Birma : Auf der Straße nach Süden

Dort, wo der Zyklon am heftigsten wütete, will Birmas Regierung keine Ausländer sehen. Wer trotzdem ins Irrawaddy-Delta möchte, muss einfach losfahren – und sich auf das Schlimmste gefasst machen. Protokoll einer gefährlichen Reise

Richard Licht[Pyapon Birma]

In aller Frühe geht es los. Irgendwo in einem Vorort von Rangun. Zwischen Wasserflaschen, Seifenbündeln und Dieselkanistern, die Beine angezogen unter der Plane eines Lasters, der normalerweise Reis transportiert. Es geht ins Todes-Delta, Richtung Süden, dorthin wo der Zyklon Nargis am schlimmsten wütete.

Wer den Laster fährt, muss geheim bleiben. Denn im Irrawaddy-Delta im Südwesten Birmas will die Regierung auch anderthalb Wochen nach dem Zyklon keine Weißen sehen. Die internationalen Hilfsorganisationen sind gerade angewiesen worden, alle Weißen von dort abzuziehen. 24 Stunden Zeit hat die Regierung ihnen gegeben. Eine Begründung gab es nicht. Nur 160 Mediziner aus asiatischen Nachbarstaaten dürfen in dem 15 000 Quadratkilometer großen Gebiet arbeiten. Dabei brauchen zwischen anderthalb und zweieinhalb Millionen Überlebende Hilfe. Das haben die Vereinten Nationen aus den Berichten der Helfer von 23 internationalen Organisationen hochgerechnet. Die Zahl der Toten und Vermissten liegt zwischen 68 000 und 182 000. Genau weiß das niemand.

Draußen regnet es. Die Straße hat längst aufgehört, diesen Namen zu verdienen. Eigentlich gibt es für das, was da vom Himmel fällt in der europäischen Vorstellung keine Bezeichnung. Es sei denn, man will biblisch werden. Die Eisenketten schlagen an die Holzplanken des Lasters, die Schlaglöcher werden tiefer. Die beiden birmanischen Begleiter reden wenig in diesen Stunden. Doch als einer wieder einmal herumgeschleudert wird, platzt es aus ihm heraus: „Das größte Problem ist unsere Regierung. Sie haben nur fünf Helikopter. Damit fliegen sie ins Delta. Filmen, wie sie ein paar Lebensmittel austeilen. Das ist alles nur Show. Unsere Regierung bringt gerade ihre Leute um.“ Es ist selten, dass Birmanen so offen sprechen. Der zweite Mann sagt: „Wir müssen unsere Regierung so schnell wie möglich loswerden. Was sie tut, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Er hofft auf Druck aus dem Ausland. Mancher meint, das sei auch ein Problem des Buddhismus. Wer immer an ein nächstes, besseres Leben glaubt, wird in diesem Leben viel ertragen. Vielleicht zu viel.

Ein Reifen ist platt und muss gewechselt werden. Es hat aufgehört zu regnen, aber das Wasser reicht immer noch bis an den etwas erhöhten Straßenrand. Im Schlamm grunzen ein paar schwarze Schweine. Die Hütten der Menschen standen nur ein paar Meter weiter auf den Feldern, ein Gewirr aus Gestrüpp zeugt noch davon. Jetzt campieren sie halb auf der Straße, halb auf der Böschung. Viele haben sich aus Palmenstämmen Zelte gebaut, andere haben Wellblechteile zu einer notdürftigen Unterkunft zusammengebastelt. Auf der Fahrbahn liegt Reis ausgebreitet, er soll trocknen, wenn es gerade einmal nicht regnet. Denn wenn die Körner keimen, taugen sie nur noch als Viehfutter. Und die Straße ist der einzige einigermaßen trockene Ort. Allerdings mögen auch Schlangen es gern trocken – und die sind in Birma oft giftig.

Bei der Welthungerhilfe heißt es, bisher hätten wohl weniger als zehn Prozent der Bedürftigen Hilfe bekommen. Dabei seien die Lagerhäuser voll. Die meisten Organisationen haben gar nicht so viele einheimische Mitarbeiter, wie nötig wären. Die Regierung gibt kaum Zahlen heraus, nur Fernsehbilder von Soldaten im Laufschritt, die Hilfsgüter schleppen. Und Listen, was alles noch gebraucht wird.

Es geht weiter. Hinter Pyapon, auf halben Weg zwischen Rangun und Bogolay, sind selbst viele Häuser aus Stein eingestürzt. Hier soll der Zyklon die schlimmsten Verwüstungen hinterlassen haben. Von einem Haus steht nur noch eine Wand und ein paar Streben. Daran haben die Bewohner Decken befestigt, als Schutz. In der Nähe ragt ein Basketballkorb aus den Trümmern. Stopp an einem Kloster. Es gibt unzählige im Delta – und als das Wasser kam, flüchteten die Menschen zu den Mönchen. Hier sind es mehrere tausend Flüchtlinge. Dabei sind große Teile des Klosters zerstört. Von einem Gebetsraum gibt es noch anderthalb Wände, der Buddha auf dem weißen Altar immerhin ist unbeschadet. Ein junger Mönch müht sich, mit einem Besen den Boden zu säubern. Ein Zweiter kauert unter einem Stück Wellblech. Der große Andachtsraum in der Mitte ist als solcher gar nicht mehr zu erkennen. Das Dach ist komplett abgedeckt, eine Längswand hängt windschief Richtung Hof. Selbst im Raum des Abts hängt die Deckenverkleidung in Fetzen herab. Und die schmale Kerze vor der Buddhastatue ist so nass, dass sie sich kaum anzünden lässt. Der Regen setzt wieder ein.

Draußen schwirren leise die Stimmen der Flüchtlinge. Kein lautes Wort, kaum ein weinendes Kind. Seit gut einer Woche leben sie auf jedem Flecken, der irgendwie Schutz bietet. Aus Planen, die sie ergattert haben, haben sie so etwas wie Wände gemacht. Der Regen peitscht jetzt lauter. Es kommen weitere Flüchtlinge. Sie hatten bisher in ihren zusammengefallenen Hütten ausgeharrt, aber jetzt, bei diesem Regen? Eigentlich ist das Kloster längst voll.

Weiterfahrt. Irgendwo zwischen Pyapon und Bogolay bricht die Nacht herein. Das Lager: Ein kleiner Raum mit einer Pritsche und einer Strohmatte, kaum mehr als einen Meter breit. Kein Licht. Die Toilette liegt hinter einem Berg von Trümmern. Nebenan drängen sich Flüchtlinge. Für sie ist es gefährlich, dass die Weißen da sind. Draußen trommelt immer noch der Regen. Die Kleider bleiben klamm. Es ist schwer, einzuschlafen. Sind es fünf Minuten, eine Stunde, zwei? Moskitos summen. Langsam kriecht die Kälte die Arm hoch. Wie schläft man so jeden Tag?

Gegen fünf kräht ein Hahn. Es schüttet immer noch. Hell wird es noch nicht. Aber der Hahn hört nicht auf. Draußen hocken Flüchtlinge mit einer Schüssel Wasser. Sie waschen sich, putzen die Zähne. Es klopft an der Tür. Fünf dunkle Augenpaare gucken durch den Türspalt. Es sind junge Frauen. Sie zeigen auf eine Stelle unter einem Regal. Der Mahlstein fürs Tanaka, einer Rinde, die sie zu Pulver reiben wollen, mit Wasser vermengen und dann als feines, sandfarbenes Make-Up auf Gesicht und Hals verteilen. Wenn die Sonne scheint, schützen die Birmanen mit Tanaka ihre Haut, im Moment ist es wohl auch ihre Würde.

„Mein Haus ist zerstört“, sagt eine der Frauen. „Das Wasser stand uns bis zum Hals.“ Sie zupft verlegen an ihrer lindgrünen Jacke. Ein gelber Kamm hält das hüftlange Haar. Um zu zeigen, wie es war, führt sie ihre Hand kurz unters Kinn. „Wir sind geschwommen, wir sind gerannt.“ Eine der Freundinnen sagt: „Ihr Vater ist tot. Ein herabstürzender Baum hat ihn am Kopf getroffen.“ Sie haben noch versucht, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Aber es war zu spät.

Jede der Frauen hat eine kleine Plastiktüte oder ein Körbchen. Ihre Habseligkeiten. Sie sagen, dass bei ihnen zwar fast alle Häuser zerstört sind, aber nicht so viele Menschen gestorben sind. Weiter unten sei es schlimmer. Nur acht Kilometer weiter im Süden gebe es noch Dörfer, da sei noch gar niemand hingekommen. Die Menschen dort seien jetzt sehr aggressiv, weil sie sich allein gelassen fühlten.

Andere haben den birmesischen Begleitern erzählt, die Armee komme manchmal mit einem ihrer Hubschrauber. Dann retteten sie Leute aus den abgelegenen Orten – gegen Bezahlung. 3000 Kyat würden die Soldaten verlangen. In normalen Zeiten kann ein Familienvater im Süden Birmas rund 1000 Kyat am Tag verdienen. Das ist etwa ein Dollar. Im Moment ist nicht daran zu denken, irgendwo etwas zu verdienen. Ob die Geschichte wahr ist, kann im Moment niemand nachprüfen. Aber nach allem, was man dieser Tage vom Militär in Birma sieht, wäre es den Soldaten zuzutrauen.

Auf dem Rückweg geht es wieder über viele Kilometer an den Hütten auf dem Bankett vorbei. Ein Jeep kommt entgegen. Darin Menschen mit Masken. Wovor sollen die sie schützen? Eine Freiwilligenorganisation rumpelt mit zwei Lastern an uns vorbei. Es regnet schon wieder. Näher an Rangun stehen Leute mit ein paar Kleintransportern, auch sie haben Masken vor dem Gesicht und tragen Plastikhandschuhe. Laut Weltgesundheitsorganisation sind im Katastrophengebiet erste Fälle der Ruhr-Krankheit aufgetreten. Die Helfer verteilen T-Shirts an die Leute. An herabhängenden Stromkabeln schaukeln Kinder zwischen den umgekippten Masten.

Am Straßenrand sitzen immer mehr Menschen und warten. Von Behausungen ist allerdings nichts zu sehen. Kommen hier vielleicht öfter Hilfslieferungen an? Und die Leute nur, um sie abzuholen? In der „New Light of Myanmar“, der Staatszeitung, waren in den vergangenen Tagen Generäle zu sehen, die den Sturmopfern Hilfsgütern überreichen. Es sah aus, als läge ihnen das Schicksal der Menschen sehr am Herzen. Materielle Hilfe nimmt die Regierung gerne an, aber die Spezialisten, die nötig wären, die Sachen schnell zu verteilen, lassen sie nicht ins Krisengebiet. Wer was bekommt, ob es dabei gerecht zugeht, ob die Hilfe dort ankommt, wo die Leute es am dringendsten brauchen, koordiniert hier niemand. Schon werden erste Vorwürfe laut, dass ausländische Hilfslieferungen auf Märkten verkauft würden. Selbst die Generäle fühlten sich genötigt, im Radio all denen Strafen anzudrohen, die mit Hilfsgütern handelten.

Zurück in der Hauptstadt Rangun. Im Vergleich mit den Bildern aus dem Delta scheint die Lage hier gar nicht mehr so schlimm. Als der Laster zurück in die Hauptstadt fährt, steht am Straßenrand ein Militärtransporter. Darin liegen Soldaten. Sie schlafen.

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