Zeitung Heute : Bio-Terrorismus: Wie bedrohlich sind Biowaffen?

Adelheid Müller-Lissner

Die Angst ist längst da. Durch die Milzbrandfälle in Florida hat sie neue Nahrung erhalten, die Angst vor der Biowaffe in den Händen von Terroristen - vor Mikrolebewesen wie Bakterien, Viren, Pilze oder deren giftigen Stoffwechselprodukten, die gezielt verbreitet werden und bei Mensch und Tier schwere Krankheiten auslösen. Eine kleine Ampulle zum Beispiel, deren Inhalt in die Belüftungsschächte eines Wolkenkratzers gelangt: Die Welt wäre vermutlich erst eine Woche später aufgeschreckt, wenn der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September mit Pockenvirus-Konzentrat verübt worden wäre. Erst dann wäre klar gewesen, welche schreckliche Seuche die Betroffenen befallen hätte.

Wie groß ist diese Bedrohung? Wer derzeit von der Gefahr spricht, die von biologischen Waffen ausgehen könnte, tut dies selten, ohne etliche "Wenn" und "Aber" vorauszuschicken. Da sind zunächst die Hürden, die für einen solchen Anschlag zu überwinden wären. Die Pocken, der wohl gefährlichste Virus, sind offiziell nur in zwei Referenzzentren der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in Nowosibirsk und Atlanta, unter strengen Sicherheitsbedingungen gelagert. Es kursiert allerdings die Behauptung, dass sie auch an anderen Orten greifbar wären.

Die erste Schwierigkeit für Terroristen, die Bioanschläge planen, besteht also im Zugriff auf die Erreger. Zweite Hürde: Zur Vermehrung der Erreger und ihrer effektiven Nutzung als Waffen ist biologisch-medizinisches Know-how erforderlich. Beruhigend wirkt hier, dass die Aum-Sekte, die bei ihrem U-Bahn-Anschlag im Jahr 1995 einen chemischen Kampfstoff, das Nervengift Sarin, zum Einsatz brachte, mindestens sechs Mal vergeblich versucht haben soll, die wesentlich giftigeren Milzbrandbakterien in Tokio zu verbreiten. "Sie hatten viel Geld und eine hervorragende Logistik und haben es trotzdem nicht geschafft", sagt der Genetiker Erhard Geißler vom Max Delbrück Centrum für Molekulare Medizin in Buch, der die Geschichte der Biowaffen erforscht.

Den Verweis auf die fehlgeschlagenen Versuche will er allerdings nicht als Entwarnung missverstanden wissen. Krankheitserreger, die sich von selbst vermehren, sind billige Waffen, weshalb sie schon oft als die "Atombombe des kleinen Mannes" bezeichnet wurden. Sie eignen sich theoretisch als Mittel der "asymmetrischen Kriegsführung" gegen militärisch weit überlegene Staaten. Weil sie lautlos und mit Verzögerung wirken, können die Täter eher damit rechnen, unentdeckt zu bleiben: Die "Secret Clouds" (so der Titel eines Buchs zum Thema), die etwa von einem Flugzeug aus auf eine große Menschenansammlung niedergehen könnten, entfalten sichtbare Wirkungen erst nach Ende der Inkubationszeit der jeweiligen Erreger. Dann allerdings könnten sie schrecklich sein: Zwar wurden die amerikanischen Soldaten im Golfkrieg gegen Milzbrand geimpft, doch kann man nicht die gesamte Zivilbevölkerung gegen alle in Frage kommenden Stoffe schützen.

Ärzte würden aber die ungewohnten Infektionskrankheiten wahrscheinlich zunächst mit banaleren, gängigeren Infekten verwechseln, während die Erreger ungehindert weiter wandern. Der Biokatastrophenschutz muss nach Geißlers fester Überzeugung deshalb auf internationaler Ebene organisiert werden. Der Biowaffen-Experte Ken Alibek, der in seinem bewegten Leben erst für die Sowjetunion an der Entwicklung von biologischen Kampfstoffen arbeitete und heute in den USA Verteidigungsstrategien dagegen entwirft, sagte der Züricher "Weltwoche": "Unseren Berechnungen zufolge würden bis zu hunderttausend Menschen sterben, wenn fünfzig Kilogramm Milzbrandsporen über ein Gebiet mit 500 000 Bewohnern verteilt werden." Neben Menge und Qualität der Erreger sind Wetterbedingungen und die Form der Verteilung für den "Erfolg" ausschlaggebend.

Oder für den Misserfolg: Wenn sich Zehntausende in einem Fußballstadion versammelt haben, könnte die dicht gedrängte Menschenmenge als verlockendes Ziel eines Bioanschlags aus der Luft erscheinen. Doch über ihr bildet sich, wie Alibek erklärt, eine Wärmeglocke, an der die Erreger unverrichteter Dinge abprallen würden. Biowaffen sind theoretisch scharf, aber glücklicherweise in der Praxis nicht einfach zu bedienen. Erhard Geißler findet es denn auch momentan besonders schwierig, in der öffentlichen Diskussion den "schmalen Grat zwischen Beschwichtigung und Hysterie" zu finden. Doch genau der scheint der richtige zu sein.

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