Biologische Revolution : Aus der eigenen Haut geraten Von Peter von Becker

Ist es wahr, dann ist es weit mehr als nur ein Wimpernschlag in der vieltausendjährigen Menschheitsgeschich- te. Dann wurde dieser Tage im reißend beschleunigten Fortschritt der Biowissenschaften eine historische Marke gesetzt.

Aus der Hautzelle eines erwachsenen Mannes und der vom eigenen Erbgut „entkernten“ Eizelle einer jungen Frau haben Forscher in Kalifornien nach eigenen Angaben einen embryonalen Klon erzeugt – also einen ersten Menschen geklont. Genauer gesagt: einen werdenden Menschen, der es wohl über die zellulare Existenz nie hinausbringen wird und alsbald wieder im Abfall des amerikanischen Labors verschwindet. So, wie es bei dem Experiment zahlreichen anderen, mithilfe der Eizellen von drei namenlosen Frauen entstandenen Embryonen erging.

Schon diese schiere Mitteilung zeigt, dass hier Gedanken zu Taten wurden, deren moralische und medizinische Umstände nicht erst seit dem Klonschaf Dolly und den gefälschten Menschenklonen eines koreanischen Möchtegern- Frankensteins unsere alte Gattung weit hinaus über die Grenzen der Naturwissenschaft erschüttert, umtreibt und manche Zeitgenossen auch mit ungeheuren Zukunftshoffnungen begeistert. Ungeachtet aller Motive gilt für den Vorgang in Kalifornien: Menschen wurden hier auch zum Menschenmaterial, zur Biomasse. Nach deutschem Recht wären diese Forschung und ihr Ergebnis nicht möglich gewesen. Hinzu kommt die Vorstellung von einem künftigen Menschen, der als Klon kein einzigartiges Individuum mehr wäre, sondern ein Duplikat. Ein mögliches Serienmodell.

Interessanter jedoch als diese allgemeine Klon-Debatte ist am jüngsten Beispiel der Blick auf das, was das Ergebnis im amerikanischen La Jolla auch als Erfolg erscheinen lässt. Es geht ja um die Aussicht, irgendwann einmal für erkrankte Menschen neue, körperverträgliche Organe aus den eigenen Zellen zu gewinnen. Womöglich auch ohne „therapeutisches“ Klonen. Das ist der konkrete medizinische, zugleich kommerziell verheißungsvolle Aspekt. Im Klon von Kalifornien aber ist aus der Haut eines Erwachsenen auch ein Stück neugeborenes Leben entstanden. Der Clou des Klons ist also jene magische Reise zurück an den Anfang, ist das Anhalten oder gar Rückdrehen der inneren Lebensuhr.

Dies rührt an einen Traum der Menschheit. Seit wir denken können und daher wissen, dass wir sterblich sind, gibt es die meist lebenslänglich verdrängte Angst vor dem eigenen Tod. Aus dieser Angst und aus der Hoffnung auf eine Neugeburt oder ein jenseitiges ewiges Leben sind die Religionen entstanden und die Visionen vom Jungbrunnen; ebenso die Masken und Prothesen der Kosmetik und Schönheitsindustrie, das von Altägypten bis zu den Gefriersärgen von Hollywood reichende Mumifizierungsgewerbe. Und die Verheißungen der neuen Biotechnologie.

Wird nun die metaphysische Sehnsucht nach der unsterblichen Seele zum physischen Projekt des überdauernden Körpers, dann freilich verbinden sich Traum und Alptraum. Abgesehen von ganz neuen existenziellen Verteilungskämpfen und der Überbevölkerung, wird man kaum wissen, ob ein Methusalem mit der Innenausstattung eines Fünfundzwanzigjährigen nun springlebendig ist oder nur ein Untoter. Oscar Wildes Dorian Gray zerbrach einst am Bildnis seiner ewigen Jugend. Alterslos glücklich? Schon heute ist es ein Fragezeichen von morgen.

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