BIOGRAFIE : Das Erbe des Erfinders

Konrad Zuse begründete eine Wissenschaft, die sich so rasend entwickelt wie kaum eine andere

Bernd Mahr

Die Wissenschaft der Informatik kann sich trotz ihrer jungen Geschichte auf außerordentliche technische Erfindungen und Entwicklungserfolge berufen. Sie hat weit tragende Ideen und Theorien formuliert und ihre grenzübergreifenden Anwendungen haben große Wirkungen erzielt. Mit immer neuen Generationen der Informationstechnik hat sie zu globalen gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen beigetragen. Ein Beispiel für das spiralförmige Fortschreiten der informationstechnischen Unterstützung unseres Lebens ist das Internet.

Konrad Zuse war kein Informatiker. Er studierte an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg, wo er 1935 das Diplom als Bauingenieur erhielt. Nach seinem Studium beschloss er, Computererfinder zu werden, und so begann der vielseitig begabte und interessierte Diplomingenieur 1936 im Wohnzimmer seiner Eltern mit dem Bau der Z1, der weltweit ersten programmgesteuerten Rechenmaschine mit binärer Gleitkommaarithmetik. 1941 war die Z3 der erste vollständig funktionsfähige Computer der Welt fertig. Erst einige Jahre nach Zuses Erfindung wurden auch in England und in den USA programmgesteuerte Rechenmaschinen gebaut, gefördert vom Militär und mit besserer Technologie. Aber man wusste nichts voneinander. Die Geschichte und die Lebensumstände Konrad Zuses sind bekannt.

Nach dem Krieg kamen zunehmend wissenschaftliche und kommerzielle Anwendungen in den Blick. Aber anders als in den USA konnte die Vision einer informationstechnischen Zukunft in Deutschland jedoch nur langsam Fuß fassen. Seit 1952 förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit ihrem Schwerpunktprogramm „Rechenanlagen“ und mit dem „Rechenanlagen-Beschaffungsprogramm“ wissenschaftliche Anwendungen der Datenverarbeitung. Mit den 1967 begonnenen drei aufeinander folgenden „DV-Programmen“ unterstützte die Bundesregierung die Verbreitung informationstechnischer Infrastrukturen in der Wirtschaft und an den Universitäten. Erst seit 1969 wurde an deutschen Universitäten mit der Gründung von Fachbereichen und Studiengängen die Informatik als wissenschaftliche Disziplin in Forschung und Lehre aufgebaut.

Die TU Berlin gehörte mit der Gründung ihres Fachbereichs 20 (Kybernetik) im Dezember 1970 zu den ersten Universitäten, die Informatik als eigenständiges Studienfach anboten. Das Maß aller Forschung und Lehre waren damals jedoch die USA. Die Berliner Informatik hatte allerdings schnell Kontakte zu führenden amerikanischen Wissenschaftlern und konnte sich dadurch schon bald auf internationalem Niveau an der wissenschaftlichen Entwicklung des Fachs beteiligen, vor allem in den Gebieten der Rechnerarchitektur, der Softwaretechnik und der Theoretischen Informatik. Dieser internationalen Orientierung ist sie bis heute gefolgt.

Und doch war Zuse ein Informatiker, vermutlich sogar der Erste. Denn er baute ja nicht nur die ersten Computer, sondern formulierte 1945 mit dem „Plankalkül“ auch die erste höhere Programmiersprache, zehn Jahre bevor die Sprachen „Fortran“ und „Cobol“ definiert wurden. Der Pioniergeist, der Zuse in schwierigen Zeiten auszeichnete, war dreißig Jahre später beim Aufbau der Informatik in Berlin wieder gefragt, wenn auch in anderer Form: Zuse war ein Erfinder mit einem Team von Mitstreitern, die Kybernetik war eine universitäre Einrichtung mit wissenschaftlichen Mitarbeitern.

In den Verbundprojekten der Exzellenzinitiative wird dieser Pioniergeist heute wieder gesucht. Aber auch hier hängt die Entwicklung der Informationstechnik und ihrer Anwendungen wesentlich von den Visionen und Tugenden einzelner Forscher ab. Denn immer noch setzt der wissenschaftliche Erfolg individuelle Überzeugung und Leistung voraus. Nur ist er heute ohne Disziplinen übergreifende Zusammenarbeit und hohe Innovationsgeschwindigkeit nicht mehr zu haben. Es ist gerade dieser Erfolgsdruck, der die Informatik im Vergleich zu einigen anderen Wissenschaften atemlos macht.

Drei Faktoren haben die informationstechnische Entwicklung in besonderem Maße geprägt: die Miniaturisierung der Hardware, die Erhöhung von Rechengeschwindigkeit und Speicherkapazität, und der Preisverfall, durch den Informationstechnik von unglaublicher Leistungskraft für jedermann verfügbar wird.

Der weltweit schnellste Rechner, der „Jaguar“ der Firma Cray, führt in einer Sekunde eine Billiarde Operationen aus. Die Z1 brauchte für eine einzelne Operation noch fünf Sekunden. Wir können heute im Handel für ein paar Hundert Euro ein handgroßes Gerät erwerben, das es erlaubt, eine Milliarde Druckseiten Text zu speichern oder die Bilddaten von 300 abendfüllenden Filmen. Und die Kommunikationstechnik ermöglicht es, fast überall auf unübersehbar große Datenmengen zuzugreifen.

Im Vordergrund der Forschung und Entwicklung stehen deshalb schon lange nicht mehr die Programmierung, sondern neuartige Formen der Informationsverarbeitung, vor allem die Modellierung und die semantische Beherrschung großer Mengen von Bild- und Sensordaten. Dadurch trägt die Informatik zunehmend Züge einer technisch realisierten Philosophie und Statistik. Denn die Methoden der Analyse und Modellierung haben sich im Laufe der Zeit ebenso gewandelt, wie deren Themen. Es gibt kaum eine aktuelle Frage der Philosophie, die in der Informatik nicht auch als technische Herausforderung gesehen wird: Wissen, Bildverstehen, Bewusstsein, Urteil oder Gestaltung, um nur einige zu nennen.

Daten und Rechenkapazität umgeben uns schon heute in einer Weise, die nur mit der Allgegenwart der Natur vergleichbar ist. Die Fragen der Naturwissenschaften nach Erklärung und Vorhersagbarkeit haben zunehmend ihre Entsprechungen in der Informatik – auch wenn sich die Fragen hier auf Artefakte beziehen, das heißt auf etwas, das von Menschen gemacht ist und mit einem Zweck verbunden. Beispiele dafür sind der durch Links vernetzte Dokumentenbestand des World Wide Web, die Bilddaten komplexer Simulationen, etwa für das Klima oder das Wetter sowie die zahlreichen Dienste im Internet.

Die Informationstechnik, die sich zunehmend in den Vordergrund der Lebenswelt drängt, hat aber auch Folgen für den Menschen. Denn die Technik, die uns umgibt und die wir gebrauchen, verändert uns: Sie „verbessert“ uns, wie es im Amerikanischen heißt, ergänzt uns, ersetzt uns, bereichert uns um Mittel und versieht uns, vor allem in der Kombination mit anderen Techniken, mit Potenzialen von ungeheuerem Ausmaß. Deshalb muss diese Technik aber auch zu den Möglichkeiten des Menschen passen. Aber welche sind diese? Die Informatik an der TU Berlin, die seit 2001 mit der Elektrotechnik eine gemeinsame Fakultät bildet, ist sich dieser Fragen bewusst. Sie hat vor zwei Jahren das Innovationszentrum „Human Centric Communication“ gegründet mit dem Ziel, dem Menschen, gleich welcher sozialen Schicht, einen intuitiven Zugang und Umgang mit Informationen zu ermöglichen.

Der Autor ist Professor an der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik und lehrt das Fachgebiet Formale Modelle, Logik und Programmierung.

Konrad Zuse wurde am 22. Juni 1910 in Berlin geboren. Nach dem Abitur in Hoyerswerda begann er an der Technischen Hochschule, der heutigen TU Berlin, ein Studium in Maschinenbau.

Zuse war künstlerisch sehr begabt, malte und fotografierte. Wohl auch deshalb wechselte er vorübergehend zur Architektur, bevor er im Bauingenieurwesen seinen Abschluss machte.

1941 baute er mit dem „Z3“ den ersten universellen Computer der Welt, der bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Nach dem Krieg konstruierte er mit seiner Firma Zuse KG zahlreiche weitere Computer. Er starb 1995 in Hünfeld bei Fulda. nes

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