Zeitung Heute : Bis Castro der Kragen platzte

Maike Franzen

Hartes Durchgreifen gegen Prostitution und Drogenhandel zeigt ErfolgMaike Franzen

Kuba - das karibische Sex-Paradies?! Ein Weile schien es so, als würde die sozialistische Insel dem Reiseziel Thailand in dieser Hinsicht den Rang ablaufen. Das ging soweit, dass die kubanischen Männer sich beklagten. Zum Beispiel Jorge, Taxifahrer in Havanna und ehemaliger Vertragsarbeiter in Ost-Berlin. Jorge sagt: "Icke als Kubaner krieg ja keene Frau mehr, die gehn nur mit den Ausländern." Deutsche Reiseleiter wissen bereits von dem ersten, seit kurzem in Havanna inhaftierten Deutschen, der des sexuellen Mißbrauchs von kubanischen Kindern beschuldigt wird. Das Fass zum Überlaufen brachte eine mexikanische Reiseagentur, die ganz offiziell "Sex-Reisen" ins Nachbarland anbot. Bis Fidel Castro der Kragen platzte. Im Fernsehen prangerte der kubanische Präsident kürzlich das "antisozialistische Verhalten" vieler Familien an, die ihre Töchter verkaufen würden.

Hart durchgreifen lautet seit einigen Monaten die Devise. Als erstes schlossen die Diskotheken außerhalb der Hotels Ende vergangenen Jahres - ein beliebter Treffpunkt für Drogenhändler, leichte Mädchen und schwere Jungs aus aller Herren Länder. Alfredo, ein Professor aus Havanna, der nebenbei als Reiseleiter für einen deutschen Veranstalter arbeitet, erzählt: "Wenn ich mit meinen Reisegruppen abends in eine der Diskotheken gegangen bin, habe ich immer einige meiner Studentinnen im knallengen Stretchkleid getroffen - ohne eine Spur von Scham."

Neue Gesetze traten Anfang dieses Jahres in Kraft, um Prostitution und Drogenhandel, Schwarzmarktgeschäften und Taschendiebstahl Einhalt zu gebieten. Doch gleichzeitig wird der Kontakt zwischen Ausländern und normalsterblichen Kubanern, die nicht im Tourismusgeschäft arbeiten, erschwert. So müssen beispielsweise die "schwarzfahrenden" privaten Taxifahrer mit Geldstrafen bis zu 1500 Pesos (fünf durchschnittliche Monatsgehälter) rechnen, falls sie mit Touristen in Havanna oder auf der Strecke Havanna - Varadero erwischt werden. Kein Wunder, dass es mittlerweile immer schwieriger wird, über den Fahrpreis zu verhandeln, das Risiko ist vielen Privat-Taxisten zu groß. Prostituierten drohen bei mehrfachem Erwischen "Umerziehungslager" und bis zu 20 Jahre Gefängnis. Die Privatpensionen ("Casa particulares") dürfen offiziell keine ausländisch-kubanischen Pärchen ohne Trauschein übernachten lassen. Aber auch wer harmlos mit einem kubanischen Begleiter oder einer Bekannten durch die Altstadt Havannas streift, ist vor Polizei-Kontrollen nicht sicher. Besonders für die Kubaner ist diese Situation erniedrigend (bis hin zu Taschenkontrollen) und verunsichert viele, die sich nicht als offizielle Reiseleiter ausweisen können.

Brigitte und Albert Knickmann, Kreuzfahrturlauber mit Stopover in Havanna, wunderten sich beim abendlichen Spaziergang in der Altstadt über die zischelnden Bemerkungen der Anwohner: "Policía, policía" flüsterten ihnen die Leute zu. "Weil ich so südländisch aussehe", vermutet die Bremerin, "haben die mich wahrscheinlich für eine Kubanerin mit einem Touristen gehalten und wollten uns vor den Polizisten warnen, die hier überall herumstehen." Carmen, eine Mulattin und Restaurant-Angestellte, empfindet ihre Heimatstadt längst nicht mehr so lebhaft wie noch vor einem Jahr. "Wo Du auch hingehst, die Clubs und Bars sind leer, kaum ein Kubaner traut sich noch auf die Straße. Wer will schon ständig kontrolliert und für eine Nutte gehalten werden."

Besonders auf der berühmt-berüchtigten Calle 23, im Volksmund "La Rampa", macht sich die verschärfte Situation bemerkbar. Bis vor einem Jahr waren die Bürgersteige rund ums Hotel "Habana Libre" mit zwielichtigen Figuren zwischen Touristen, Straßenhändlern und schrillen Transvestiten bevölkert. Heute ist es ruhig hier. Auch die Uferpromenade Malecón ist nachts wie leergefegt. Wo sonst sogar am Tag die Frauen in Pose standen, sitzen heute nur noch Pärchen, Angler und Touristen. Tagsüber sind die blaugekleideten Staatshüter an allen Ecken in den touristischen Zentren wie Havanna, Santiago de Cuba und Trinidad zu sehen, wie sie vornehmlich Schwarze kontrollieren. Die Abschreckung wirkt auch andernorts: In Varadero beschwerten sich schon die ersten männlichen Urlauber über den Mangel an jungen Kubanerinnen. LTU-Reiseleiterin Annick Claeys: "Einige Kunden wollten wissen, wo denn die Mädels plötzlich hin sind." Eine Kontrollstation an der Brücke zur Peninsula Varadero sorgt für den "sauberen Tourismus": Ins Paradies kommen heute nur noch diejenigen, die nachweislich hier arbeiten und wohnen.

Es gibt auch positive Stimmen. "Das Klauen und die Prostitution hatten wirklich überhand genommen," bemerkt eine bayerische Reiseveranstalterin. "Ich habe mich bei meinem letzten Aufenthalt sicherer gefühlt und die Polizisten auf der Straße gleich auf meinen Mietwagen aufpassen lassen." Damit die in Lateinamerika weitverbreitete Korruption nicht auch in Kuba Fuß fasst, seien die Gehälter der Polizisten erhöht worden. Doch der heilige Schein trügt, vor allem im Sex-Gewerbe. Insider kennen die einschlägigen Bars in Havanna, die angeblich sogar von Polizisten bewacht werden sollen. Die Prostitution läuft mehr denn je im Verborgenen, etwa in einigen "Casa particulares", und Taxifahrer vermitteln gegen Provision die "Chicas", die Mädchen. Prostituierte berichten von Polizisten, die ihre Bußgelder in die eigenen Taschen stecken und weitergehende Wünsche äußern, damit sie die Frauen nicht auf die Wache mitnehmen.

"Wenn Du in Kuba einen halbwegs anständigen Lebensstandard haben willst, mußt Du mindestens 200 Dollar im Monat für Deine ganze Familie verdienen", sagt der Taxifahrer Jorge. "Und das macht hier jeder mit irgendwelchen krummen Geschäften, sei es Zigarren und Rum am Strand verkaufen oder mit Feierabend-Prostitution." Das offizielle Durchschnittseinkommen liegt bei 20 bis 25 US-Dollar im Monat - ausgezahlt in quasi wertlosen Pesos!

Doch wenn die Einheimischen nicht mehr am Dollar-Tourismus dazuverdienen dürfen, auf welche Art auch immer, dann könnte die umwerfende Gastfreundschaft gegenüber den "todo incluido"-Urlaubern in ihren paradiesischen, aber für Einheimische unzugänglichen "alles inklusive"-Ghettos womöglich umschlagen. Immerhin rund 1,4 Millionen Touristen zog es 1998 auf die karibische Insel, Tendenz stark steigend.
© 1999

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