Zeitung Heute : Bio-Textilien: Interview: Textiles Innenleben

Warum will Ihr Institut menschliche Organe aus Tex

Textilfasern sollen dabei helfen, menschliche Organe nachzubauen oder sie gleich ganz ersetzen. Wir sprachen über die Chancen des Projekts mit Professor Heinrich Planck (54), dem Direktor des Instituts für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf bei Stuttgart und Direktor des Deutschen Zentrums für Biomaterial und Organersatz.

Warum will Ihr Institut menschliche Organe aus Textilfasern nachbilden?

Weil die Menschheit immer älter wird und der Wunsch nach Lebensqualität auch im Alter wächst. Außerdem geht die Spenderbereitschaft weltweit zurück, so dass immer weniger Spenderorgane verfügbar sind. Deshalb versuchen wir, Organe und Körpergewebe quasi nachzubauen, etwa Haut, Knorpel, Blutgefäße oder innere Organe wie Leber und Bauchspeicheldrüse.

Wie muss man sich das vorstellen?

Nach einem Brandunfall etwa kann flächiges Gewebe nicht nur Verbrennungen abdecken. Es kann auch Trägermaterial sein für Kulturen mit Hautzellen des Patienten, die später zerstörtes Haut-Gewebe ersetzen sollen. Knorpelzellen lassen sich in einem dreidimensionalen Vliesstoff vermehren und können an passender Stelle eingesetzt werden, etwa als Nasenwand oder Ohrmuschel. Sogar eine Bauchspeicheldrüse lässt sich in ihrer Funktion als Insulinproduzent nachbilden, indem wir aus Textilfasern in Kombination mit Membranen eine Art Organhülle oder -gerüst bauen, in das Drüsenzellen, so genannte Inselzellen, eingesetzt werden. Sie stammen aus Bauchspeicheldrüsen von Schweinen.

Sind noch andere ersetzbare Organe denkbar?

Viele, und zum Teil gibt es sie schon. Beispielsweise werden von uns entwickelte Vliesstoffe bereits heute als Hirnhaut-Ersatz verwendet. Der Trend geht aber weg vom reinen Ersatz hin zur Regeneration natürlichen Gewebes oder gar zum so genannten Tissue Engineering. Dabei fertigen wir im Labor "Zwitter" aus einem Trägermaterial und lebenden Zellen, die später implantiert werden. Denkbar sind hier der Ersatz von Gelenkknorpeln, Knochen, Bändern und Muskeln.

Wird das Textilgewebe vom Körper nicht abgestoßen?

Nein! Die textilen Materialien selbst sind bioverträglich.

Wann werden ihre Entwicklungen einsatzfähig sein?

Textile Schlagader-Prothesen werden bereits seit Jahren klinisch eingesetzt. Der Hautersatz als Abdeckmaterial für Verbrennungen wird gerade klinisch erprobt. Die künstliche Bauchspeicheldrüse wird sicherlich in den nächsten vier bis fünf Jahren zur klinischen Anwendung freigegeben werden, wie auch der außerhalb des Körpers arbeitende Leberersatz, den wir entwickeln. An Ersatz-Systemen, etwa für Nerven oder Gelenkknorpeln, arbeiten wir gerade. Ein Ende ist noch nicht abzuschätzen, da Entwicklung und Erprobung zum Wohle der Patienten sehr exakt und aufwendig sein müssen.

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