Birma : Überleben im Delta

Ein Sturm, eine Flut: Vor einem Jahr brachen sie über Birma herein, hinterließen 140.000 Tote und gigantische Verwüstungen. Seitdem haben die Menschen hier viel erreicht, sind stolz – und sie blicken nach vorn. Doch nicht ohne Angst.

Richard Licht[Rangun]
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Auch ein Jahr nach dem Zyklon dauern die Wiederaufbauarbeiten an. -Foto: getty

Es ist am Morgen ihr erster Handgriff. Während Mae Maes Vater mit dem anbrechenden Licht des Tages zum Hausaltar geht, um Buddha seinen Respekt zu erweisen, schaltet sie in der Küche das kleine Radio ein. Was sagt der Wetterbericht? Früher hat sie sich darum nicht geschert. Früher, das war vor Nargis, dem verheerenden Zyklon, der vor einem Jahr in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai mit tosenden Winden und einer Riesenwelle über das Delta des Irrawaddy-Flusses in Birma hinwegfegte, Verwüstung und geschätzte 140 000 Tote hinterließ. 2,4 Millionen Menschen gelten als vom Sturm betroffen. Mae Mae – nennen wir sie so, denn die wahren Namen von Menschen, die sich in dieser südostasiatischen Diktatur mit Journalisten einlassen, bleiben besser ungenannt – lebt mit ihrer Familie südlich der Stadt Pyapon im Todesdelta. Straßen gibt es hier keine, ihr Dorf ist nur mit dem Boot zu erreichen.

Die Wolken hängen so dicht und schwer über dem Fluss, als wollten sie die Erde mit ihrem Gewicht erdrücken. Die feuchte Luft presst schon ohne eine einzige Bewegung den Schweiß aus jeder Pore. Am Ufer recken sich die Palmen wieder stolz in den Himmel, das üppige Tropengrün überwuchert bereits so manches Wrack, das Nargis mit seiner Wucht an Land gespült hat. Als wolle die Natur den Sturm vergessen machen.

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29.07.2009 08:30Birma: Zerstörte Häuser nach dem Zyklon Nargis. -


Schließlich erreicht das Boot im Sturzregen einen schmalen Steg. Es ist Ebbe, der Landgang nur per Klimmzug möglich. Über einen Teppich aus Kokosnussschalen und glitschige Palmstämme balancieren wir zu einem Pfad aus Ziegelsteinen. Ein Berg beigebrauner Reiskörner unter einer Plane versperrt den Weg. Sie haben den Reis zum Trocknen ausgelegt, jetzt hoffen sie, dass das Plastik ihren Schatz schützen möge. Die erste Aussaat auf den von Nargis versalzenen Feldern ging nicht auf, die jüngste war schlechter als in anderen Jahren. Diesmal reicht es gerade für den eigenen Bedarf, zum Verkaufen bleibt nichts, berichten die Dorfbewohner. Sie können es sich nicht leisten, davon noch etwas zu verlieren. Normalerweise beginnt die Regenzeit erst Ende Mai. Aber was ist schon normal? Vom Feld schaut ein Wasserbüffel herüber.

Sie haben die Sturmwarnung nicht ernst genommen

Am Rand des Feldes steht der Stolz des Dorfes in Mintgrün. Die Grundschule. Ein Steinhaus. Normalerweise haben sie hier Hütten aus Palmmatten oder bestenfalls ein Holzhaus. Der Wirbelsturm hatte die alte Schule dem Erdboden gleichgemacht. Nur der Ziegelweg war danach noch da. Die neue Schule hat eine Firma aus Rangun gestiftet. Das Gebäude hat einen Raum, der Grundriss wie ein L, unterteilt mit einer halbhohen Mauer. Es ist nicht so massiv und sturmsicher wie die Schulen, die die Deutschen weiter unten im Süden des Deltas bauen. Aber schon viel stabiler als jene Schulen aus Holzgerüst und Mauerwerk, die die Regierung bauen lässt. Und die 101 Schüler haben schon eine ganze Saison lang gelernt. Bis Ende Mai sind Ferien, an den Tafeln stehen noch die Aufgaben der letzten Stunden Geschichte und Geografie.

220 Menschen wohnen hier, fast alle Reisbauern, erzählt der Dorfälteste Ko Kyaw in seinem Haus. Acht Einwohner sind im Zyklon gestorben. Auch ein Schwiegersohn und zwei Enkel. „Sie waren mit dem Boot unterwegs, es ist gekentert.“ Der alte Mann mit quadratischem Schädel und Stoppelhaar rülpst zweimal und zeigt auf seinen anderen Schwiegersohn. Der kauert mit Mae Mae und der dreijährigen Tochter zu seinen Füßen auf dem Holzboden. An zwei Wänden hängen weit oben wie eine Bordüre Porträtfotos der Familie, neben dem Fenster an einer dritten Wand zwei Zahnbürsten.

Spät kam damals eine Sturmwarnung, aber nicht einmal die haben sie ernst genommen. „Wir dachten, wenn das stimmt, sind ja hier alle tot. Das konnte doch nicht sein.“ Als der Wind immer stärker wurde, wollte Schwiegersohn Maung Maung doch noch mit dem Boot nach Pyapon flüchten. „Aber es war kein Durchkommen, die Palmen peitschten hin und her“, sagt er. Im Haus von Ko Kyaw – auch das ist mintgrün – haben die meisten Zuflucht gefunden. Auch ihm hat der Sturm das Dach weggerissen, das Wasser stand gut einen Meter hoch, aber wer hierherkam, hat überlebt.

Vor zwei Wochen haben sie schon wieder gezittert

Sie haben nicht viel mehr als ihre Reisfelder und einen kleinen Kramladen für das Nötigste, aber Ko Kyaw legt Wert darauf, dass die Kinder in die Schule gehen. 1988 hat er im Dorf die erste gegründet, behelfsmäßig, zwei Lehrer haben sie selbst bezahlt, bis das Ministerium sich ein Schulgebäude und Lehrer abhandeln ließ. Hinter seinen leicht milchigen Brillengläsern machen sich Lachfältchen breit.

Als der Sturm vorüber war, hat das Dorfkomitee getagt. Alle zusammen sollten die Hütten der Nachbarn wieder aufbauen, eine nach der anderen, beschlossen sie. Und noch ehe zehn Tage nach dem Zyklon die Spender aus Rangun auftauchten – der 4,5 Millionen Einwohner zählenden größten Stadt des Landes –, hatte das Dorf auch schon einen Plan für die Schule. „Wir hatten ja genug umgestürzte Palmen“, sagt Ko Kyaw zufrieden und lächelt. Die neue Schule war im Juli fertig, die letzte Hütte erst im Januar.

Doch dann haben sie vor zwei Wochen schon wieder gezittert. Mae Maes Radio brachte eine Zyklonwarnung für den Golf von Bengalen. Drei Tage lebten sie in Ungewissheit, dann gab es Entwarnung. Dass sie gesagt haben, der Sturm werde nur Westbirma treffen, haben sie nicht so recht geglaubt. Was sie machen werden, wenn wieder ein Zyklon kommt? Ko Kyaw rutscht auf seinem Stuhl herum, zupft an seinem grün-karierten Wickelrock, dem Longuyi, und zuckt mit den Schultern. „In der Zeitung haben sie geschrieben, dass wir uns von Bäumen fernhalten sollen.“ Einige Leute sind damals erschlagen worden, andere aber haben an Palmen geklammert überlebt. Viele, die gestorben sind, waren in ihren Häusern auf dem freien Feld. Da wohnten sie gern, denn dort weht meist ein leichter Wind. Viele Feldbewohner haben es nicht mehr in den Ort geschafft.

Es war die erste Warnung der Saison

Von den Opfern auf den Feldern erzählen die Menschen in fast jedem Dorf. Meist ist ihr Kloster erste Anlaufstelle, wenn es ein Problem gibt. In manchem Dorf haben sie das Kloster sofort neu mit Wellblech gedeckt. In einem hievten sie Säcke voller Reis unter die Decke.

Der hagere Abt, dessen Gemeinde eine Dreiviertelstunde von der damals besonders schlimm verwüsteten Stadt Bogale entfernt liegt, will sich aufs Glück nicht verlassen. Sein Ort liegt etwas tiefer, von den 700 Dorfbewohnern haben 200 Nargis nicht überlebt. Der Mann mit dem rasierten Schädel sitzt in seiner rostroten Robe in der Klosterhalle, eine Glasschiebetür schützt Buddha und den Altar. Er hat sich neben seinem goldenen Thron im Schneidersitz auf den Boden gesetzt, steckt sich eine Zigarette nach der anderen an. Sein Assistent macht sich über die Dose mit den Betelnüssen her. Fast alle kauen sie hier die bitteren Nüsse, die den Hunger vertreiben sollen und die Zähne tiefrot färben.

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29.07.2009 08:30Nach dem Sturm: Die Überlebenden im Irrawaddy-Delta haben sich durch die überschwemmten Felder in Richtung Straße oder Ufer...


Der Abt hat einen Notfallplan ausgearbeitet. Wenn eine Zyklonwarnung kommt, sollen alle nach Bogale. Sie werden mehrmals fahren müssen, sie haben nicht genug Boote. Aber das wird schon funktionieren, meint er.

Die ersten Flüchtlinge sind bereits mit der jüngsten Sturmwarnung wieder nach Bogale gekommen. Nargis, Nargis war überall zu hören. Vor allem Frauen und Kinder suchten Schutz, berichten internationale Helfer. Wer keine Verwandten hatte, kam in Schulen unter. Es war die erste Warnung der Saison.

Willkommen im Mittelalter

Für manche ist es ein Albtraum, wenn sie sich vorstellen, wie viele Menschen sich demnächst wieder nach Bogale flüchten könnten. Die Stadt ist bereits voll. Viele Menschen sind nach Nargis, aus Angst, nicht in ihre Dörfer zurückgekehrt. Inzwischen ist praktisch auf jedem freien Fleck eine Behausung entstanden – Haus kann man das oft kaum nennen.

Ist Bogale überhaupt eine Stadt? Besuchern aus dem Westen kommt als Erstes der Gedanke: willkommen im Mittelalter. Oder mindestens in der Frühzeit der Industrialisierung. Autos sind rar, sind sie groß, gehören sie meist Hilfsorganisationen. Mehr als 60 sollen es sein, die Deutsche Welthungerhilfe ist in Bogale ebenso vertreten wie UN-Organisationen, die französischen Helfer von Solidarité und Action contre la Faim. Zeitreisende aus der Moderne.

In Bogale gehen die Menschen zu Fuß oder fahren Rad, als Taxis dienen Fahrräder mit Beiwagen, darauf finden zwei Passagiere Platz, einer guckt nach vorn, der andere nach hinten. Mopeds sind selten. Reis und Gemüse werden auf Holzkarren transportiert, geschoben von fünf oder sechs oft älteren Männern. Strom gibt es theoretisch – doch der fällt ständig aus. Vor größeren Geschäften rattern Generatoren. Die Besitzer vieler kleiner Lokale am Straßenrand behelfen sich am Abend mit Batterien für eine Leuchtröhre.

In Rangun herrscht Ordnung

Die Teestuben füllen sich schon morgens um halb fünf, auf kleinen, pastellfarbenen Hockern frühstücken die Einheimischen. In Deutschland würden solch kleine Stühlchen nur in Kinderzimmern stehen, hier sind sie überall zu sehen. „Ein kleiner Hocker kostet 300 Kyat, ein normaler Stuhl 3000“, rechnet Ba Sein vor. Der stämmige Mittdreißiger aus Rangun lacht dröhnend. Er muss immer zwei Hocker übereinander stellen, ein einzelner würde unter ihm zusammenbrechen.

Auch in Rangun, der Metropole, gibt es ganze Straßenzüge mit solchen Imbissen. Aber Rangun ist auch Moderne, fast so weit weg von den Nargis-Opfern im Delta und deren Leben wie die Menschen in Europa. Sie haben hier keine Ahnung davon, dass viele im Delta auf den Feldern noch nicht einmal wieder ein Dach auf ihrer windschiefen Hütte haben.

In Rangun ist es in diesen Tagen fast so, als wäre nichts gewesen. An den Hauptstraßen sind die Häuser und Mauern längst wieder repariert, die entwurzelten Baumkolosse weggeschafft. Viele neue Hochhäuser wachsen in den Himmel. Über Nargis reden nur wenige. Von einer zentralen Gedenkfeier der Regierung für die Opfer hat noch niemand etwas gehört. Jede Familie macht eine eigene Zeremonie. Viele Mönche trifft man im Moment auf dem Weg zu einer der kleinen, privaten Gedenkfeiern. „Viele Birmaner leben nicht, sie versuchen zu überleben. Sie haben keine Zeit, eine große Zeremonie vorzubereiten“, sagt Ba Sein. „Das müsste die Regierung machen.“ So offen traut sich aber kaum jemand zu sprechen. Keine Politik, bitte.

Hilfspakete wurden vorne rein- und hinten wieder rausgetragen

Die Massenverhaftungen nach dem Aufstand der Mönche 2007 treiben die Leute ebenso um wie die drakonischen Haftstrafen, die in den vergangenen Monaten gegen jene ergingen, die es gewagt hatten zu kritisieren, dass die Militärregierung Opfer des Zyklons lieber hat sterben lassen als ausländische Hilfe ins Irrawaddy-Delta zu lassen.

Da, wo die Generäle als Samariter auftraten, war es oft nur Show, bei der Angehörige von Polizei und Militär etwas zugeschanzt bekamen. „An manchen Orten haben sie fürs Fernsehen vorne Hilfspakete reingetragen, hinterm Haus stand der Laster, auf dem sie alles wieder mitgenommen haben“, schimpft ein Freund von Ba Sein. Er hat die Propaganda seiner Regierung satt. „Ich habe zu Hause nicht einmal eine Antenne“, sagt er und grinst. „Ich kann ihre Nachrichten nicht mehr hören.“

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Er spart auf die 100 Dollar, mit denen er eine der großen Satellitenschüsseln kaufen kann, die sich wie aufplatzende schwarze Pilze auf so vielen Dächern Ranguns breitmachen. 150 Dollar Gebühren kassiert die Regierung pro Jahr, sehen können sie dann vor allem Sportkanäle und koreanische Seifenopern. Wer auch BBC oder CNN sehen will, muss sich eine kleine Schüssel kaufen, sagt Ba Sein: „Die kostet 1000 Dollar im Jahr.“ Wo ein Tagelöhner, wenn er denn Arbeit findet, einen Dollar macht, ein Lehrer ohne Nebeneinkünfte für Nachhilfe oder gute Noten 25 Dollar im Monat verdient und 300 oder gar 500 Dollar für einen Angestellten ein ziemlich ordentliches Salär sind, regelt der Preis sehr schnell die Nachfrage.

Es ist unklar, wer bei den Wahlen antreten darf

Die, die günstig übers Internet den Kontakt in die Welt suchen, sind gerade neu verunsichert worden. „Die Regierung hat sich in China schlau gemacht, wie sie die Internetzensur verbessern kann“, ist die 27-jährige San San überzeugt. Anfang April ging im Internet tagelang praktisch nichts, die staatliche Telefonfirma erklärte, sie müsse ein Unterseekabel warten. Dass das alles war, glaubte kaum jemand. Und die Firma wurde nicht in der angekündigten Zeit fertig. „Sie wollten gleichzeitig eine neue Spitzelsoftware aufspielen, aber das ist schief gegangen“, hat einer gehört, der einen Freund bei dem Telefonunternehmen hat.

 Noch ist auch nicht klar, wer bei den Wahlen antreten darf, die die Militärs für 2010 angekündigt haben. Von viel Hoffnung, dass sich etwas grundlegend ändern könnte, ist in Rangun nichts zu spüren. Träume hat so mancher, auch wenn einige trotzig sagen, satt zu werden sei viel wichtiger als Demokratie. San San verzieht den Mund in ihrem rundlichen Gesicht, hakt die Finger beider Hände ineinander: „Sie haben die Ergebnisse noch immer so verändert, dass sie zu 99 Prozent ihren Vorstellungen entsprechen.“ Dass Vertreter der Junta zum Neujahrsfest Mitte April bewaffnet ins Allerheiligste kamen, hat manchem zusätzlich zu denken gegeben.

Zur Feier in der Schwedagon-Pagode leuchteten zwischen den weißen Schirmen mit goldenen Blättern und den roten Roben der Mönche auch grüne Uniformen. Barfuß waren sie da, wie es sich im Tempel gehört, aber mit Helm, Splitterschutzweste und Maschinenpistole.

Militärs und ihre Angehörige machen sich keine Sorgen

Wer zu den Militärs und ihren Familien gehört, macht sich kaum Sorgen. Vor den schicken Lokalen rund um den Kandawgyi- oder den Inya-See fahren ungeniert auch sehr junge Männer in Geländewagen von BMW mit verchromten Trittbrettern oder in dunklen Mercedes-Limousinen vor. In den angesagtesten Fetzenjeans, das 2000 Dollar teure Handy am Ohr, in der Hand ein dickes Bündel grüner 1000-Kyat-Noten, aus dem sie gelangweilt dem Kellner die Rechnung zahlen. Sie schert es nicht, dass Reis gerade 30 Prozent teurer geworden ist.

Ja, die Ernte war schlecht im Delta, der Reiskammer des Landes. Und nun, mit dem beginnenden Regen, ist der Reis auch schwieriger zu lagern, das treibt die Preise in die Höhe.

Mae Mae und ihre Familie machen sich darüber keine Gedanken. Sie gehen davon aus, dass die nächste Ernte wieder normale Erträge bringt. Dann können sie auch wieder etwas verkaufen. Heute Abend aber wird Mae Mae in ihrer kleinen Küche am Fluss wieder das Radio anschalten und den Wetterbericht hören. Sicher ist sicher.  

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