BIOPIC„Milk“ : Der Hoffnungsträger

Nadine Lange

Das schönste Geschenk zum 40. Geburtstag macht sich Harvey Milk selbst: In einer New Yorker Subway-Station spricht er den hübschen Scott an und nimmt ihn mit nach Hause. Was erst wie ein OneNight-Stand aussieht, wird eine lange Liebesgeschichte. Gemeinsam ziehen die beiden 1972 nach San Francisco und eröffnen ein Fotogeschäft im Arbeiterviertel Castro. Die schwulen Hippies werden sehr kühl empfangen. Auch sonst läuft einiges im Viertel nicht, wie Milk sich das vorstellt. Also startet er seine ersten Aktionen und wird sechs Jahre später zum ersten offen schwulen Stadtrat der USA.

Milk ist eine Ikone der Homobewegung. Sein Leben war bereits Grundlage eines Buches, einer Dokumentation und einer Oper. Doch erst Gus Van Sants achtfach oscarprämiertes Biopic wird diesen mutigen Mann auch außerhalb der Szene bekannt machen. Sein Film ist ein bewegendes Denkmal, das in jeder Sekunde überzeugt. Das liegt vor allem am hervorragenden Drehbuch von Dustin Lance Black, der vier Jahre lang an seinem Skript arbeitete und dabei von vielen Weggefährten Milks unterstützt wurde.

Die fiebrig-freudige Stimmung in Milks Fotoladen, der zur Wahlkampfzentrale umfunktioniert wird, ist ebenso authentisch und mitreißend wie die Inszenierung seiner Reden. Diese begannen stets mit dem Satz „My name is Harvey Milk and I wanna recruit you“. Wenn Van Sant das aus der Menge heraus filmt, hat man das Gefühl, selbst dabei zu sein. Es ist leicht, Fan dieses eloquenten und witzigen Typen zu werden, den Sean Penn unter Aufbietung seines gesamten Könnens verkörpert. Er gilt zu Recht als aussichtsreicher Oscarkandidat.

Für seine Jugenddramen „Paranoid Park“, „Last Days“ und „Elephant“ hatte Van Sant zuletzt einen fast meditativen Stil entwickelt. Hier nun erzählt er ganz traditionell, kompliliert höchstens einmal kleine Collagen aus Flugblättern und TV-Aufnahmen. Seine Regie steht vollkommen im Dienste des Porträts. Er schafft es sogar, Milks Privatleben plausibel zu skizzieren und seinen politischen Konkurrenten Dan White differenziert zu zeichnen.

„Milk“ hat zudem eine traurige Aktualität: In Kalifornien, Arizona und Florida wurden Homo-Ehen kürzlich verboten, Berlin hat gerade eine Gewaltserie gegen Schwule und Lesben hinter sich und „Schwuchtel“ ist immer noch ein Top-Schimpfwort auf Schulhöfen. Dagegen hilft leider auch kein schwuler Bürgermeister. Bewegend. Nadine Lange

„Milk“, USA 2008, 128 Min., R: Gus Van Sant, D: Sean Penn, Emile Hirsch, Josh Brolin, James Franco

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar