nur ein Minimum dessen, was die anderen Produkte mit sich tragen.“ Das belegt auch eine Untersuchung der Zeitschrift Ökotest.

Auch von Kritikern unbestritten ist die ökologisch wertvolle Arbeitsweise der Bauern, die Bio-Produkte anbauen. „Sie wirtschaften im Einklang mit der Natur“, sagt Kaiser. „Und wenn man zum Beispiel bedenkt, dass wir überwiegend Produkte aus der Region anbieten, dass dadurch lange Transportwege und entsprechende Umweltbelastungen vermieden werden, dass bei fair gehandelten Produkten auch auf die sozial verträglichen Arbeitsbedingungen für die Menschen in armen Ländern geachtet wird, dann erfüllen Bioprodukte einen hohen ethischen Anspruch.“

Darüber hinaus spreche aber noch ein weiteres Argument für Bio-Produkte: der Geschmack. „Wenn Sie sich einmal auf Bio eingelassen haben, werden Sie auf diesen Geschmack nicht wieder verzichten wollen“, meint Kaiser und hat dazu eine kleine Anekdote parat: Als er nach Berlin gezogen ist, hat er sich immer ein Brot aus Bayern hierher mitgebracht. Das Brot der Berliner Bäcker habe er einfach nicht essen können. Wenn er heute seine Mutter in Bayern besucht, muss er ihr immer ein Brot aus seiner Berliner Bio-Backecke mitbringen. Das habe dem Bayrischen eindeutig den Rang abgelaufen. Na, wenn das kein Gütesiegel der besonderen Art ist.

Ach – die Ministerin! Auch bei der Bio Company wird sie in wenigen Tagen einen Auftritt haben. Am kommenden Donnerstag eröffnet sie in der Filiale in Friedenau eine Kampagne zur Verkaufsförderung von Bio-Milch. Bestimmt wird sie sich dort einen kräftigen Schluck genehmigen. Rein dienstlich natürlich.

Bio Company, vier Mal in Berlin, Schönhauser Allee 65 (Prenzlauer Berg), Wilmersdorfer Straße 102 (Charlottenburg), Voigtstraße 38 (Friedrichshain), Bundesallee 88 (Friedenau). Im Internet: www.biocompany.de .

Infos zum Biosiegel: www.bio-siegel.de

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