Zeitung Heute : Bis auf den Kern

Anselm Waldermann

Der schnelle Atomausstieg scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Könnte die Atomkraft vor der Renaissance stehen?

Wer die jüngsten Energiedebatten verfolgt, gewinnt vielleicht den Eindruck, die Atomkraft stehe vor einer Renaissance. Union und FDP, Industrie und unabhängige Experten – sie alle versuchen, den Atomkonsens mit Worten aufzuweichen. Werner Müller, der als parteiloser Wirtschaftsminister den Atomausstieg selbst ausgehandelt hatte, stellte sich sogar an die Spitze der Bewegung: „Wenn wir die Vermeidung von Kohlendioxid ernst nehmen, werden wir irgendwann auch wieder bei der Kernenergie landen“, sagte er vor wenigen Tagen.

Im Jahr 2001, als Regierung und Kraftwerksbetreiber den Atomkonsens unterzeichneten, hörte sich das noch anders an. Vereinbart wurde damals, dass alle 20 deutschen Atomkraftwerke zusammen nur noch 2623 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren dürfen. Für jedes einzelne Kernkraftwerk gilt seitdem eine Regellaufzeit von 32 Jahren, wobei die bisherige Laufzeit abgezogen wird. Das Kraftwerk Stade ist daraufhin im Jahr 2003 vom Netz gegangen, in diesem Mai soll Obrigheim folgen. Als letztes Kraftwerk wird nach bisherigem Stand Neckarwestheim abgeschaltet – voraussichtlich im Jahr 2021.

Doch Wirtschaft und Opposition stellen diesen Zeitplan immer lauter in Frage. „Das wird mit Sicherheit rückgängig gemacht“, hieß es bei der FDP mit Blick auf einen möglichen Wahlsieg 2006. Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) und sein bayerischer Kollege Edmund Stoiber (CSU) riefen dazu auf, über die Zukunft der Kernenergie „ideologiefrei“ zu sprechen. Die Wirtschaft könnte sich eine Lockerung des Atom- ausstiegs ebenfalls vorstellen: „Das muss man unbedingt diskutieren“, ließ der Bundesverband der deutschen Industrie verlauten. Sogar unabhängige Umweltexperten wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bringen die Atomkraft wieder ins Gespräch.

Allerdings: Den Bau neuer Kraftwerke planen selbst hartgesottene Kernkraft-Fans nicht. In der aktuellen Diskussion geht es um etwas anderes: die Restlaufzeiten der bestehenden Kraftwerke. Weil die verlängert werden sollen, muss die Atomkraft zunächst wieder salonfähig geredet werden.

„Die Laufzeit könnte man gut und gerne von 32 auf 40 Jahre ausdehnen“, sagte Peter Paziorek, Vorsitzender des Arbeitskreises Umwelt der CDU/CSU-Fraktion. Das letzte Kernkraftwerk ginge dann nicht 2021, sondern acht Jahre später vom Netz. Einige Stimmen in der Union sprechen sich sogar für eine Laufzeit von 50 Jahren aus – das würde den Atomausstieg auf das Jahr 2039 verschieben. Möglich wäre ein solches Szenario nach einem Wahlsieg von Schwarz-Gelb durchaus – schließlich bedarf eine Verlängerung der Laufzeiten nur einer kleinen Gesetzesänderung.

Den Bau neuer Atommeiler hingegen lehnen die Umweltexperten von CDU/CSU und FDP unisono ab. Selbst Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), ein überzeugter Anhänger der Kernkraft, gab vor wenigen Tagen zu, er erwarte nicht, dass die Industrie den Bau neuer Atomkraftwerke anstrebe.

Damit hat er wohl Recht: Denn auch die großen Stromversorger weisen jegliche Forderungen nach neuen Kernkraftwerken zurück: Derartige Vorschläge gingen „an der Realität vorbei“. Schließlich gebe es nicht einmal mehr eine Behörde, bei der man einen Bauantrag für ein neues Kernkraftwerk stellen könnte, hieß es.

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