Zeitung Heute : Biografie einer Ikone

3200 Jahre ruhte Nofretete im Wüstensand in Tell el-Amarna, doch dann begann eine abwechslungsreiche Reise durch Deutschland

Rolf Brockschmidt

Der Eintrag im Grabungstagebuch des Architekten und Ägyptologen Ludwig Borchardt vom 6. Dezember 1912 klingt zunächst sehr sachlich. Zu Fund Nummer sieben notiert er: „. . . lebensgroße bemalte Büste der Königin, 47 cm hoch. Mit der oben gerade abgeschnittenen blauen Perücke (die Helmkrone), die auf halber Höhe noch ein umgelegtes Band hat. Farben wie eben aufgelegt. Arbeit ganz hervorragend.“ Und dann weiß der Archäologe in seiner Begeisterung nicht mehr weiter: „Beschreiben nützt nichts, ansehen.“

Die deutschen Wissenschaftler in Tell el-Amarna, 300 Kilometer südlich von Kairo, waren außer sich vor Begeisterung. Und sie waren zunächst unsicher, ob sie diesen Fund bei der üblichen Teilung nach Ende der Grabung für Berlin sichern könnten. Dass die deutschen Ägyptologen überhaupt diesen Fund vor über 90 Jahren im Haus P 47 in Raum 19 des Bildhauerateliers von Thutmosis machen konnten, haben sie auch der Weitsicht des Mäzens James Simon (vgl. Beitrag unten) zu verdanken. Der vermögende Baumwollhändler aus Berlin war einer der Hauptfinanziers der Deutschen Orient-Gesellschaft, die mit Grabungen in Babylon und Palästina recht erfolgreich war. Der Preußischen Akademie der Wissenschaften war es ein Dorn im Auge, dass England und Frankreich in Ägypten diplomatisch und finanziell abgesichert archäologisch aktiv waren. Auf Betreiben der Akademie wurde 1898 Ludwig Borchardt zum Wissenschaftlichen Attaché am kaiserlichen Generalkonsulat in Kairo ernannt. Damit begannen die ersten deutschen Grabungen in Ägypten in der Nähe der Pyramiden von Giseh, die bis 1901 privat finanziert wurden.

Borchardt wandte sich nun an die DOG und bat um Unterstützung, damit die Grabung nicht in fremde Hände falle. Der Appell an Nationalgefühl und Weltgeltung fruchtete, wie Olaf Matthes in seiner Biografie über James Simon schreibt. Simon sah nicht nur die nationale Frage, sondern auch die Möglichkeit, durch spektakuläre Funde die Mitgliederzahl der DOG zu erhöhen und deutschen Museen wertvolle Kulturgüter zu sichern. Simon finanzierte nun auch die ägyptischen Grabungen, die äußerst ertragreich waren und damit aber immer höhere Transportkosten nach Deutschland verursachten, was die DOG in finanzielle Nöte brachte. Dadurch wurde auch die geplante Grabung in Tell el-Amarna immer wieder verschoben. Als aber 1906 die ersten hochwertigen Kunstobjekte aus Tell el-Amarna auf dem Kunstmarkt angeboten wurden, war Eile geboten, denn auch Franzosen und Amerikaner waren an einer Grabungslizenz interessiert. Doch Borchardt sicherte sich die Erlaubnis. Da die finanziellen Probleme der DOG nicht abnahmen, entschloss sich James Simon, die Grabung selber zu beantragen und dann die DOG mit der Ausführung zu beauftragen. Das hatte zur Folge, dass die anfallenden Funde nach der Teilung in seinen Besitz übergingen.

1911 konnte Borchardt endlich mit der Arbeit beginnen. Das heutige Tell el-Amarna war die von Amenophis IV. neu gegründete Hauptstadt Acheton des ägyptischen Reiches. Er schaffte die vielen Götter ab und verschrieb sich dem einen Gott Aton. Nofretete – was Nafteta ausgesprochen werden soll – war Echnatons Frau, die auf vielen Darstellungen erstmals gleichberechtigt mit dem Pharao abgebildet wurde. „Schön von Angesicht, Besitzerin des Glücks, ausgestattet mit der Gunst zu hören, deren Stimme einen erfreut, Königin der Anmut, erfüllt von Liebe, Beglückerin der Herrscher beider Länder“ – so ließ er sie beschreiben. 1338 vor Christus stirbt Nofretete, die Herstellung ihrer berühmten Büste wird auf das Jahr 1345 vor Christus geschätzt.

Nach dem spektakulären Fund im Atelier des Bildhauers wird die Königin getrennt von den übrigen Funden nach Berlin geschickt, wo sie Ende Februar 1913 eintraf. Danach wurde sie für einige Monate in Simons Privatwohnung in der heutigen Bundesallee aufgestellt. Die Bedeutung der Amarna-Funde sollte auf Borchardts Rat nicht zu hoch gespielt werden, um auch in Zukunft bei der Verteilung von Grabunglizenzen mithalten zu können. Von der Büste wurden Kopien hergestellt, und dann wanderte das Original ins Depot des Ägyptischen Museums. Bevor am 3. Oktober 1913 im Neuen Museum die Tell-Amarna-Ausstellung eröffnet wurde, bekam der Kaiser bei einer privaten Führung die „bunte Königin“, wie sie jetzt genannt wurde, zu sehen und zudem von Simon eine Kopie überreicht. So sicherte er sich die Unterstützung des Kaisers für die Ausgrabungen. Schon die kurze Präsentation der Amarna-Funde hatte die Ägyptenbegeisterung in Deutschland geweckt. 1920 schenkte Simon seine Amarna-Funde dem Ägyptischen Museum, das sie von nun an in einer Dauerausstellung zeigte. Erst 1923 zog Nofretete aus dem Dunkel des Depots in die Ausstellung und wurde dort zu einem Besuchermagneten. Die Ägypten-Begeisterung bekam durch die Schöne vom Nil einen neuen Kick. Angebote der Ägypter, Nofretete gegen hochwertige Kunstwerke zurückzutauschen, wurden immer wieder unternommen und 1933 endgültig abgelehnt.

1943 wurde sie in die Saline Kaiserroda im Harz ausgelagert. Zwei Jahre später entdeckten die Amerikaner die Kunstschätze und brachten sie in das Hessische Landesmuseum nach Wiesbaden, wo sie einen „collecting point“ für Kulturgüter eingerichtet hatten. Dort wurde sie 1946 für kurze Zeit ausgestellt. Ägyptische Forderungen nach Rückgabe der Büste lehnte die amerikanische Militärregierung im Dezember 1946 ab. Erstens gehöre sie nicht zu den seit 1939 geraubten Kunstwerken und zweitens sei dies Sache einer demokratisch gewählten deutschen Regierung. Sogar Rommels Marschallstab wurde nach dem Krieg im Tausch angeboten, schreibt der Berliner „Telegraf“ 1956 vor der Rückkehr.

1956 rüsteteten sich die Staatlichen Museen in Dahlem, die Königin zu empfangen. Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“ musste weichen, damit Majestät einen angemessenen Platz bekommt. Am 24. Juni 1956 schafft es Nofretete sogar auf die Titelseite des damals bilderarmen Tagesspiegel. Das Foto zeigt den Museumschemiker Bittner mit der Büste, der schon die Verlagerung nach Thüringen organisiert hatte und nun den sicheren Rücktransport per Flugzeug von Frankfurt nach Berlin begleitet hatte.

Dahlem sollte die erste Station einer langen Reise durch Berlin werden. Im Oktober 1967 musste Nofretete in den östlichen Stülerbau am Schloss Charlottenburg umziehen, wo das zweite Ägyptische Museum in der geteilten Stadt wieder eröffnet wurde. Mehr als 14 Millionen Besucher haben sie bisher in Charlottenburg gesehen. Nun werden die Besucherströme zum Kulturforum umgelenkt, wo Nofretete vom 2. März an bis zum 2. August 2005 residieren wird. Damit ist die Wanderschaft aber noch nicht beendet. Vom 3. August 2005 an wird sie im ersten Obergeschoss im Alten Museum auf der Museumsinsel, wo dann das Ägyptische Museum eine neue Bleibe finden wird, vorübergehend zur Ruhe kommen. Im Oktober 2009 wird sie nach 86 Jahren und vielen Stationen endlich wieder im Neuen Museum ihren endgültigen Standplatz finden. Keine große Zeitspanne im Leben einer Königin, die mehr als 3300 Jahre alt ist.

1912 Entdeckung in Tell el-Amarna

1913 Ankunft in Berlin. Lagerung im Depot des Ägyptischen Museums

1923 Präsentation im Ägyptischen Museum (Neues Museum).

1943 Auslagerung Saline Kaiserroda /Harz

1945 Aufbewahrung

unter amerikanischem Schutz in Wiesbaden

1956 Rückkehr nach Berlin-Dahlem

1967 Umzug nach Charlottenburg ins Ägyptische Museum

2005 Umzug zum

Kulturforum

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