Birma und der Westen : Die Macht, zu helfen

Richard Licht

Das Regime in Birma begeht gerade Massenmord. Das steht wohl außer Frage. Denn es kann auch drei Wochen nach dem verheerenden Wirbelsturm „Nargis“ keineswegs die Überlebenden im Irrawaddy-Delta versorgen. Die vage Ankündigung, nun Experten aller Nationen einreisen zu lassen, wenn sie denn wirklich welche seien, macht die Sache noch nicht wirklich besser. Wie sollen wir damit umgehen?

Verstehen wir, wie dieses Land tickt? Oft machten jüngst internationale Bemühungen den Eindruck, es gehe vor allem um Machtdemonstrationen. Laut zu sagen, dass man es besser wisse. Grundsätzlich möchte man die Forderung ja begrüßen, den Menschen müsse geholfen werden. Nur: Helfen Drohgebärden tatsächlich den Opfern, oder beruhigen sie vor allem das eigene Gewissen? Die Forderung nach militärischem Eingreifen klingt vermutlich in westlichen Ohren gut – wir tun was. Wir trauen uns was. Nur: Welche Nation würde denn Soldaten schicken? Wenn es um andere Einsätze für die Menschen geht, hat sich die Welt schon anderswo gut blamiert. US-Präsident Bush proklamiert seit Jahren, im sudanesischen Darfur geschehe ein Völkermord. Was hat er getan? Die UN haben – viel zu spät – einen Einsatz beschlossen. Dessen Umsetzung verdient nur ein Wort: peinlich. Was also hätte die Junta zu fürchten?

Kennt die Welt das Regime in Rangun überhaupt? Birmas Spitze meint unbedingt beweisen zu müssen, sie habe alles im Griff. Liefern vielleicht sogar eigene Leute nach oben geschönte Berichte, weil sie für eine Region zuständig sind und Strafe fürchten? Kann, wer so denkt, sich von französischen Kriegsschiffen helfen lassen? Oder wäre das nicht gerade Ausdruck von Schwäche, die aber undenkbar – sein Gesicht darf man nicht verlieren .

Und: Ist das System so gut organisiert, wie es glauben machen will? Mit den ersten ausländischen Diplomaten sind diese Woche Hundertschaften Uniformierter in Rangun aufgetaucht. Mannschaftswagen voller Polizisten, mit Stacheldrahtrollen und Schilden, bewaffnete Soldaten an Schlüsselpositionen. Eine Machtdemonstration für die Fremden? Oder fürchten die Generäle Proteste Unzufriedener vor den Augen der Welt?

Am Samstag folgte Teil zwei des Verfassungsreferendums, in den Katastrophengebieten, inklusive Rangun. Das wichtigste politische Vorhaben der Junta. Es ist wohl wieder gefälscht worden. Allerdings machten die Bürger nicht den Eindruck, als würden sie massenhaft aufstehen – obwohl viele wenig von ihren Oberen halten. Im Moment herrscht eine Stimmung: Ich lasse die Regierung in Ruhe, dann lässt die mich in Ruhe.

Da ist noch etwas: Diese Regierung ist kein Monolith. Weder alle Minister noch alle Soldaten sind mit dem Treiben der Spitze einverstanden. Aber auch sie wagen erkennbar nicht, sich offen gegen die Führung zu stellen. Im Kleinen aber ist manches möglich – auch im Delta.

Am Sonntag nun ist Geberkonferenz. Ausländische Diplomaten reisen ein. Sie haben Augen, Ohren, Münder. Die fürchten Than Shwe und die Seinen eigentlich. Jetzt heißt es: Wie viel Fingerspitzengefühl ist möglich, damit das Militär endlich seine Abwehr aufgibt? Dass es sich als Retter fühlen kann? Jetzt geht es nicht darum, Macht zu beweisen, sondern Menschen zu retten. Wer dann drin ist, kann viel sehen, tun – und so auch verändern. Von draußen kann die Welt weiter nur klagen. Während Menschen sterben.

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