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Die Strategien für einen Militäreinsatz im Irak sind entwickelt. Aber jeder Plan birgt Risiken

Peter Siebenmorgen

Jeder Krieg birgt Risiken und Überraschungen in sich. So bald die ersten Schüsse fallen, mischen sich Chaos und Improvisation in das hinein, was zuvor an den Reißtischen der Feldherren oder den Computern der Strategen streng geplant worden ist. Diese auch im Kosovo- und Afghanistan-Krieg bestätigte ewige Regel des Kriegshandwerks dürfte auch in einem Irak-Krieg gelten.

Die von den Fernsehbildern aus Bagdad (1991), Belgrad (1999) oder Afghanistan (2001/2002) suggerierte absolute Dominanz der Luftwaffe existiert so nicht. Zwar ist sie mit modernsten Präzisionswaffen ausgestattet, was den Anschein erweckt, dass jeder Krieg für die amerikanischen Streitkräfte ein Leichtes sei. Aber an diesen Mythos glauben vor allem die US-Militärplaner längst nicht mehr. Interne Auswertungen der jüngsten Kriege durch die US-Luftwaffe haben ergeben, dass der Effekt moderner Abstands- und Präzisionswaffen auf die tatsächliche Kampfkraft des Feindes nur sehr klein gewesen ist. Besonders wertvoll waren hingegen die altertümlichen Bombenteppiche, die die B-52-Staffeln gelegt haben. Diese zerstörten zwar fast kein nennenswertes militärisches Ziel, trugen aber entscheidend dazu bei, die Moral und Einsatzbereitschaft der feindlichen Truppen zu zerstören.

Im Fall eines Irak-Kriegs dürfte sich bestätigen, wie sehr der moderne Luftkrieg überschätzt wird. Denn ihre Ziele finden die meisten der Hightech-Fernlenkwaffen nur in übersichtlichem Gelände zuverlässig. Schon lockerer Baumbewuchs auf dem Schlachtfeld stellt sie vor Probleme, dichte Bebauung erst recht. Den ernüchternden Erkenntnissen aus dem Kosovo- und Afghanistan-Krieg tragen daher auch die amerikanischen Planungen für einen möglichen Irak-Krieg Rechnung. Die Entscheidung, so glaubt man, werden Bodentruppen erzwingen müssen.

Die größte Unbekannte in der Rechnung der Militärplaner ist dabei die tatsächliche Kampfkraft und Moral von Saddams Truppen. Den regulären Streitkräften des Irak trauen die Amerikaner wenig zu, doch die Elite-Einheiten haben auf sie bereits im ersten Irak-Krieg Eindruck gemacht. Geordnete Kriegsführung ist zwar deren Stärke nicht, doch Einsatzbereitschaft und Kampfeswille waren damals groß. Heute stellt sich in strategischen Überlegungen die Frage, wie sehr Saddams Spezialeinheiten tatsächlich aktiven Widerstand leisten werden, oder ob sie eher rasch aufgeben.

Eine weitere Ungewissheit für die militärischen Planungen ist, ob und in welchem Umfang die irakischen Truppen Massenvernichtungswaffen einsetzen können, wollen oder werden. Entscheidende Lähmungen der eigenen Angriffsoperationen erwarten die Amerikaner hierdurch zwar nicht. Dennoch ist es fester Bestandteil ihrer Strategie, sich für diesen Fall selbst das Recht zur Vergeltung mit Atomwaffen vorzubehalten.

Wann geht es nach Bagdad?

Grundsätzlich gibt es bei den Planern zwei unterschiedliche Denkschulen über die richtige Angriffsrichtung. Die eine kann man auf die Formel bringen: Konzentration der Kräfte und direkt nach Bagdad. Die Einnahme der Hauptstadt entspräche etwa einer Enthauptung des Gegners. Selbst wenn Saddam Hussein noch vor den US-Streitkräften fliehen könnte, wäre der Fall Bagdads sein Ende. Die Annäherung an Bagdad ist in diesem Szenarium kein größeres Problem. Doch der Kampf um die Hauptstadt selbst, bei dem mit Hightech-Waffen wenig auszurichten ist, verlangt nach einer Massierung der Angriffskräfte. Die Schlacht, die im Fall anhaltenden irakischen Widerstands zu erwarten wäre, könnte eine Mischform aus Stalingrad und Mogadischu werden. Simulationen einer solchen Schlachtordnung am Brookings-Institut in Washington haben ergeben, dass dabei mit dem Verlust einiger tausend eigener Soldaten zu rechnen sei und die Opfer unter der Zivilbevölkerung im fünfstelligen Bereich liegen dürften.

Dieses Szenarium hätte einen weiteren entscheidenden Nachteil. Durch die Bündelung der Kräfte zur schnellen Einnahme Bagdads wären entscheidende Flanken ungeschützt. Im Norden könnte der Irak ungehindert gegen die Kurden operieren, im Westen hätte Saddam freie Hand und könnte Israel mit noch nicht abgerüsteten Raketen bedrohen. Zudem könnten Terrorattacken gegen Jordanien durchgeführt werden. Solche Weiterungen hätten aber aus Sicht der US-Planer Auswirkungen auf die Verfügbarkeit Saudi-Arabiens als Basis für viele der eigenen Operationen. Die Konzentration auf Bagdad eröffnete den Irakern zudem vielfältige Möglichkeiten für terroristische Kriegsführung, wie die Zerstörung von Ölfeldern.

Vieles spräche für einen breiteren Ansatz: schnelle Annäherung an Bagdad, ohne die sofortige Entscheidungsschlacht zu erzwingen bei gleichzeitiger Auffächerung der Angriffstruppen auf die kritischen Regionen des Irak. Doch diese zweite Strategie hat den Nachteil, dass sie den Krieg in die Länge ziehen könnte. Der entscheidende Schwachpunkt ist die immer noch schwache Vorort-Präsenz der Truppen. Militärexperten im Pentagon und in Forschungsinstituten haben den Bedarf für eine erfolgreiche Kampagne auf circa 300 000 Mann beziffert. Zurzeit sind es etwa die Hälfte.

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