Zeitung Heute : Bis ins Mark

Die Bundesbank war einst die Hüterin der deutschen Währung – jetzt, in Zeiten des Euro, verliert sie ständig an Bedeutung

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Ernst Welteke war schon ein beträchtliches Stück vorangekommen. Vor allem ihm oblag es, die Bundesbank in eine neue schwierige Phase zu führen. Doch der Umbau ist nicht abgeschlossen, die Bundesbank steckt mittendrin. Anfang 1999 wurde der deutschen Notenbank ihre zentrale Aufgabe genommen: die Steuerung der Geldpolitik. Mit der Einführung des Euro wurde diese Arbeit vom Frankfurter Diebesgrund, dem Standort der hässlichgrauen BundesbankZentrale, in den Eurotower an die Europäische Zentralbank (EZB), ein paar Kilometer weiter südlich im Zentrum Frankfurts, weitergereicht. Die Bundesbank hat heute über ihren Präsidenten, als Mitglied des EZB-Rates, nur noch eine von 18 Stimmen, die über Europas Leitzinsen und über Wohl und Wehe des Euro entscheiden. Ein Kulturbruch. Mehr als 40 Jahre lang hatte die Bundesbank die Deutsche Mark gehütet und dies mit großem Erfolg, der nicht nur auf die deutsche, sondern auch auf die europäische Wirtschaft ausstrahlte. Die Bundesbank genoss international hohes Renommee, der gute Ruf der Mark hatte vor allem auch mit der deutschen Notenbank zu tun.

Als Welteke im August 1999 an die Spitze der Notenbank rückte, waren diese ruhmreichen Zeiten für die Damen und Herren im Diebesgrund vorbei. Klar war: Die Bundesbank musste sich neue Aufgaben suchen, und sie musste reformiert und vor allem abgespeckt werden. 16 000 Mitarbeiter in Frankfurt und in den Bundesbankfilialen waren zu viel. Im Übrigen passte es nicht, dass die Notenbank permanent die ausufernden staatlichen Strukturen geißelte, selbst aber überfällige Einschnitte vor sich her schob. Welteke schaffte es mit einer klaren und zugleich auch einfühlsamen Strategie, den Verschlankungsprozess umzusetzen. Die Mitarbeiter standen deshalb auch in diesen Tagen hinter „ihrem“ Präsidenten, nennen ihn „gut“ und „sozial“. Dabei sind schon mehrere tausend Stellen weggefallen, bis 2007 werden es insgesamt 5000 sein. Zwei Drittel der einst fast 200 Filialen werden dichtgemacht. Fast einschneidender noch war die Abschaffung des Zentralbankrates und der Landeszentralbanken (LZB). In etlichen Bundesländern war man erbost, schließlich galten die Jobs an der Spitze der LZB als willkommener Job für ausgediente Politiker.

Aber den Bedeutungsverlust der Bundesbank konnte auch Welteke bislang nicht wirklich aufhalten. Das unter seiner Regie eingerichtete Geldmuseum sorgt zwar für Renommee, auch das eigene wissenschaftliche Forschungsinstitut ist ein richtiger Schritt. Aber in der Bankenaufsicht hat die Bundesbank an Bedeutung und Einfluss verloren, die entscheidenden Befugnisse liegen bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Bonn. Eine Aufgabe der Bundesbank, die auch in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird, ist die Verwaltung der Devisen- und Goldreserven. Immerhin 3440 Tonnen Gold und damit der weltweit zweitgrösste Goldschatz liegen in ihrer Obhut. Die Bundesbänker halten ihn bislang fest umklammert, obwohl er nicht ihnen, sondern dem deutschen Volk gehört. Aber die Bundesbank-Oberen fürchten, dass die Regierung den Schatz verjubelt. Ein Verkauf soll deshalb an klare Bedingungen geknüpft werden. Auch die Finanz- und Reformpolitik der Regierung passt der Bundesbank nicht: zu wenig Sparwillen, zu hohe Ausgaben, zu wenig Reformen. Allmonatlich kommen die Mahnungen aus Frankfurt.

Aber eigentlich bleibt der Bundesbank sonst nicht viel zu tun: Sie ist ein Rädchen im System der europäischen Zentralbanken und eigentlich – trotz ihrer Unabhängigkeit – nur eine ausführende Behörde. Sie verteilt die Euros an Banken und Sparkassen. Der Rest ist schmückendes Beiwerk. Ihre neue Rolle hat die Bundesbank jedenfalls noch nicht gefunden. Wenn sie 2007 ihren 50. Geburtstag feiert sollte sie es geschafft haben – auch ohne Welteke. „Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle an die Bundesbank“, hat der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors einmal gesagt. Die Zeiten sind vorbei. Heute zeigen die Deutschen eher missmutig auf die Bundesbank. Ernst Welteke hat einen gehörigen Teil dazu beigetragen. ro

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