Zeitung Heute : Bis in den Tod

Der irakische Diktator Saddam Hussein regiert sein Land seit 1979. Eine Opposition existiert nicht, und brutale Gewalt hat bisher den Status quo gesichert. Zum Machtapparat gehört vor allem seine Familie – Söhne, Töchter und Cousins. Selbst wenn sie sich alle gegenseitig bekämpfen.

Andrea Nüsse[Amman]

Saddam Hussein ist mit Hitler, Stalin und Louis XIV. verglichen worden. Aber der irakische Diktator hat ein einzigartiges Herrschafts- und Unterdrückungssystem geschaffen, in dem traditionelle Stammes- und Familienloyalität und der Sicherheitsapparat eines modernen Staates ineinander greifen. Saddam hat den Stalinismus orientalisiert, könnte man sagen. Durch Einheitspartei und deren zentrale Jugend- Frauen- und Arbeiterorganisationen hat er eine effiziente Kontrolle geschaffen. Doch der Hauptpfeiler seiner Macht, der ihn trotz politischer Fehler, verlorener Kriege und blutiger Aufstände mehr als 20 Jahre an der Macht gehalten hat, sind die omnipräsenten Geheim- und Sicherheitsdienste. Diese haben ihn auch davor bewahrt, wie viele seiner Vorgänger durch das Militär verjagt zu werden. Geleitet werden diese von engsten Familienangehörigen oder Vertretern des Abu Nasser Stammes, zu dem Saddam Husseins Clan der Al Bejat, gehört. Die Loyalität des Stammes, die auf beduinische Tugenden zurückgeht, garantiert größte Treue. Zementiert hat Saddam diese engen familiären Bande in der Führungsclique zusätzlich ganz in dynastischer Manier durch die Heiraten seiner drei Töchter und Söhne.

Der engste Kreis um Saddam besteht aus seinen Söhnen Udai und Kussai, seinen Cousins väterlicherseits, darunter Hussein und dessen blasser Bruder Saddam Kamel, sowie seinen Halbbrüdern Barzan, Watban und Sabawi, die der zweiten Ehe von Saddams Mutter Subha entstammen und zum Ibrahim-Clan des gleichen Stammes gehören. Die Cousins hat Saddam noch enger an sich gebunden, indem er ihnen seine Töchter Raghad und Rina zur Frau gab. Sein Halbbruder Barzan heiratete Ilhan, die gut aussehende Tochter von Saddams Onkel Khairallah Tulfah, der den vaterlosen Jungen großgezogen hat. Sein Sohn Udai wiederum nahm die Tochter von Saddams Halbbruder Barzan zur Frau, nachdem er kurz mit der Tochter des Vizepräsidenten des Revolutionären Kommandorates, Izzat Ibrahim Al Dhouri, verheiratet war. Innerhalb dieses Zirkels wurden die Machtposten immer wieder neu verteilt. Doch der Schein des geeinten Clans trügt: Intrigen, Morde und Verrat sind Familienalltag.

Saddam hat nach seiner Machtergreifung 1979 zunächst auf seine Halbbrüder gesetzt: Barzan wurde Chef der Geheimpolizei, Watban später Innenminister und sein Cousin Ali Hassan Al Majid Verteidigungsminister. Er war später für die Giftgasangriffe auf die rebellierenden Kurden verantwortlich und wird seither „Chemical Ali“ genannt. In den 80er Jahren setzte er auf seinen Cousin Hussein Kamel, der einen speziellen Sicherheitsdienst zum Schutze des Präsidenten und später die Republikanische Garden zur stärksten Truppe der Armee ausbaute. Der frühere Fahrer und Bodyguard Saddams stieg zum engen Vertrauten auf, was dem Ibrahim-Clan der Halbbrüder ein Dorn im Auge war. Sie hatten 1983 vergeblich versucht, die Heirat Hussein Kamels mit der erst 16-jährigen Lieblingstochter des Diktators, Raghda, zu verhindern. Doch der Aufstieg Hussein Kamels führte dazu, dass Barzan von 1988 bis 1998 als irakischer Botschafter zu den Vereinten Nationen nach Genf abgeschoben wurde. Dort kümmerte er sich allerdings weiter um das Vermögen des Hussein-Clans, das nach Angaben des Magazins „Forbes“ auf sechs Milliarden Dollar geschätzt wird. Hussein Kamel leitet seit Ende der 80er Jahre das irakische Programm zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen, 1991 ist er für die Niederschlagung des schiitischen Aufstandes nach dem verlorenen Golfkrieg verantwortlich. Wirkliche Unruhe kommt in die Familie mit dem Aufstieg von Saddams ältestem Sohn Udai. „Er ist ein politischer Aktivist, seit er ein Baby war“, soll sein Vater gesagt haben. Denn Saddam saß kurz nach der Geburt im Gefängnis und soll in den Windeln seines Erstgeborenen geheime Botschaften erhalten haben.

Udai selbst hatte aber vor allem als Playboy und brutaler Sadist einen Ruf. In seiner Garage hatte er zeitweise über 60 Luxusautos stehen, im Bagdader Nachtleben war er eine prominente Figur. 1988 ermordete er vor den Augen der Frau des ä gyptischen Präsidenten, Suzanne Mubarak, den Vorkoster seines Vaters, Kamel Hannah Jajo. Aufgestachelt von seiner Mutter Sajida machte er ihn dafür verantwortlich, seinen Vater mit der Ehefrau des Leiters von Iraqi Airways verbandelt zu haben. Diese heiratete Saddam später, aus der Ehe ging Sohn Ali hervor. Da Sajida befürchtete, Saddam werde seinen eigenen Sohn töten, soll sie sich an König Hussein von Jordanien gewandt haben, der den Familienstreit schlichtete. Udai ging in die Schweiz.

Der Ziehvater des irakischen Präsidenten, Khairallah Tulfah, mittlerweile Verteidigungsminister, ergriff in dem Streit die Partei seiner Schwester Sajida – und starb ein Jahr später bei einem Hubschrauberabsturz. Bald rehabilitiert, startete Udai durch sein Medienimperium Kampagnen gegen andere Mitglieder des Führungsclans. Dies führte zum Rücktritt von Saddams Halbbruder Watban als Innenminister. Doch als der Präsidentensohn Hussein Kamel die Macht über den Militärapparat streitig machen wollte, kam es zum schwersten Bruch im Familienclan: Hussein Kamel und sein Bruder Saddam flohen 1995 mit ihren Ehefrauen, den Töchtern Saddams, nach Amman und riefen von dort zum Sturz des Regimes auf – ein Schock für den irakischen Diktator. Aus unerfindlichen Gründen kehrten die Überläufer im Februar 1996 zurück und wurden wenige Tage später erschossen. Die Töchter Saddams waren zuvor von den „Verrä tern“ geschieden worden.

Der 1966 geborene Kussai stand lange im Schatten seines Bruders. Doch heute stützt sich Saddam hauptsächlich auf den disziplinierten und hart arbeitenden jüngeren Sohn. Er überwacht die Republikanische Garden, leitet die Geheimdienste und wurde 2001 als militärischer Stellvertreter in der Führung der Baath-Partei eingesetzt. In den vergangenen Wochen war Kussai bei allen Treffen zur Kriegsvorbereitung an der Seite seines Vaters zu sehen. Udai wurde mit Geld ruhig gestellt, er kontrolliert den Zigarettenschmuggel und die illegalen Rohölexporte.

Neben Kussai stützt sich Saddam auf seinen Privatsekretär, seinen Cousin Abed Hmoud. Seit den 70er Jahren ein enger Vertrauter, scheint er ungewöhnlich lange auf seinem Posten geblieben zu sein, weil er selbst keinen politischen Ehrgeiz hat. Er hat nach Ansicht von Biografen mehr Einfluss auf Entscheidungen Saddams als die Minister oder der Revolutionäre Kommandorat der Baath-Partei.

Zwar hat der irakische Führer immer wieder versucht, seine Machtbasis zu verbreitern. Nach den Revolten von 1991 hat er sich bemüht, durch Geld und Privilegien weitere Stämme landesweit für sich zu gewinnen. Doch die dadurch erkaufte Ruhe war nicht von Dauer, eine wirkliche Reform des repressiven Apparates kam nicht in Frage. So hat Saddam den Kreis wieder verengt und auf die eigene Familie und den Clan gesetzt. Allen schlechten Erfahrungen zum Trotz.

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