Zeitung Heute : Bio-Textilien: Wenn die Hose einmal klingelt

Walter Schmidt

Es gab mal Zeiten, da sollten Kleider warm halten und vor Regen schützen. Später mussten sie auch noch hübsch aussehen. Das alles werden sie in Zukunft auch noch, aber wenn es nach dem Willen der Textilindustrie geht, werden andere Funktionen mindestens ebenso wichtig. Schon gibt es Sport-Büstenhalter mit integriertem Pulsmessgerät und einen Spezialanzug für Motorschlittenfahrer, dessen ein Kilo schwere Informatik-Komponente unter anderem den Herzschlag des Fahrers überwacht und bei kritischen Werten über ein Telefon Alarm auslöst. Eine Entwicklung, die europäischen Textilherstellern neue Marktchancen eröffnen könnte.

Zurzeit müssen die elektronischen Helfer noch eingesteckt oder eingenäht werden. "In ein paar Jahren aber wird die Textilfaser selber zum Sensor", sagt Martin Rupp, Direktor der Abteilung Bekleidungstechnik am Bekleidungsphysiologischen Institut Hohenstein. Dann wird man es der Jacke gar nicht mehr ansehen, dass sie mit Telefonen und Computern Daten austauschen. Chemie-Arbeiter werden dann in High-Tech-Anzügen stecken, die giftige Substanzen aufspüren und Alarm auslösen. Infarkt-Gefährdete können Kleidung tragen, die den Notarzt verständigt, wenn ihr Herz Probleme macht.

Emsig arbeiten Textilforscher, Biologen und Ärzte auch an Medizintextilien, die Krankheiten feststellen, melden, verhindern oder gar heilen können - so wie es eine mit Silber beschichtete Spezialfaser bei Neurodermitis-Patienten bereits erfolgreich tut. Textilien sollen sogar neues Hautgewebe aufbauen oder Organe ersetzen helfen. Unterschiedlichste Anwendungen wird es für Fasern mit Bio-Funktion auch dort geben, wo die Haut über Textilien medizinische Wirkstoffe aufnehmen oder vor Bakterien oder Pilzsporen geschützt werden soll.

Nachdem es schon heute Nikotin- oder Hormonpflaster gibt, könnten intelligente Medizinfasern der Zukunft an die Haut von Diabetikern kontinuierlich Insulin abgeben, aber auch Schmerzmittel oder Wirkstoffe gegen Rheuma. Und selbst als Impf-Stoffe im Sinne des Wortes lassen sich medizinische Gewebe denken, beispielsweise gegen die gängigen Kinderkrankheiten, wie Dirk Höfer, Leiter der Medizinforschung am Bekleidungsphysiologischen Institut Hohenstein, prophezeit.

Impfstoffe in der Kleidung

Eine Hilfe könnten Medizinfasern auch für vergessliche oder wenig disziplinierte Kranke sein, die zu faul sind, regelmäßig Pillen zu schlucken oder Salben aufzutragen. "Die Therapie-Müdigkeit der Patienten ist für Ärzte ein Riesenproblem", sagt Höfer. Gerade für Berufstätige sei es "sehr umständlich, sich dreimal am Tag in der Toilette einzuschließen, um sich dort einzusalben". Medizinfasern schüfen Abhilfe, weil sie ihren Wirkstoff gleichmäßig und sogar nachts an die Haut des Kranken abgeben könnten.

Das würde kein entsprechend präparierter Schlafanzug sein, der Falten wirft und Wirkstoffe darum nur unvorhersehbar an die Haut abgäbe, weshalb er bei der Zulassung "überhaupt keine Chance hätte", wie die Pharmakologin Katrin Risch vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn urteilt. Realistischer sind eng anliegende Umschläge, Pflaster oder Binden mit Arzneimittel-Depot. Nur sie könnten gewährleisten, dass Wirkstoffe vorherbestimmbar von der Haut aufgenommen werden. Dieser Vorgang hänge "unter anderem von der natürlichen, bakteriellen Hautflora ab und davon, wie stark jemand schwitzt", sagt der Biologe Michael Doser, der den Bereich Biomedizintechnik am Institut für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf bei Stuttgart leitet.

Skeptisch gegenüber Hemden oder Strümpfen mit Arzneimitteln ist der Mikrobiologe Hans-Jürgen Tietz von der Hautklinik der Charité in Berlin - so reizvoll er die Idee einer Socke mit Anti-Fußpilz-Mitteln fände. Solche Wirkstoffe seien "unter genau definierten Bedingungen getestet worden", sagt Tietz und meint damit zum Beispiel das Verhältnis von Dosis und Wirkung. Es sei schwer zu steuern, wie viel Wirkstoff in welcher Zeit in die Haut des Kranken übergeht.

Bevor Medizinfasern auf die Menschheit losgelassen werden, müssen sie zudem auf unerwünschte Nebenwirkungen abgeklopft werden. So wäre bei antibakteriell wirksamen Textilien sicherzustellen, dass die gesunde Hautflora nicht beeinträchtigt wird. Abgetötet werden sollen schließlich nur krankmachende Keime.

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