Zeitung Heute : Bio-Terrorismus: Interview: "Wir haben ein Problem"

Seuchen galten in den Industrienationen als ausges

Bernd Domres ist Leiter der Abteilung Katastrophenmedizin an der Allgemeinchirurgie der Universität Tübingen und war lange Zeit Präsident der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin.

Seuchen galten in den Industrienationen als ausgestorben. Seit dem Terroranschlag vom 11. September ist die Angst wieder da. Wären wir gewappnet, wenn in einer deutschen Großstadt eine Epidemie ausbrechen würde?

Zur Prophylaxe muss man grundsätzlich sagen, dass die Menschen nicht mehr den Impfschutz haben, den wir früher hatten.

Im Falle eines Anschlags mit Pocken, Pest oder Milzbranderregern würde der wohl auch nicht viel nutzen?

Bei Pocken schon. Aber Sie haben Recht, das sind natürlich Szenarien, da hätten wir ein Problem. Milzbranderreger zum Beispiel, das dauert ja mindestens drei Tage ehe sie was merken, dann braucht es noch einmal ein paar Tage, bevor es auffällt, dass mehrere krank werden, das ist ja das Heimtückische. Die Gesellschaft davor zu schützen, das ist eher was für die Geheimdienste, das ist keine medizinische Aufgabe.

Kommt es zum Ausbruch einer Seuche, wäre doch wohl die Medizin gefordert?

Nun, bei massenhaften Erkrankungen könnte es schon sein, dass die Medikamentenressourcen einer Großstadt mal knapp werden, dann würde man Nachbargemeinden um Unterstützung bitten. Der Staat hat seine Medikamenten-Bevorratung ja vor etwa drei Jahren aufgegeben, das Bundesamt für Zivilschutz geschlossen. Das ist jetzt Sache der Länder. Und dort ist bisher nur vereinzelt eine Diskussion darüber in Gang gekommen, welche Bevorratung sinnvoll und nötig ist. Mal ganz abgesehen von anderen Fragen, die sich dann stellen würden.

Was für andere Fragen?

Zum Beispiel die der Dekontamination. Wenn man weiß, dass einer mit A-, B- oder C-Waffen kontaminiert ist, dann besteht natürlich nicht nur für den Kontaminierten eine Gefahr, sondern auch für den Behandelnden. Das heißt, Feuerwehr und Polizei müssen das Gebiet rigoros absperren. Dann dürfen Behandelnde nur in Schutzkleidung rein und raus, müssen dekontaminiert werden. Dafür haben wir bisher keine Konzepte. Dann müssen Feuerwehrärzte darin geübt sein, in Schutzkleidung lebensrettende Maßnahmen zu versehen, also zu intubieren, Spritzen zu setzen, die Lunge abzuhören. Das ist nicht so einfach mit Maske und dicken Handschuhen, das müssen sie üben.

Klingt nicht gerade so, als ob eine Pocken- oder eine Milzbrandepidemie mit Tausenden Betroffenen hier zu Lande beherrschbar wäre?

Ja, also, man muss sagen, wir wären darauf nicht vorbereitet. Aber der Anthrax-Milzbranderreger, das wäre noch beherrschbar.

Und Pocken?

Wenn sie alt genug sind, haben Sie noch die Pockenschutzimpfung erhalten, die gab es ja bis 1977, glaube ich. Trotzdem, das wäre richtig bitter. Gegen Viren wirken nun einmal keine Antibiotika. Wir haben einige antivirale Mittel, aber auch keine Erfahrungen gezielt gegen Pocken. Weil es die ja eigentlich nicht mehr gibt.

Bleibt dann nur die Flucht?

Das wäre eher eine Gefahr, weil man dann andere Menschen auch noch infiziert. Deshalb muss man Flucht verhindern, sich um diese Menschen kümmern, und sie zusammenhalten.

Wie könnte sich der Einzelne denn schützen bei einer Virusepidemie?

Eigentlich nur durch Mundschutz und gesunde Lebensweise. Wenn man nicht betroffen ist, sollte man das Gebiet meiden .

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