Zeitung Heute : Biotope pflegen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Endlich haben wir wieder einen Amerikaner, den wir loben, einen „Bearleener“, den wir lieben können: Jeffrey Eugenides. Mit seinem Roman „Middlesex“, hoch gelobt und Pulitzer-Preis-gekrönt, hat der Schriftsteller Schöneberg fast so berühmt gemacht wie einst der amerikanische Präsident; aber im Unterschied zu Kennedy sagt Eugenides nicht nur, dass er Bearleener ist – er wohnt tatsächlich hier. Dabei kam er eigentlich nur kurz, mit einem Stipendium nach Berlin. Aber dann ist er einfach nicht wieder gegangen: weil es ihm so gut gefiel. So gemütlich hier, hat Eugenides in vielen Interviews zum deutschen Erscheinen seines Romans erzählt. Und dass er West-Berliner aus Überzeugung sei: weil er Schöneberg viel schöner als Mitte findet.

Blühende Landschaften hatte Helmut Kohl dem Osten ja versprochen, was daraus wurde, wissen wir. Schöneberg hat niemand was versprochen. Im Gegenteil: Das Zentrum der westlichen Stadt wurde plötzlich zur altbackenen Peripherie erklärt, das Rathaus, vor dem Kennedy vor 40 Jahren seine berühmte Rede hielt, zum Bezirksamt degradiert. Und doch blühen heute Landschaften hier. Aus Hundeklos wurden kleine Biotope, in der Akazienstraße hat jeder Baum einen eigenen Garten, mal grün, mal blümchenblühend bunt. Und immer mit Zäunchen. Müssen die Hunde halt anderswo hin.

Irgendwie wirkt die ganze Straße wie ein Biotop. Während die Gegend um den Ku’damm immer mehr an Individualität verliert, hat die Akazienstraße Charme und Charakter. In diesem Bilderbuch der Urbanität kann man wohnen, ausgehen und einkaufen in kleinen Cafés, Restaurants und Läden, Buchhandlungen, Chocolaterien, französischen Feinkost- und englischen Schuhgeschäften, Copyshop und Kirche liegen vis-à-vis… Und mittendrin Eugenides’ Lieblingskneipe: der Felsenkeller, der weder Fels noch Keller ist, ein lebendiges Biotop mit Patina. Eine holzgetäfelte Kneipe, wo es Berlins beste Würstchen mit Kartoffelsalat gibt (von der Chefin selbst gemacht), wo die Preise so zivil wie die Portionen üppig sind, wo man sogar, ganz unamerikanisch, Zigaretten kaufen kann. In der alten Vitrine liegt eine ganze Kollektion bereit. Und wenn Sie die Herrschaften am Tischchen rechts vom Damenklo nett bitten, öffnen die Ihnen auch die Tür zur Kunst: In der Wand verbirgt sich eine kleine Installation. Denn Künstler und Intellektuelle gehören ebenso wie Nachbarn aus dem Kiez zum Stammpublikum.

Ein bisschen hanseatisch wirkt das schmale Lokal, mit der Schiffsglocke und den alten Schildern der deutsch-amerikanischen Schifffahrtslinie. Aber haben wir uns Berlin nicht immer genau so vorgestellt: hinten der Ku’damm und vorne das Meer? Ach, dass es so was noch gibt, eine gemütliche Kneipe ohne Musik, in die man zum Reden, Zeitunglesen, Würstchenessen und Kartenspielen geht! Und wenn ein Trendscout kommt, der den Felsenkeller für hip erklärt, wird er wieder rausgeschickt.

So was gehört unter Denkmalschutz. Aber schleunigst. Denn alle halbe Jahr ist der Felsenkeller vom Abriss bedroht. Bearleener vereinigt Euch! Das Biotop muss leben.

Felsenkeller, Schöneberg, Akazienstraße 4. Jeffrey Eugenides, „Middlesex“, Rowohlt Verlag, 24,90 Euro.

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